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Streik auf dem Bauernhof. Eine Ostergeschichte

(Thiele, Marianne 2020: Streik auf dem Bauernhof. Kurzgeschichte. In: respekTiere. Anthologie. BoD - Books on Demand, Norderstedt. Herausgeber: Christoph Grimm. S. 56 – 59 / 175 S. ISBN: 9-783752-644708)

Alle Erlöse aus diesem Buch gehen als Spende an den Tierschutzverein Sinsheim und Umgebung e.V.

Mutter Huhn schüttelte energisch den Kopf. „Es bleibt dabei, Gevatter. Ich gebe nix. Nicht ein einziges Ei! Es sei denn ...“

Der Osterhase fiel ihr genervt ins Wort.

„Gevatterin, ich habe es dir doch schon dreimal erklärt. Ich mache aus deinen Eiern kein Rührei und ich werfe sie nicht an die Wand. Ich werde sie auch nicht ausbrüten und dann deine Kinder als Sklaven an die nächste Legebatterie verkaufen. Statt dessen will ich deine Eier hübsch bemalen, so wie jedes Jahr, und dann verstecke ich sie im Garten, damit die Menschen sie suchen und wiederfinden. Und zwar am Ostersonntag. Hat es nun endlich bei dir piep gemacht oder muss ich noch mal von vorn anfangen?“

Mit den letzten Worten versuchte er, sich mit seinem leeren Korb an der aufgeregten Henne vorbeizudrängeln.

„Halt, du Strauchdieb!“, rief der Hahn empört. Er richtete drohend seinen Hahnenkamm auf. „Pfoten weg von unserem Nest! Meine Frau hat es dir doch klipp und klar gesagt, Hase. Du bekommst nur Ostereier, wenn wir Tiere auch eine Osterüberraschung von dir kriegen. Und zwar pünktlich in einer Woche. Am Sonntag. Basta!“

Damit warf er den langohrigen Besucher aus dem Stall.

Der überraschte Hase fiel dem Hofhund genau vor die Füße. „Wuff! Ich wollte gerade nachsehen, warum es im Hühnerstall solchen Lärm gibt“, sagte der Hund. „Na ja, dich kenne ich ja. Ich dachte schon, es wäre der Fuchs.“

Mutter Huhn steckte ihren Kopf zur Stalltür heraus, als sie das hörte.

„Der Fuchs?“, wiederholte sie ärgerlich. „Von wegen. Dieser langohrige Räuber ist doch auch nicht besser. Jedes Jahr um dieselbe Zeit will er unsere Eier haben. Für nix und wieder nix!“

Der Hund überlegte einen Moment. „Stimmt eigentlich“, sagte er dann. „Alle Tiere, die nicht auf den Bauernhof gehören, muss ich davonjagen. Bloß der hier will andauernd eine Ausnahmegenehmigung. Hast du gehört, Langohr? Wenn ich nicht auch was zu Ostern kriege, lass ich dich nicht mehr rein.“

„Aber ...“, jammerte der Hase.

„Nix aber!“, blaffte der Hund. „In einer Woche. Am Sonntag. Wuff!“

Als der Osterhase traurig vom Hof schleichen wollte, hielt ihn die Katze auf. „Nanu, du wirst wohl langsam alt, mein Lieber. Hast du diesmal vergessen, deinen Korb zu füllen?“

Der Hase schüttelte den Kopf. „Die Hühner geben mir keine Eier, Gevatterin“, klagte er, „und der Hund will mich wegjagen. Außer, sie bekommen auch eine Überraschung. So ein Blödsinn! Soll ich Mutter Huhn am Sonntag etwa ihre eigenen Eier schenken? Und was schenkt man einem Hund?“

Die Mieze lächelte, als sie das hörte. Sie nahm Gevatter Langohr kurzerhand den Korb weg, und als sie nach einer kleinen Weile wiederkam, war er randvoll mit den schönsten Eiern gefüllt.

„Güteklasse A“, sagte sie stolz. „Nun geh heim und male sie bunt an. Ich kümmere mich inzwischen um die Geschenke für die Tiere!“

Am Ostersonntag versteckten die beiden gemeinsam alle Überraschungen: Die bemalten Eier für die Kinder, süßen Mais für die Hühner und eine dicke Jagdwurst für den Hund. Na ja, zugegeben – einiges davon fehlte natürlich hinterher in der Speisekammer der Bäuerin. Da kann man nichts machen.

Oder hast du etwa geglaubt, dass eine Osterkatze bloß Eier verschenkt?


Last Updated (Monday, 14 December 2020 16:09)