Der Anfang

Kommt mit in den Hohen Norden, liebe Kinder. Dort sieht es aus wie im Reich der Schneekönigin. Das Polarmeer und die Tundra sind eine einzige riesige Ebene aus Eis und Schnee, eine kalte Wüste ohne Ende und ohne Anfang. Polarlichter tanzen im Winter wie bunte Geister über den nächtlichen Himmel, und die Menschen kleiden sich in Robben- und Eisbärenfelle, denn nur das hält sie bei minus dreißig Grad warm.

Aber das wissen wir doch alles, denken jetzt einige von euch. Da oben im Norden liegt Grönland, und da leben Moschusochsen und Schneehasen, Wale, Raubmöwen und Schnee-Eulen, Eisbären und Robben, Eishaie und andere Fische.

Oder etwa nicht?

Der Rabe, der gerade über der eisigen Hochebene kreiste, hätte sich auch gewünscht, all diese Tiere sehen zu können. Doch die Tundra war leer, und das Meer war es auch, seit dreißig Tagen schon. Es gab nichts zu jagen und nichts zu fressen, rein gar nichts, für niemanden.

Doch, da lebte noch etwas. Die scharfen Rabenaugen erblickten vier Hundeschlitten, die sich aus verschiedenen Richtungen auf einander zu bewegten. Ein Schlitten kam von der westlichen Eismeerküste, der zweite vom Sichelgletscher aus dem Norden, der dritte von der Packeisebene des Ostens und der vierte aus den südlichen Mooren. Das Ziel aller Schlittenführer war die Eskimosiedlung Igaliku, und sie würden dort in einer Stunde ankommen.

Der Rabe hatte genug gesehen. Er gab seinen luftigen Beobachtungsposten auf und flog selbst zur Siedlung. Kurz vorher setzte er plötzlich zur Landung hinter dem Schneehasenhügel an, wo er spurlos verschwand.

Wenig später kehrte eine alte Frau mit bedächtigen Schritten aus der Tundra zurück. Sie hatte wohl am Schneehasenhügel auf die Schlitten gewartet. Ihr großes, mit Fellen bedecktes Wohnzelt stand etwas abseits von den anderen. Es gehörte dem Schamanen.

Der Plan

Die Schlittenführer kümmerten sich nach ihrer Ankunft zuerst um die müden Schlittenhunde. Danach trafen sich alle Menschen der Siedlung – die Jäger, Großeltern, Frauen und Kinder - im Schamanenzelt von Großmutter Norna. Darin roch es nach Robben- und Eisbärenfell, nach Leder, Kräutern, Rauch und Essen. Die Stammesälteste erwartete ihre Gäste zusammen mit Jölund, ihrem 12jährigen Enkel. Auf dem Herdfeuer dampfte eine leckere Schneehasensuppe, und es gab für alle heißen Tee.

Woher Großmutter Norna in der Zeit der Not noch Essen für alle herzaubern konnte, das blieb freilich ihr Geheimnis.

Jölunds Onkel, der Jäger Kro, betrat als einer der letzten das Zelt. Er war eine imposante Gestalt, stark und groß, aber seine Augen blickten kalt und berechnend.

In seiner Begleitung war Jara, eine Waise. Sie hatte lustige blaue Augen und zwinkerte Jölund zur Begrüßung sofort aufmunternd zu. Die beiden waren nicht nur gleich alt, sondern auch beste Freunde. Seit Onkel Kro Jara die Eltern ersetzte, weil diese bei einem Jagdunfall vor einem Jahr ums Leben gekommen waren, besuchten die Kinder einander jeden Tag.

Onkel Kro und Jara holten sich Schneehasensuppe und Tee. Sie setzten sich zu Jölund. Nun sahen alle neunzehn Stammesmitglieder Großmutter Norna erwartungsvoll an. Sie war nicht nur die Älteste, sondern sie versah auch seit dreißig Tagen stellvertretend für Jölunds Vater alle Aufgaben als Schamanin. Daher begrüßte sie die vier Familien als Oberhaupt, dankte den Jägern für ihre Suche und bat sie, davon zu berichten.

Leider hatte niemand gute Nachrichten. Es gab kein Wild in der Tundra und an den Küsten. Es gab nicht mal Fische im Meer. Und Jölunds Eltern hatte auch niemand entdeckt.

Jölund verbarg seinen Kopf in Großmutters Armen. Tröstend strich sie ihm über sein kurzes, rabenschwarzes Haar. Beide wussten ohne Worte, was sie einander sagen wollten.

Jölunds Vater war der Schamane des Rabenclans. Seit dreißig Tagen waren er und Mama nun schon fort, auf Jagd, und kaum jemand glaubte noch an ihre Rückkehr. Und als ob der Verlust ihres Schamanen noch nicht schlimm genug wäre, hatte den Stamm seitdem auch das Jagdglück verlassen. So konnte es nicht weitergehen. Die Familien mussten dringend einen neuen Anführer wählen, und niemand zweifelte daran, dass es nur einen Bewerber gab: Kro, Nornas zweiten Sohn.

Sicher, er war ein ausgezeichneter Jäger. Zaubern und mit den Geistern sprechen, das konnte er auch. Aber konnte Kro wirklich ein Schamane werden, ein würdiges Oberhaupt der Sippe? Fast alle im Rabenclan bezweifelten es. Freundlich und hilfsbereit war Kro eigentlich nur, wenn Norna in seiner Nähe war. Doch es gab nun mal keinen anderen Bewerber!

„Mama und Papa leben. Ich weiß es“, flüsterte Jölund.

„Der weise Rabe denkt das auch“, bestätigte Großmutter. Sie entließ den Enkel aus ihrer Umarmung. Die anderen Familien horchten bei der Erwähnung des Raben auf. Man hätte das Herunterfallen einer Nadel gehört, so leise war es im Schamanenzelt geworden.

„Der Rabe, Großmutter?“, forschte Jölund. „Hast du ihn gesehen? Was hat er dir gesagt?“

„Nun ja, wir haben uns da draußen vorhin unterhalten“, antwortete Norna ruhig. „Er versicherte mir, dass deine Eltern leben, aber ein Fluch hat sie getroffen, und deshalb können sie nicht nach Hause kommen.“

Jölund stockte bei dieser Nachricht vor Aufregung der Atem.

Mama und Papa lebten also. Das war schon mal gut. Er hatte es ja eigentlich immer gewusst. Mit dem Fluch, das war natürlich weniger schön.

Der Rabenclan überlegte nun gemeinsam, welcher Fluch es sein könnte. Man konnte freilich nur spekulieren, aber das war immerhin noch besser als nichts. Man einigte sich darauf, dass Sedna, die Meeresgöttin, vermutlich erzürnt war.

„Kann man sie nicht wieder freundlich stimmen, Großmutter?“, forschte Jölund.

„Das ist nicht so einfach“, gab Norna zu bedenken. „In Sednas langen, schwarzen Haaren sammelt sich wie Pech alle Bosheit, die es in der Welt gibt. Bei zu viel Bosheit bleiben an dem Pech irgendwann alle Tiere kleben, die wir eigentlich jagen wollen – die Fische, Robben, Schneehasen und so weiter. Sie sind dann alle unten in Sednas Wasserreich gefangen. Nur ein mutiger Schamane könnte sie erlösen. Er müsste zu Sedna gehen, ihr das klebrige Pech aus den Haaren kämmen und mit dieser guten Tat die gefangenen Tiere befreien. Aber wer von uns könnte dieser Schamane sein? Ich bin für dieses Abenteuer schon zu alt. Du, Jölund, bist zu jung …“

Alle Augen richteten sich auf Kro.

„Auf keinen Fall“, wehrte dieser empört ab. „Wir wissen doch gar nicht, ob die Sache mit dem Fluch wirklich stimmt! Aber ich mache euch einen anderen Vorschlag. Wenn sich in drei Tagen noch immer keine Fische in unseren Netzen fangen und wir weder Robben noch Rentiere sehen, brechen wir unser Lager ab und ziehen fort. Ich werde euch als euer neuer Schamane anführen. Das ist der Plan. Hat jemand etwas dagegen?“

„Ja. Ich!“, sagte Jölund.

Überrascht sahen ihn alle an. Jara schlug vor Schreck beide Hände vor den Mund. Kros Augen glitzerten, als ob darin Eissplitter wären. Und Großmutter schüttelte nachdenklich ihr weißhaariges Haupt.

„Ich möchte meine Eltern suchen. Wenn sie noch leben, finde ich sie!“, beschwor Jölund seinen Clan.

Abwehrendes Gemurmel hob an. Kro gebot mit einer Handbewegung Schweigen. Er sah Jölund genau in die Augen, als er entschied: „Dann geh. Brich noch in dieser Stunde auf. Du hast genau drei Tage Zeit. Aber wenn du nicht pünktlich zurückkommst …“

Den Rest ließ Kro offen.

Die gefährliche Gletscherspalte

Schnee stob unter den Kufen hervor. Der Schlitten flog so geschwind wie eine Raubmöwe über die verschneite Tundra. Dicke Schneewolken bedeckten den ganzen Himmel, erste Flocken wirbelten, und es war spürbar kälter geworden. Schlechtwetter kündigte sich an. Die beiden Huskys Nanuk und Kuska gaben ihr Bestes, um ihr Herrchen so schnell wie möglich an die Eismeerküste zu bringen. Dorthin hatten Mama und Papa gewollt, und dort wollte Jölund mit seiner Suche beginnen.

Aufmerksam beobachtete er die Strecke, um sofort eingreifen zu können, falls ihm Gefahr durch gefährliche Gletscherspalten oder tückische Steine drohte. Trotzdem hörte er, wie der Schlitten hinter ihm hustete.

Aber nein, das konnte nicht sein. Oder war da etwa …?

Da, schon wieder!

„Äh- haptschi!“

Nun reichte es. Jölund hielt erst die Hunde an, dann drehte er sich um und betrachtete stirnrunzelnd die Ladung, die er zusammen mit Großmutter im Schlittenheck verstaut hatte. Spaten, Jagdmesser, die Hasenfalle und das kleine Fischernetz. Okay. Getrocknetes Fleisch und Trockenbeeren. Speck, Streichhölzer, Holz, ein Kochtopf. Gut. Und Großvaters Jagdgewehr. Darauf war er besonders stolz. Ja, aber das Weiße, Pelzige daneben, das hatten Großmutter und er nicht aufgeladen. Moment, war das etwa …?

Das Weiß-Pelzige entrollte sich wie eine Schnecke, es bekam einen Kopf, Arme und Beine, und dann sagte es mit Jaras Stimme: „Erwischt!“

Jölund fiel vor Schreck vom Schlitten.

Als er sich schimpfend wieder hochgerappelt hatte, stand Jara neben ihm und strahlte ihn an. „Beruhige dich“, sagte sie munter. „Kro ist froh, dass er mich los ist, deine Großmutter ist froh, dass du nicht alleine bist und ich bin froh, dass ich dir helfen kann. Los, nun sag schon, dass du dich auch freust!“

Den Gefallen tat Jölund ihr zwar nicht, aber die Fahrt ging trotzdem weiter – und nun waren sie zu viert.

Es war Jara, die das Problem zuerst sah. Jölund zügelte auf ihren Zuruf sofort die Huskys, und dann standen sie ratlos vor der eisigen Gletscherspalte. Sie war entsetzlich tief. Endlos breit war sie auch. Links und rechts war überhaupt kein Ende abzusehen. Auf die andere Seite springen ging nicht, und hinüberklettern auch nicht. Erstens war das supergefährlich. Und zweitens hätten die Hunde und der Schlitten zurückbleiben müssen.

Ratlos sahen die Kinder einander an. Aber keiner wollte aufgeben. Irgendwie musste eine Lösung her!

Plötzlich tat sich in den Wolken eine Lücke auf, und die Sonne beleuchtete genau die Schlucht. Jara kniff die Augen zusammen, denn in dem Licht hatte sie ein paar Meter weiter rechts etwas entdeckt, was ihr vorher nicht aufgefallen war. Und tatsächlich – es blieb an derselben Stelle, und es glitzerte eisig, genau da, wo der Sonnenfinger hinzeigte.

„Jölund, sieh doch nur! Eine Eisbrücke! Und sie führt genau über die Spalte!“

Es war ein Glücksfall, und es war auch verrückt. Wer konnte wissen, wie viel Last diese sogenannte „Brücke“ zu tragen vermochte? Sie war so hart und so dünn wie Jölunds Messer, und sie war ein bisschen breiter als der Schlitten - und ihre einzige Chance, wenn ihre Suche hier nicht enden sollte.

Also wagten sie das Unmögliche.

Jölund schickte zuerst die Hunde hinüber, einen nach den anderen. Dann kroch Jara hinterher. Der Junge folgte ihr und er hoffte, dass seine Freundin nicht sah, wie sehr ihm die Knie zitterten. Zuletzt zogen sie den Schlitten ganz, ganz langsam an einem Seil zu sich herüber. Die Eisbrücke knackte drohend, aber sie hielt. Erst als der Schlitten sicher vor ihnen stand, zerbrach sie an mehreren Stellen, und die Eisstücke, die eben noch eine Brücke gewesen waren, krachten dröhnend in die Tiefe.

Genau in diesem Moment, als sie dachten, nun wäre das Schlimmste vorbei, verschluckten die Wolken das Sonnenlicht, es wurde schlagartig Nacht, und der Eissturm schlug los.

Der Eissturm in der Nacht

Es gelang den vier, sich in eine verlassene Wolfshöhle zu retten, bevor der Eissturm ordentlich in Fahrt kam. Ihnen wurde schnell entsetzlich kalt. Ein wärmendes Feuer konnten sie nicht entfachen. Der Wind hätte ihnen die Zündhölzer aus den Händen gerissen, bevor sie auch nur ein Flämmchen zustande gebracht hätten. Da holten die Kinder Nanuk und Kuska zu sich in den warmen Schlafsack aus Eisbärenfell, und alle vier schützten sich gemeinsam vor dem heulenden Wind, vor der beißenden Kälte, vor dem umherstiebenden Schnee und vor dem klirrenden Eis.

Schlaflos verbrachten sie die Nacht.

Der Morgen zeigte ihnen eine Welt, die anders war als am Tag zuvor. Glitzernde Eiskristalle bedeckten den Boden der Tundra, glasklare Eiszapfen schmückten die dick verschneiten Felsen, die gestern nur glatt, schwarz oder mit bunten Flechten verziert gewesen waren. Der Himmel war heute hoch und blau, wolkenlos und freundlich. Die warme Sonne ließ die vier Abenteurer bald die Kälte der Nacht vergessen.

Sie frühstückten Trockenfleisch und Beeren. Die Huskys spielten vor der Wolfshöhle Versteck und Fangen. Jara füllte Schnee in den Topf und ließ den Schneematsch über einem Feuer schmelzen. Aus dem Wasser bereiteten sie sich heißen Brombeerblättertee zu.

„Zeit aufzubrechen“, mahnte Jölund, als sie alle warm und satt waren. „Wir haben nur noch zwei Tage, um Mama und Papa nach Igaliku zurückzubringen.“

Jara nickte und rief die Hunde zum Gespann.

Diesmal war es Jölund, dem etwas Seltsames zuerst auffiel. Beim Bepacken des Schlittens entdeckte er im Schnee neben ihrem Lagerplatz etwas Schwarzes. Als er sich bückte und die Hand darauf legte, da fühlte er Federn! Es war ein Rabe! Hatte der kluge Vogel genau wie sie eine Zuflucht gesucht, es aber nicht mehr bis in die Höhle geschafft?

Jara half ihrem Freund. Gemeinsam befreiten die Kinder den Raben von Eis und Schnee. Er lebte, sein Vogelherz schlug, aber nur schwach. Essen und trinken konnte er noch nichts. Das Mädchen steckte den Raben mitleidig unter ihren Mantel. Ihre Körperwärme würde ihm guttun und ihm womöglich das Leben retten. Jölund feuerte Nanuk und Kuska an, und weiter ging die Fahrt zur Eismeerküste. Nun waren sie schon zu fünft.

Die Eismeerküste

Die Freunde erreichten ihr wichtigstes Etappenziel noch am Vormittag des zweiten Tages. Sie parkten den Schlitten auf einem Küstenfelsen, den die Wellen und die Stürme so glatt wie einen Tisch poliert hatten. Hinter den Kindern blieb die Tundra zurück. Vor ihnen lag das Meer. Es war nicht völlig vom Eis bedeckt. Zwischen den Eisschollen gab es immer wieder genug Platz. Er hätte den Robben und Eisbären genügt, um dort Luft zu holen, zum Ausruhen auf eine Eisscholle zu klettern oder von dort ins Wasser zu springen. Aber es gab hier keine Tiere, genau wie es die Jäger gesagt hatten. Nicht mal ein Möwenschrei erklang. Nur die Wellen schlugen in ihrem ewigen Takt an die Küstenfelsen. Trotzdem war das Panorama der See unglaublich schön. Staunend und voller Ehrfurcht betrachteten die Freunde die unendliche Weite des Polarmeeres, bis der Rabe unter Jaras Jacke leise krächzte.

„Er will hinaus“, bemerkte Jölund.

Jara gab dem Vogel die Freiheit. Er flog eine Runde über ihren Köpfen, krächzte erneut und sah sich auffordernd nach den Kindern um.

„Kra! Kra!“

„Er will, dass wir ihm folgen“, stellte Jölund fest.

Genau so war es. Der Junge befahl den Hunden, sich nicht von der Stelle zu rühren und den Schlitten zu bewachen. Dann liefen die Kinder dem Raben hinterher. Er führte sie etwa dreihundert Meter vom Schlitten fort. Auf dem Felsen, den er zuletzt wie einen Zielpunkt umkreiste, lag etwas. Oder jemand?

Jölund sah Jara ängstlich an. Sie las die bange Frage in seinen Augen und formte mit ihren Lippen lautlos ein: Ja.

Es stimmte. Auf der Klippe, die sanft von den eiskalten Wellen des Meeres geliebkost wurde, lag die Meeresgöttin persönlich: Sedna. Die beiden Freunde fassten sich ein Herz und wagten es, vor die Göttin zu treten. Was blieb ihnen auch sonst übrig? Wenn jemand wusste, wo sie Jölunds Eltern finden konnten, so war es Sedna.

Die Göttin wusste längst, wer sich ihr genähert hatte, aber sie ließ den Kindern genug Zeit, sich zu sammeln. Erst dann schlug sie ihre Augen auf, die so blau waren wie der Himmel. Sie war eine wunderschöne Göttin, aber sie hatte keine Hände oder Füße, sondern Schwimmhäute. Und deswegen konnte sie sich auch nicht das lange schwarze Haar kämmen, obwohl sie es gerne ordentlich gehabt hätte. Im Moment war es leider ganz verklebt. Es strebte in wirren Strähnen nach allen Seiten fort. Als sich die Göttin nun aufrichtete, sahen Jara und Jölund, dass sie ein Kleid aus weißen Robbenfellen trug. Es sah ganz wunderbar aus, beinahe so, als ob Großmutter Norna es persönlich für Sedna angefertigt hatte.

„Sprecht!“, befahl die Göttin mit ruhiger Stimme.

Jara sah Jölund an, damit er beginnen sollte. Und das tat er, nachdem er noch mal tief Luft geholt hatte. Er ließ nichts aus, nicht, wie er seit einem Monat auf seine Eltern wartete, und auch nicht, wie sehr sein Clan die Tiere vermisste und dass alle glaubten, sie hätten die Göttin irgendwie erzürnt.

Jara übernahm es, von ihrer Reise zu erzählen, und als sie das geschafft hatte, kam der Rabe herab, setzte sich auf ihre Schulter und blickte Sedna mit klugen Augen an.

„Kraaah!“, krächzte er. „Äh! Aarr! Kr-ha! Kraar!“

„Erzählt er Sedna etwa auch etwas?“, flüsterte Jölund. Die Rede des Raben zu stören, traute er sich nicht.

„Oh ja, das hat er“, bestätigte die Göttin. „Er hat mir erzählt, dass ihr bis morgen zurück sein müsst. Und diese unlösbare Aufgabe hat euch Onkel Kro gestellt, der Mann, der so gerne der neue Schamane sein möchte. – Tja, wir werden sehen, was daraus wird. Zuerst einmal müsst ihr mich kämmen. Dann können wir über alles andere reden. Nun? Wer will anfangen?“

Da zog Jölund tapfer seinen eigenen Kamm aus der Tasche. Schüchtern näherte er sich der Göttin, fasste mit der linken Hand die erstbeste verklebte Haarsträhne an und fing an, sie zu entwirren und zu kämmen. Oh, wie war sie klebrig. Wenn dieser Klebschiet wirklich von der Bosheit der Menschen kam, dann war es aber allerhöchste Zeit für eine gute Tat. Und so kämmte er, bis ihm die Hand erlahmte, dann löste Jara ihn ab. Ihr tat die Göttin ganz einfach nur leid. Was für ein Ärger, wenn man mit solchen Haaren herumlaufen musste!

Beide Kinder kämmten um die Wette, ohne auf die Zeit zu achten, und erst, als das Haar der Göttin wieder seidenweich über ihre Schultern fiel, entschied Jara, dass sie nun fertig wären.

Aber war auch Sedna der Meinung, dass die Freunde ihre Arbeit gut gemacht hatten?

Doch, das war sie. Sie hob ihre Arme, machte geheimnisvolle Bewegungen wie eine Schamanin, und danach kamen die Tiere zurück. Robben hüpften auf die Eisschollen, Eisbären schwammen durchs Meer, Fische sprangen aus dem Wasser und Möwen kreischten, glücklich über die neu gewonnene Freiheit.

Dann brodelte es plötzlich direkt vor dem Felsen, auf dem Sedna stand und zauberte, und die Tiere der Tundra stiegen in einer langen Reihe aus dem Meer: Die Moschusochsen und Rentiere, die Polarfüchse und Wölfe, die Mäuse, Schneehasen und Schnee-Eulen und noch viele andere. Sie alle verneigten sich vor der Göttin, bevor sie in die große Ebene zurückkehrten, in die sie gehörten.

„Wir haben es geschafft“, jubelte Jara überglücklich.

„Nicht ganz“, widersprach die Göttin sanft. „Jölunds Eltern fehlen noch.“

Der Fluch des Tupilak

„Wo sind Mama und Papa?“, fragte der Junge ängstlich. „Leben sie noch?“

Der Rabe setzte sich auf Jölunds rechte Schulter und knabberte liebevoll an seinen Haaren.

Ja, der Schamane und seine Frau würden noch leben, bestätigte die Göttin. Onkel Kro war an allem schuld. Er hatte den beiden einen bösen Geist hinterhergeschickt, einen Tupilak, als sie zu ihrer letzten Jagd aufgebrochen waren. Und der miese fiese Tupilak hatte sie an der Eismeerküste auch erwischt und sie in die Eiswand des Sichelgletschers gebannt. Dort saßen Mama und Papa nun fest, ohne zu leben oder zu sterben. Und Kro würde der neue Schamane werden.

„Wie grausam ist das denn? Können Sie das nicht verhindern?“, rief Jara entsetzt.

Jölund bat: „Bitte, Sedna. Kannst du meine Eltern nicht wieder lebendig machen?“

Die Göttin überlegte. Dann fragte sie: „Und was würdet ihr mit Kro machen, jetzt, wo ihr wisst, wie böse er ist? Muss er sterben?“

„Ich würde zu Großmutter Norna ziehen“, sagte Jara sofort.

„Nein, sterben muss Onkel Kro nicht“, meinte Jölund. „Wir sagen ihm, dass wir ihn durchschaut haben und dass wir alles wissen. Die Gemeinschaft wird über ihn Recht sprechen, so wie es Brauch bei uns ist. Und er muss tun, was der Rabenclan beschließt. Das wäre gerecht.“

Der Rabe krächzte zufrieden, als ob er alles verstanden hatte.

„Dann soll es so sein“, entschied Sedna. Sie winkte den Kindern zum Abschied freundlich zu, bevor sie, einer Robbe nicht unähnlich, mit einem eleganten Sprung im Meerwasser verschwand.

Zur gleichen Zeit zogen so dichte Wolken vor dem Sichelgletscher auf, dass er gar nicht mehr zu erkennen war. Er grollte, als ob eine Lawine von ihm abging. Danach verzogen sich die Wolken wieder. Ein Boot stieß vom Gletschertor ab, und obwohl die Kinder es nicht genau wissen konnten, weil es ja ganz weit weg war, so waren sie doch davon überzeugt, dass in ihm die zwei Menschen saßen, die sie von ganzem Herzen herbeigesehnt hatten.

Eine Woche später

Jara wohnte nun auch im Schamanenzelt. Darüber war sie sehr froh. Das Mädchen wich Großmutter Norna nicht mehr von der Seite. Sie wollte so viel von der alten Frau lernen: Ihre leckeren Rezepte, wie sie es schaffte, ein schickes Paar Eskimostiefel an einem einzigen Tag fertig zu nähen, wozu alle anderen Frauen mindestens eine Woche brauchten, wieso sie mit dem Raben reden konnte, und vieles andere mehr. Großmutter freute sich über Jaras Wissbegier. Die zwei wurden unzertrennlich.

Der Rabenclan wusste inzwischen, warum ihr Schamane so lange nicht daheim gewesen war und wie tapfer Jölund und Jara auf ihrer Rettungsmission gewesen waren.

Die Abenteurer – Jölund, Jara, Mama, Papa, Nanuk und Kuska - hatten es natürlich nicht am dritten Tag vom Eismeer zurück bis in die Siedlung geschafft. Denkt nur mal an die Gletscherspalte! Die Eisbrücke war ja weg, deshalb mussten sie nach einem neuen Übergang suchen. Diese Suche kostete sie einen ganzen zusätzlichen Tag.

Kro verlangte vom Rabenclan inzwischen, dass sie wegziehen sollten. Ohne die Schamanenfamilie. Großmutter Norna konnte dazu niemand befragen. Sie war nämlich selber seit zwei Tagen verschwunden. Komisch, nicht wahr?

Doch am dritten Tag passierte in Igaliku etwas Magisches. Alle Eskimos sahen, wie ein Rabe heranflog, genau bis zum Schneehasenhügel, und dort landete er. Dann war er irgendwie weg. Dafür kam aber Großmutter Norna hinter dem Hügel hervor. Sie wanderte zurück in die Siedlung, hielt schnurstracks auf ihr Zelt zu – und richtig, darin fand sie Kro. Er fühlte sich schon ganz wie der neue Schamane.

Aber damit war nun Schluss. Großmutter Norna erzählte den staunenden Eskimos ganz genau, was in den letzten drei Tagen am Eismeer passiert war und was Kro Schlimmes getan hatte.

Während sie miteinander redeten, wanderte eine Herde Moschusochsen ganz dicht an der Siedlung vorbei.

Die Sippe hielt über Kro Gericht, so wie es im Norden Brauch ist, und das einhellige Urteil lautete: Verbannung auf Lebenszeit.

Kro durfte mitnehmen, was er zum Überleben in der Tundra brauchte – seine Hunde, einen Schlitten, Kleidung, Waffen und etwas Nahrung – aber er musste den Rabenclan sofort verlassen und durfte nie wieder zurückkehren. Und wenn jemand den boshaften Onkel in der Nähe des Lagers erwischen würde, so würde er ihn erschießen.

Ja, so ist der Norden, liebe Kinder. Abenteuerlich, aber gerecht.

Marianne Thiele

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Last Updated (Tuesday, 25 January 2022 06:51)