Wunschkastanien

2011: Basteln mit Wunschkastanien. In: Leipziger Volkszeitung, Nr. ? vom 8. 10. 2011, Hallo Kinder

Andreas bückte sich, hob die einzigen drei Kastanien auf, die er im Gras entdecken konnte, und sah sich ratlos um. Denn weiter war da nichts. Weder in der Krone des mächtigen alten Baumes, noch auf der Wiese. „Woanders hab ich schon so viele gesehen“, murmelte der Junge. „Herrliche runde, große, glatte Kastanien, mit denen ich knackige Kastanientiere basteln könnte. Na ja. Pech gehabt. Dann such ich eben woanders weiter.“

„Hihi. Da wärst du aber schön dumm“, kicherte ein Stimmchen.

Andreas drehte sich überrascht um, sah aber niemanden. „Ist da wer?“, erkundigte er sich.

„Ich lach mich schief“, fuhr das Stimmchen fort. „Da hat er drei Wunschkastanien gefunden und weiß damit nichts anzufangen!“

Andreas reichte es. Er nahm eine Kastanie in die Hand und rief: „Ich - ich wünsche mir, dass ich dich sehen kann!“

Plopp, machte es, die Kastanie löste sich in Nichts auf, und ein bleistiftgroßes Hexlein schwebte vergnügt hin und her. Es saß auf einem Kastanienblatt, das es wie einen fliegenden Teppich benutzte. Feuerrote Haare wehten im Wind, die krumme Nase war erbsengrün, und überall im Gesicht trug es purpurne Sommersprossen.

„Ich bin ein Herbsthexlein, zuständig für die Färbung der Kastanienbäume“, erklärte das Persönchen und schwenkte vergnügt einen farbbeklecksten Pinsel.

„He, pass auf, beklecker mich nicht damit!“

„Na und? Wär doch pupsegal“, sagte das Hexlein. Schwupps, landete es auf der rechten Schulter des Jungen. „Da nimmst du einfach deine zweite Wunschkastanie und wünschst dir dein Hemd wieder sauber!“

„Echt wahr?“, erkundigte sich Andreas verblüfft.

„Na klar! Du hast mich mit doch deinem ersten Wunsch auch schon sichtbar gemacht. Los, wünsch dir noch was!“

„Nicht so schnell. Wie viele Wünsche hab ich denn?“

„Drei Kastanien – drei Wünsche!“, sang ihm das Hexlein ins Ohr. „Du kannst dich freuen, Menschenkind, denn dieser Baum besitzt nur einmal in einhundert Jahren solch fantastische Zauberkraft!“

Da bat Andreas den Baum um Kastanien, und zwar um genau so viele, wie er zum Basteln haben wollte. Zack, war seine zweite Wunschkastanie weg. Hui, stand stattdessen ein Eimer vor ihm, gefüllt mit dunkelbraunen Kastanien von allererster Güte.

„Puh! Wie dumm!“, tadelte das Hexlein. „Kastanien! Wünsch dir was Cleveres!“

„Warte es ab“, sagte Andreas. Er holte seine letzte Kastanie aus der Tasche und rief: „Hörst du mich, Baum? Jetzt wünsche ich mir tausend Wunschkastanien! Du kannst sie hier ins Gras legen, so wie in jedem Jahr!“

Das Herbsthexlein kicherte belustigt und machte sich wieder unsichtbar. Andreas störte das nicht. Er hob eine der Kastanien auf, die nun überall herumlagen, schnupperte daran und wünschte sich ein neues Handy.

Nichts geschah. Der Baum ließ sich nicht beschummeln! Aber dafür waren alle seine Kastanien herrlich rund, groß und glatt. So, wie sie sein sollten, damit Andreas damit ganz viele knackige Kastanientiere basteln konnte!

Marianne Thiele

Last Updated (Tuesday, 06 October 2020 08:12)