Kapitel 6: Kuschel wei├č Bescheid

ÔÇ×Sitz, Kuschel!ÔÇť

Der Terrier gehorchte Tess nur zu gerne, denn das Grundst├╝ck, zu dem er uns begleitet hatte, war ihm fremd. Voller Neugier lie├č er alle seine Sinne arbeiten.

Wo war er hier? Und, viel wichtiger noch, wie war es hier?

Ein gr├╝ner J├Ągerzaun umgab gemeinsam mit einer ├╝ppigen Hundsrosenhecke das Anwesen. Bienen summten gesch├Ąftig von einer rosafarbenen Bl├╝te zur n├Ąchsten. Von der einladend ge├Âffneten Gartenpforte aus blickte man direkt auf ein zweist├Âckiges, wei├čes Wohnhaus. Die Dachschindeln waren rot. Auf dem Dachfirst stand die Figur eines Schlafwandlers. Sie trug einen blauen Schlafanzug und eine wei├če Zipfelm├╝tze. Ihre Knollennase reckte sie gen Himmel. Mit geschlossenen Augen und suchend ausgestreckten Armen balancierte der Schlafwandler zum Schornstein hin├╝ber, als ob er sich alsbald hineinst├╝rzen wollte.

Gelbe und rote Rosen konkurrierten mit dem Efeu um das Bleiberecht an der Hausmauer. Die beiden Fenster an der Hausfront verf├╝gten ├╝ber h├Âlzerne Fensterl├Ąden, die blau gestrichen waren, ebenso wie die doppelfl├╝gelige, einladend ge├Âffnete Haust├╝r. Auf der mosaikartig gepflasterten Terrasse, die durch eine niedrige Buchsbaumhecke an zwei Seiten begrenzt wurde, luden vier Gartenst├╝hle aus Bambus zum Sitzen ein. Hinter dem Haus wusste der Terrier den See. Er roch das Wasser und das Schilf.

Rechts bemerkte der vierpfotige Beobachter einen alten Obstgarten, der au├čer Beerenstr├Ąuchern Kirschb├Ąume, Pflaumenb├Ąume, Apfelb├Ąume und Birnb├Ąume beherbergte. Die Wespen und Hornissen pr├╝ften bereits, ob die ersten Fr├╝chte reif waren. Kuschel h├Ârte ganz genau, wie die verfressenen Insekten gesch├Ąftig in den Baumkronen sirrten. Auf dieser Hofseite standen auch ein Ger├Ąteschuppen und ein kleineres Ferienhaus f├╝r G├Ąste. Dieses H├Ąuschen sah wie eine Miniaturausgabe des gro├čen Wohnhauses aus, hatte aber keinen zweiten Stock und keinen Schlafwandler auf dem First.

Ohne dass er sie sehen konnte, wusste der Hund, dass die Hausfrau im Schuppen nach etwas suchte. Oder nach jemandem. Die h├Âlzerne Schuppent├╝r stand weit offen.

ÔÇ×Miez! Wo bist du? Melde dich doch endlich!ÔÇť

Oh je. Hier wohnte also eine Katze. Wahrnehmen konnte Kuschel sie allerdings nicht. Er h├Ątte sogar darauf gewettet, dass sie nicht daheim war. Nein, die w├╝rde nicht kommen. Da n├╝tzte noch so lautes Rufen nichts. Aber die Schuppenstimme hatte dem Hund verraten, dass es eine sehr alte Frau war, die ihre Katze vermisste.

Links von der Terrasse stand der Hausherr in seinem Gem├╝segarten. Er hielt einen Spaten schlagbereit in den H├Ąnden und belauerte einen frisch aufgeworfenen Maulwurfsh├╝gel, der sich mitten im Salatbeet breitmachte. Es w├╝rde nur eine Frage der Zeit sein, bis der Buddelflink sein Werk zwischen den Petersilienpflanzen, den Bohnen, Erbsen, Kartoffeln oder Zwiebeln fortsetzte. Wehe ihm, wenn er dann in die N├Ąhe des Spatens kam.

Der Terrier unterdr├╝ckte nur m├╝hsam das aufkeimende Grollen in seiner Kehle. Er mochte diesen Mann nicht. Auch wenn der eigentlich harmlos aussah ÔÇô lang, d├╝nn, eher schw├Ąchlich. Und wei├čhaarig. Kein Wunder, schien er doch mindestens hundert Jahre alt zu sein. Dieser Opa warf ja kaum noch einen Schatten. Und trotzdem war der st├Ąhlerne Spaten in seiner Hand eine t├Âdliche Waffe f├╝r jeden Maulwurf. Oder f├╝r ein anderes Tier. Grrr! Wie konnte einer so tattrig aussehen und es gar nicht sein? Mit diesem seltsamen Alten legte man sich besser nicht an. Nein, f├╝r einen Hund war dies kein guter Hof.

Unsicher musterte der Terrier Tessi. Sie schien keine Angst zu haben.

Opa Otto hatte inzwischen gemerkt, dass wir zur├╝ck waren, und auch Kuschels Anwesenheit war ihm nicht entgangen.

ÔÇ×Da seid ihr ja, Kinder. Aber was wollt ihr mit dem Hund? Habt ihr den etwa im Steingarten gefunden?ÔÇť

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern stie├č den Spaten neben dem Maulwurfshaufen in den lockeren Boden. Nachdem er sich die erdbeschmutzten H├Ąnde an seiner gr├╝nen Gartenhose abgewischt hatte, winkte er uns zu, n├Ąher zu kommen. Selber verlie├č er den Gem├╝segarten aber nicht.

ÔÇ×Ja, Kuschel war auch im SteingartenÔÇť, sagte Tess. ÔÇ×Zwei Jungen wollten ihn da qu├Ąlen, aber das haben wir nat├╝rlich nicht zugelassen.ÔÇť Sie b├╝ckte sich und streichelte den Terrier. ÔÇ×Bleib sitzen, mein Guter. Brav. - Opa, dieser Hund folgt uns seitdem auf Schritt und Tritt. Er geht ├╝berhaupt nicht mehr woanders hin. Aber der Hof geh├Ârt nun mal eurer Miez. Wo ist sie ├╝berhaupt?ÔÇť

ÔÇ×Die Katze? Unser Stromerle? Grundg├╝tiger. Die suchen wir ja schon den ganzen TagÔÇť, sagte Eli betr├╝bt. Sie hatte inzwischen den Schuppen verlassen und wollte sich nun auch den Hund ansehen, allerdings aus wohldosierter Entfernung. So kam es, dass die beiden wei├čhaarigen Alten schlie├člich Seite an Seite im Gem├╝segarten standen - er lang und d├╝nn wie eine Bohnenstange, sie pummelig und um einen ganzen Kopf kleiner als ihr Otto.

Wir hingegen verharrten immer noch an der Pforte und warteten darauf, wie wir mit Kuschel verfahren sollten.

Mir fiel auf, wie schick sich Oma Eli wieder einmal gemacht hatte. Heute Nachmittag trug sie ein locker fallendes blaues Kleid mit dezenten gelben Blumenmustern und dazu hatte sie ÔÇô vollkommen passend - blaue Schuhe ausgew├Ąhlt. In ihrem Haar steckte ein silberner Reif, um den Hals trug eine Silberkette mit blauer Brosche. Am fr├╝hen Vormittag hatte sie etwas Gr├╝nes angehabt, das wusste ich noch, auch wenn ich da weniger genau hingeschaut hatte. Aber auch da hatte Oma wie aus dem Ei gepellt ausgesehen, so viel war klar. Eli legte stets Wert auf ihr ├äu├čeres. Ihr Kleiderschrank war ein Eldorado an Kleidern, R├Âcken und Blusen, und zu den allermeisten Sachen hatte sie ├╝ber die Jahre hinweg schicke H├╝te und den passenden Schmuck gesammelt ÔÇô Kettchen, Broschen, Ohrclips oder Ringe, vieles davon war aus Gold und Silber. An dieser Kollektion h├Ątte jede Elster ihre helle Freude gehabt.

Gl├╝cklicherweise liebte Oma Eli aber nicht nur in ihren Schmuck, sondern auch ihr K├╝chenreich. Dort sch├╝tzte sie ihre sch├Ânen Kleider mit einer gro├čen Sch├╝rze und um ihren Kopf band sie ein Tuch, damit kein Haar ins Essen geriet. Ihre wohlproportionierten Rundungen verrieten einem jedem, der es wahrhaben wollte, dass Backen, Kochen und Schlemmen ihre sch├Ânsten Hobbys waren. ├ťber die Jahre blieb das nicht ohne Folgen: Oma Eli war ungef├Ąhr so schlank wie eine tausendj├Ąhrige Eiche. Trotzdem war ihr Gang nie schwerf├Ąllig, sondern mir schien es immer, als ob sie elegant herbeischwebte. Wie sie das fertigbrachte, blieb mir r├Ątselhaft.

Komisch war freilich, dass Otto trotz Elis Kochkunst seine Hungergestalt behielt. Wir hatten ihn immer nur so d├╝nn erlebt, wie er es auch in diesem Sommer war. Es mochte ja an seinem Alter liegen.

Oma Eli unterbrach meine Gedanken. Sie schimpfte nicht ├╝ber den Hund, bat aber darum, dass Tess und ich unser vierpfotiges Mitbringsel im Ferienhaus unterbrachten.

ÔÇ×Da kann er gerne bleiben, bis ihr wisst, was ihr mit ihm macht. Aber er l├Ąsst Miez in Ruhe, wenn sie wieder da ist, und er kommt mir nicht ins Haus und schon gar nicht in die K├╝che!ÔÇť

Otto sagte nichts dazu, aber er nickte. Das war normal. Er redete nie viel. Vielleicht war deshalb seine Stimme so knarzig? Wir versprachen hoch und heilig alles, was von uns verlangt wurde.

Damit erhielten wir die Erlaubnis, dass Kuschel vorerst in unser Ferienh├Ąuschen einziehen durfte. Wir warteten ab, bis Eli und Otto in ihrem Haus verschwunden waren. Dann ├╝berquerten wir mit Kuschel den Hof. Wir brachten ihn zum Ferienhaus, ├Âffneten ihm die T├╝r und beobachteten am├╝siert, wie der Hund neugierig schn├╝ffelnd durch die Wohnk├╝che, durch die beiden winzigen Schlafkammern und das Bad stromerte. In der Dusche stand ein bisschen Wasser auf dem Fu├čboden, das schlabberte er weg. Tess stellte ihm eine Sch├╝ssel mit frischem Wasser hin, f├╝r den Fall, dass er sp├Ąter noch mehr Durst bekommen sollte. Eine Weile blieb der Terrier vor der gro├čen Fensterfront des Wohnbereichs stehen und betrachtete versonnen die Obstbaumwiese. Er stoppte vor dem K├╝hlschrank in der K├╝chenzeile, schnupperte verz├╝ckt nach Wohlger├╝chen und latschte einmal quer ├╝ber die Couch und ├╝ber die beiden Sessel. Wenn das Otto und Eli gesehen h├Ątte! Zuletzt entschied er, dass der Teppich vor Tessis Bett besonders gem├╝tlich war. Er enterte ihn gem├Ąchlich, drehte sich dreimal im Kreis, legte sich, schloss die Augen und zeigte uns so, dass er sich sehr wohlf├╝hlte und nun schlafen wollte.

Tess streichelte ihn liebevoll, sagte ihm, dass wir jetzt in Omas Haus Abendbrot essen w├╝rden und versprach ihm, bald wieder zur├╝ck zu sein.

ÔÇ×Schlaf sch├Ân, Kuschel!ÔÇť

Mit diesen Worten verlie├čen wir ihn. Die T├╝r blieb unverschlossen. Er h├Ątte sie mit einem Pfotenschlag auf die Klinke jederzeit ├Âffnen k├Ânnen. Er war nicht eingesperrt, und das f├╝hlte sich gut an.

Seine neuen Gef├Ąhrten w├╝rden ihm bestimmt etwas Gutes zu fressen mitbringen, wenn sie wiederkamen. Darauf freute sich Kuschel jetzt schon. Nur die beiden Uralten, die sollten, bittesch├Ân, drau├čen bleiben und seinetwegen gern weiter nach ihrer verlorenen Katze pfeifen. Damit w├Ąren sie noch lange gut besch├Ąftigt und w├╝rden seinen ehrlichen Hundeschlaf nicht st├Âren.

Und falls sie es doch wagen sollten, ihm zu nahe zu kommen, so w├╝rde er sie verbellen, so laut er nur konnte. So, wie er es auch mit Siggi und Robby gemacht hatte, denn die waren genauso falsch. Blo├č schade, dass er dieses Wissen niemandem von seinem neuen Rudel mitteilen konnte. Mit diesem Gedanken wechselte Kuschel hin├╝ber ins Reich der Tr├Ąume.

M.Thiele

Last Updated (Wednesday, 29 July 2020 14:47)