Ein Superschlitten fĂŒr die Schneekönigin

(Published: Leipziger Volkszeitung, 18.12. 2010, Hallo Kinder)

Die Geschwister sitzen im Kinderzimmer. Vor ihnen liegen Zeichenpapiere und Buntstifte.

„Mein Bild schenke ich Mutti“, sagt Pia.

„Einverstanden. Dann ist meins fĂŒr Vati“, meint Paul. „Über selbst gemachte Geschenke freuen sich die Großen sowieso am meisten.“

Aber was soll aufs Papier?

„Irgendwas mit SchneemĂ€nnern und Schneeflocken“, schlĂ€gt Pia vor.

Sie malt den ersten Kreis fĂŒr einen dicken Schneemannbauch.

„Ja, weil du das am besten kannst“, neckt Paul seine kleine Schwester.

„Na und?“, lacht Pia. „Was kommt denn auf dein Bild?“

Ihr Bruder greift zu einem braunen Stift. „Rate mal“, sagt er. „Was könnte das hier werden?“

„Ein Schlitten“, ruft Pia, nachdem die Form deutlich wird. „Hier hast du die Kufen gemalt, das da ist der Sitz. Nun fehlen noch die Rentiere. Oh, die sind nicht einfach. Traust du dir das zu?“

„Die brauche ich gar nicht“, sagt Paul.

Er zeichnet einen Monitor in den Frontbereich des Schlittens.

„Das ist moderne Technik“, erklĂ€rt er, wĂ€hrend er seine Stifte ĂŒber das Papier flitzen lĂ€sst. „Der Fahrer kann sein Ziel und seine Reisegeschwindigkeit in den Bordcomputer eintippen. Das geht ganz einfach, siehst du? Nun rechnet der Computer aus, wie lange die Reise dauert und wann der Schlitten ankommen wird. Nach dem Startbefehl kann‘s losgehen, ganz ohne Rentiere. Na, wie gefĂ€llt dir das?“

Pia ist beeindruckt. Paul kann toll malen, das muss sie zugeben. Sie gibt ihrem Schneemann einen Besen in die Hand, wĂ€hrend ihr Bruder seinen Superschlitten mit kuschelweichen Kissen ausstattet und eine Musikanlage hinzufĂŒgt.

Das wird Vati gefallen, da sind sich die Geschwister sicher.

Damit Pia sieht, dass er auch Rentiere malen kann, zeichnet Paul drei StĂŒck ins Bild.

„Sie mĂŒssen nicht arbeiten, sondern dĂŒrfen im Schnee spielen“, erklĂ€rt er. „Was hast du, Schwesterchen? Wieso ziehst du plötzlich so ein komisches Gesicht? Gefallen dir meine Rentiere etwa nicht?“

„Doch. Aber jemand guckt uns zu!“

Paul dreht sich unglÀubig zum Fenster um.

TatsÀchlich!

Eine hochgewachsene Frau mit einem schneeweißen Gesicht und himmelblauen Augen starrt fasziniert ins Kinderzimmer. Schneeflocken tanzen um sie herum. Hinter ihr parkt ein silberner Schlitten mit 9 Rentieren auf dem Hof.

„Silbernes Haar, ein kostbares Wintergewand aus EisbĂ€renfell und eine Krone auf dem Kopf? Das ist ja niemand anders als die Schneekönigin!“, ruft Paul.

Ungeduldig klopft die Besucherin ans Fenster. Sie ist es nicht gewohnt, dass man sie warten lÀsst.

Weil Paul keine andere Idee hat, öffnet er ihr.

„Guten Abend, meine Kinder! Ich sehe euch schon eine ganze Weile zu. Euer Schlitten findet meinen königlichen Beifall. Schenkt ihn mir! Ihr habt dafĂŒr einen Wunsch frei.“

Paul wagt keinen Widerspruch. Er reicht ihr das Bild. Sie nimmt es und steckt es in ihre Reisetasche aus weißem Robbenleder.

„Nun sagt, liebe Kinder, was möchtet ihr dafĂŒr haben?“

„Wir wĂŒnschen uns ganz viel Schnee zu Weihnachten“, sagt Paul.

„Einverstanden!“, ruft die Schneekönigin. „Und ich werde gleich heute Abend deinen Schlitten nachbauen. Er wird aus Eiskristall sein und alle werden mich darum beneiden. Auf Wiedersehen, Kinder!“

Im nÀchsten Augenblick verschwindet ihr Rentierschlitten in einer mÀchtigen Schneewolke.

„Weg ist sie, und dein schönes Bild auch“, seufzt Pia. „Nun musst du fĂŒr Vati noch eins malen.“

„Stimmt“, sagt Paul. „Aber diesmal zeichne ich SchneemĂ€nner. Und wer von uns den schönsten aufs Papier bringt, der darf bestimmen, was wir uns aus dem vielen Schnee bauen werden, den uns die Schneekönigin schickt!“

Pia lacht. Sie greift zu einem roten Stift fĂŒr eine MohrrĂŒbennase.

Diese Wette kann Paul nicht gewinnen, denn niemand malt schönere SchneemÀnner als sie!

Marianne Thiele

Last Updated (Sunday, 27 December 2020 11:51)