Altweibersommer

Zu einer Zeit, als die Welt noch jung war, besaß die Spinne vier Beine und zwei Augen. Aber das gefiel ihr nicht. „Die Meise schmückt sich mit hübschen Federn, der Hirsch präsentiert stolz sein Geweih und der verfressene Haifisch hat die schärfsten Zähne von allen Wassertieren“, murrte sie. „Und ich, was habe ich? Gar nichts! So geht das nicht weiter. Ich will auch etwas Besonderes haben, sonst bin ich nicht glücklich.“

Sie wandte sich an Roxana, die nebelgraue Herbsthexe mit den langen, weißen Haaren, der man nachsagte, sie habe ein Herz für kleine Tiere. Roxana hörte sich die Klage geduldig an. „Jetzt weiß ich, was dir an den anderen Tieren gefällt“, meinte sie. „Aber was hättest du denn gern? Willst du auch ein schickes Geweih haben oder vielleicht zwei pummelige Höcker wie das Kamel?“ „Oh, nichts davon“, sagte die Spinne eifrig. „Das geht doch nicht. Die anderen Tiere würden ja glauben, ich hätte bei ihnen abgeguckt. Nein, ich möchte gern acht Beine haben.“ „Und das ist alles?“, vergewisserte sich das graue Weiblein. „Ja, das reicht mir!“

Roxana erfüllte der Spinne ihren Wunsch. Doch es dauerte nicht lange, bis die kleine Bittstellerin erneut zu ihr kam. „Ich bin immer noch nicht glücklich“, klagte sie. „Wenn der Mensch mich sieht, schreit er wie am Spieß und springt bis an die Decke. Ich will auch so niedlich sein wie die anderen Tiere, ich will, ich will, ich will!“ Sie trampelte vor Wut mit ihren acht Beinchen. Die Herbsthexe seufzte. „Du bist wohl nie zufrieden“, sagte sie. „Was hast du dir denn diesmal ausgedacht?“ „Ich hätte gern acht Augen, so viele hat niemand sonst im Tierreich!“, rief die Spinne. „Und das ist nun wirklich alles?“, erkundigte sich das graue Weiblein misstrauisch. „Ja, das reicht mir!“

So geschah es. Aber es vergingen nur wenige Tage, bis die Spinne zum dritten Mal wiederkam. Die Tränen liefen ihr wie zwei Bächlein übers Gesicht, denn jedes der vielen Äuglein weinte mit den anderen um die Wette. „Ich bin immer noch nicht glücklich“, schluchzte sie. „Jetzt haben sogar die Tiere vor mir Angst. Ich glaube, ich will lieber wieder so aussehen wie früher.“ „Tut mir leid. Einen Umkehrzauber gibt es nicht“, bedauerte Roxana. „Ich werde dir aber eines meiner Altweiberhaare schenken. Es hat Zauberkraft. Du kannst damit klettern, fliegen, weben und Netze bauen. Das wird dich wohl endlich glücklich machen.“ Damit musste sich die Spinne zufrieden geben.

Seitdem sagen wir, dass der Altweibersommer da ist, wenn die jungen Spinnen mit ihren Schwebfäden auf ihre erste Reise gehen. Natürlich ist das für die kleinen Kerlchen sehr aufregend - und wir Menschen wissen dann dank Roxanas Geschenk, dass nun der Herbst mit all seinen Überraschungen vor der Tür steht!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Sunday, 13 September 2020 14:55)