Tirugalas Monstergeheimnis

Julian betrachtete die Skizze auf dem Schreibtisch seiner Schwester. „Was wird das, wenn’s fertig ist?“ „Das sieht man doch. Ein Fantasietier natürlich“, versetzte Lisa. „Na, ich weiß nicht recht. Mit einem Papageienschnabel und Löwenpfoten? Das passt nicht zusammen. Ich würde es anders malen“, meinte Julian. Er fing an, einen Drachenkopf zu zeichnen. Lisa sah ihm interessiert zu.

Zwei Stunden lang arbeiteten die Geschwister fleißig an ihren Bildern. Lisas Tier erinnerte ein wenig an die Sphinx. Julians Drache stand auf mächtigen Pranken. Den Kopf zierten weiße Hörner, bunte Vogelfedern bedeckten den Leib, und der Schwanz stammte von einem Einhorn. Mutti holte die Maler in die Wirklichkeit zurück. „Jetzt ist es genug, ihr Stubenhocker“, lachte sie. „Hinaus mit euch! Ich verspreche euch auch, dass ich morgen das schönste Bild mit einem Eis prämiere.“ Damit waren die Kinder einverstanden. Sie packten ihre Badesachen ein und fuhren an den See. Dort spielten sie, bis die Sonne untergehen wollte.

Vor dem Zubettgehen erinnerte sich Lisa an die Eisprämie. War ihr Bild dafür schön genug? Auf das gelbe Fell gehörten sicherlich noch blaue Tupfen, und die Augen des Monsters sollten grün sein. Sie holte die Stifte heraus. Während sie malte, dachte sie über einen Namen nach.

„Jetzt weiß ich es - du heißt Tirugala!“

„Gute Idee“, krächzte eine Stimme.

Nanu?

Verwundert schaute Lisa nach, ob außer ihr noch jemand im Zimmer war.

„Brauchst gar nicht weitersuchen. Das war ich“, krächzte das Tirugala. Grinsend wies es mit einer pelzigen Pfote auf seine Brust.

„Wie-wieso kannst d-du sprechen?“, stammelte Lisa.

„Weil das in der Mittsommernacht alle Monster und Geister können“, knurrte das Tirugala. „Wusstest du das etwa nicht?“

Es hopste aus dem Bild, sprang auf das Fensterbrett und wollte im nächtlichen Garten verschwinden. Aber damit war Lisa überhaupt nicht einverstanden. Was sollte dann morgen aus ihrem Eis werden?

„Das wird wohl dein kleiner Bruder gewinnen, hihi“, kicherte das pelzige Ding.

Lisa zog ihre bockigste Schnute.

Da rückte das Tirugala dicht an das Mädchen heran und flüsterte: „Guck doch nicht so traurig. Ich verrate dir zum Trost ein Monstergeheimnis. Pflück dir eine Handvoll Bohnen. Puste sie an und murmele dreimal meinen Namen. Steck die Bohnen morgen früh in deine linke Hosentasche. Immer, wenn du dich über etwas freust, lass eine Bohne in deine rechte Tasche wandern. Am Abend zählst du nach, wie oft du etwas Schönes erlebt hast. Jeder Tag hält nämlich viele kleine Freuden für dich bereit! Was für eine Rolle spielt da ein Eis mehr oder weniger, hä?“ Mit diesen Worten verschwand das Monster.

Nachdenklich schloss Lisa hinter ihm das Fenster.

Am nächsten Morgen hockte das Tirugala brav in seinem Bild, als wäre es nie weg gewesen. Hatte es nur im Traum seinen Ausflug unternommen? Lisa überlegte kurz, dann nahm sie einen Zettel und schrieb darauf: „Ich will, dass Julian das Eis gewinnt! Er hat das schönere Fantasietier gemalt!“ Diese Botschaft steckte sie in Muttis Kaffeetasse. Danach lief sie zufrieden in den Garten, um sich eine Handvoll Bohnen zu pflücken.

Marianne Thiele