Hilfsbereit zur Winterzeit

(In: Güstrow Express Nr. 7/26 vom 12. Februar 2020, Seite 09)

Den ganzen Nachmittag lang hatte Trulla, die Winterhexe, neue Schneeflockenmuster ausprobiert. Die Flöckchen durften nicht zu dick sein, denn sie mussten im Wind tanzen können. Kater Karlchen leistete seiner Freundin bei der Arbeit Gesellschaft. Als es Abend wurde, hatte Trulla 166 neue Flockenmuster gefunden. Sie war sehr stolz darauf.

„Dann wird es also morgen endlich schneien?“, erkundigte sich der weiße Kater erfreut.

„Oh ja“, sagte die Hexe. „Vorher muss ich aber noch im Herbsthexenhaus die Blumen gießen und mich - äh - um Purzel kümmern. Oder hieß sie Schnurzel? Egal. Es war jedenfalls irgendein Tier. Prunella verlässt sich auf uns. Du weißt ja, sie ist für eine Woche in Finnland.“

„Kein Problem. Aber wer ist Purzel?“, fragte der Kater verwundert.

Doch das hatte das Winterhexlein dummerweise vergessen, weil sie ihrer Schwester am Telefon nie ordentlich zuhörte.

Am nächsten Morgen wartete ein grau gestreiftes Kätzchen vor Prunellas Haustür. Es sah hungrig aus – und lieb.

„Oh, hallo. Du bist bestimmt Purzel“, sagte die Winterhexe, gab der Kleinen flink etwas Futter und kümmerte sich hinterher ums Winterwetter. Sie ließ zuerst die Seen zufrieren. Dabei ging ihr Prunis Kätzchen nicht aus dem Sinn. Es hatte so dünn ausgesehen. Gab ihm die geizige Herbsthexe etwa nicht ordentlich zu essen?

Also nahm sie am nächsten Morgen eine dicke Forelle mit. Doch, oh Wunder: Diesmal wurde sie von zwei Purzels erwartet, und beide schnurrten um die Wette.

„Komisch“, murmelte die Hexe ratlos. Sie teilte den Fisch redlich auf und flog zur Arbeit in den Winterwald.

Tags darauf wählte sie eine große Dose Katzenfutter aus, obwohl Karlchen Protest anmeldete. Dennoch, es war wie verhext: Aus Prunis zwei Haustieren waren über Nacht – pardauz - drei geworden. Sie ähnelten sich wie Drillinge und sahen erwartungsvoll die Futterdose an.

„Nanu? Ihr mogelt doch“, knurrte die Hexe misstrauisch, konnte aber den bettelnden Blicken nicht widerstehen.

Karlchen grinste, als er abends alles hörte. Zack, ritzte er mit einer Kralle drei Striche in die Hexentischplatte. „Strichliste“, sagte er. „Ich führe sie so lange weiter, bis Pruni wiederkommt!“

Die kam erst am Sonntag und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie eine Mutterkatze mit sechs Jungkätzchen in ihrem Wohnzimmer vorfand. Die Schnurrtiger fühlten sich auf der Couch pudelwohl.

„Wo kommen die denn alle her? Du solltest dich doch nur um meinen Hamster kümmern!“, rief Prunella.

„Hä -Hamster? Äh, ja ...“, stammelte die Winterhexe. Dann wurde sie knallrot.

Prunella seufzte, vergewisserte sich, dass Purzel nichts brauchte, weil er Winterschlaf hielt, und dann rief sie die Nebelhexe und einige weitere Freunde an, so dass die fremden Kätzchen schnell ein gutes Zuhause fanden.

„Hilfsbereitschaft ist trotzdem nichts Schlechtes“, grummelte die Winterhexe bockig.

„Stimmt genau, meine Liebe“, schmunzelte Prunella. „Richtig zuhören aber auch nicht!“

Marianne Thiele

Last Updated (Sunday, 27 December 2020 11:49)