Warum die Nebelhexe im Garten hockt

Arne und Lisa saßen am Küchenfenster. Sie schauten auf den Hof und ärgerten sich über das schlechte Herbstwetter. „So ein dicker Nebel“, schimpfte Arne. „Da macht nicht einmal das Radfahren Spaß!“ „Wir könnten doch im Garten verstecken spielen“, schlug Lisa vor. „Nee, das fetzt auch nicht richtig“, murrte ihr Bruder, „draußen kann man nur ein paar Meter weit gucken. Da rennen wir ja aneinander vorbei, anstatt uns zu fangen.“

„Oder ihr lauft gegen den Gartenzaun und kriegt eine hübsche Beule“, ergänzte Opa Fietje. Er war in die Küche gekommen, um sich etwas Saft aus dem Kühlschrank zu holen. „Ach – übrigens: Wisst ihr kleinen Schlaumeier eigentlich, wo der viele Novembernebel herkommt?“ Die Geschwister schüttelten erstaunt die Köpfe. „Nein, überhaupt nicht. Erzählst du uns das?“ Opa Fietje zog sich einen Stuhl heran. Er zeigte hinaus in den Garten:

Wenn ihr ganz genau hinseht, dann erkennt ihr im Nebel manchmal eine weiße Gestalt. Das ist niemand anders als die Nebelhexe. Sie lebte schon zu der Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten. Damals war das Novemberwetter übrigens besser als heute. Die Sonne schien fast den ganzen Tag. Das ärgerte die Nebelhexe, denn sie mochte feuchtes Matschwetter natürlich viel lieber. Also stieg sie auf den Gipfel des Meckelberges, wo eine uralte Weide ihre knorrigen Äste zum Himmel reckte. Und dort tat sie etwas Seltsames: Sie kletterte bis in die Baumkrone und ließ ihre goldene Hexenkugel in den hohlen Stamm fallen. Nun brauchte sie nur noch zu warten, bis die Sonne zur Mittagszeit genau über ihr stand.

„Was tust du in der alten Weide?“, rief die Sonne erstaunt, als sie sah, wie das graue Weiblein unbeholfen in den Ästen herumturnte. „Ich will meine goldene Hexenkugel wiederhaben“, jammerte die Nebelhexe. „Als ich sie befragen wollte, wie morgen das Wetter wird, fiel sie mir aus der Hand. Nun liegt sie tief unten, am Grunde dieser hohlen Weide. Aber ich fürchte, ich bin schon so alt und gebrechlich, dass ich sie nicht mehr allein hoch holen kann.“

Da unten blitzte wirklich irgend etwas Goldenes. Hilfsbereit stieg die Sonne vom Himmel. Sie löschte ihr Feuer, ließ sich in den toten Baum sinken, nahm die Kugel in ihre Arme und wollte schon wieder hinaufschweben, als die schlaue Nebelhexe den Ausgang mit einem dicken Ast verkeilte. Ihr höhnisches Gelächter hallte über den ganzen Meckelberg.

„Lass mich frei!“, rief die Sonne empört. „Es ist doch erst Mittag, meine Himmelsrunde ist noch nicht zu Ende.“

„Hihi! Natürlich ist sie das, du Dummerchen“, kicherte die Hexe. „Weil ich jetzt nämlich die ganze Welt mit meinem schönen grauen Nebel zudecken werde!“

Und genau das tat sie. Am ersten Tag ihrer Herrschaft fanden die Tiere das Wetter noch ganz lustig. Sie spielten Verstecken oder verschliefen daheim die Zeit. Am zweiten Tag begannen sie schon Hunger zu leiden, denn sie fanden im dichten Nebel kein Futter mehr. Und am dritten Tag froren sie jämmerlich, denn ihre Pelze trockneten in der Kälte nicht mehr und ihre Wohnungen wurden nass. Deshalb baten die Tiere das graue Weiblein, die warme Sonne wieder frei zu lassen.

Die schlaue Nebelhexe lachte, als sie das hörte. „Soso, mein Wetter gefällt euch also nicht? Ich will euch euren Wunsch zwar erfüllen, aber nur unter einer Bedingung“, verkündete sie. „Der November soll zukünftig mein eigener Monat sein. Da will ich soviel Nebel herbeizaubern, wie es mir Spaß macht!“

Der Sonne blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Erst danach ließ die Hexe sie frei.

Opa Fietje schmunzelte. „Seht ihr, Kinder, deshalb müssen wir Menschen uns im November damit abfinden, dass die Nebelhexe stundenlang in unserem Garten hockt. Aber wenn ihr zwei Schlaumeier wisst, wo der Meckelberg ist und wenn auf seinem Gipfel immer noch die hohle Weide steht, so steigt an einem nebligen Sonntag, genau um die Mittagszeit, hinab in ihren Stamm. Darin soll nämlich immer noch die goldene Hexenkugel liegen. Sie hat ihre Zauberkraft nicht verloren und wartet bloß darauf, dass jemand sie endlich wieder ans Tageslicht holt.“

„Und was kann man mit ihr Schönes anfangen?“, wollte Lisa wissen.

„Nicht viel, glaub ich“, grinste Arne. „Der Wetterbericht steht schließlich heutzutage schon in der Zeitung!“

Marianne Thiele

Last Updated (Tuesday, 06 October 2020 08:09)