Kapitel 5: Im Steingarten

Klick. Und noch einmal: Klick, Klick!

Mir war das Geräusch vertraut. Tessi frönte einem ihrer wichtigsten Hobbys, und zwar dem Fotografieren. Am Abend würde sie Oma Eli und Opa Otto stolz ihre Ausbeute zeigen, sich von ihnen loben lassen und dafür ein extra Schokoladeneis ergattern.

Ich gönnte meinem Krümel die Freude – schließlich hatten wir Sommerferien! Und die verbrachten wir im Moment in einem Steingarten.

Wenn das meine Kumpel wüssten! Für die wäre das die Garantie für totale Langeweile.

Ich grinste bei dem Gedanken und beobachtete amüsiert, wie Tessi glücklich von einem Stein zum nächsten hüpfte, sich hinhockte, auf dem Bauch ausstreckte und wieder aufsprang. Sie absolvierte dieses Fitnessprogramm, um zu tollen Fotos zu kommen: Eiszeitliche Granitsteine von vorn, von der Seite; coole Runensteine mit ganzer Front oder nur Teile einer geheimnisvollen Runenschrift; uralte Grabsteine mit Blumen im Vordergrund oder mit dem blauen See, dem grünen Wald und den roten Stadtdächern der Kleinstadt im Hintergrund.

Ich musste es anerkennen, dass mein kleiner Krümel dank vielem Üben mit der Kamera schon ziemlich gut war, und mit dem Quengeln auch. Das tat sie voller List, damit sie jemand zu solchen Plätzen begleitete, von denen sie sich gute Motive erhoffte.

Dabei hätte sie jederzeit bequem allein zum Steingarten gehen können. Otto und Eli, die übrigens nicht unsere echten Großeltern waren, sondern gute, alte Freunde von Mutti, wohnten ja nur einen Sprung entfernt: Raus aus dem Haus am See, links den Uferweg nehmen, bis zum Wiesenhügel gehen und den Hügelweg bis zum Steingarten hochsteigen. Das war schon alles.

Steingarten. Stein. Megalith und grüne Hände ...

Ich schloss die Augen, weil ich mich vor der Analogie fürchtete, aber meine Gedanken hatten bereits angefangen, Karussell zu fahren. Widerstand war zwecklos. Mich schauderte bei der Erinnerung. Meine Nackenhärchen richteten sich auf wie kleine Igel.

Ich spürte, wie Tessi nach meiner Hand griff und öffnete meine Augen wieder.

„Denkst du gerade an den blöden Alptraum, Matti?“

Ich nickte stumm. Ich wundere mich immer wieder, wie genau mich Tess beobachtet und wie gut sie erahnt, was ich denke. Der irre Traum, in dem wir beide versteinern, spukt mir oft im Kopf herum, auch am Tage. Er war einfach zu grauenhaft gewesen, um ihn schnell wieder vergessen zu können.

„Ich finde es toll, dass du trotzdem mit mir hergekommen bist“, meinte Tessi. Es lag Wärme in ihrer Stimme. Sie setzte sich zu mir, legte die Kamera mit eingefahrenem Objektiv in ihren Schoß, und das war vernünftig. Man musste keinen Sonnenstich riskieren. Es war ein heißer Julitag gewesen, und auch jetzt, am Spätnachmittag, hatte die Sonne noch genug Kraft. Echte Abkühlung würde es erst in der Nacht geben, wenn überhaupt.

Gemeinsam faulenzten wir im Schatten der Hecke, die den Steingarten von der Wiese abgrenzte. Ich gestand Tessi, dass ich diesen Garten auch schön fand. Und er war groß! Heute waren wir schon seit einer Stunde darin unterwegs, ohne dass mir langweilig wurde. Man konnte auf Wegen gehen oder auch querbeet durch Blumenrabatten. Es gab Tafeln mit Erklärungen. Manche Steine waren Geschenke von anderen Steingärten, zum Beispiel aus Schweden.

Wauwau! Wauuhuuau!

Ich erstarrte zur Steinsäule. Tess fuhr ebenfalls zusammen. Das empörte Bellen kam vom Eingangsbereich, wo König Blauzahns Runenstein stand. Es steigerte sich zu einem wütenden Crescendo. Was war da los?

Sich diese Frage zu stellen und loszurennen, das war für Tess ein und dasselbe. Ein Tier war in Not! Da musste sie ganz einfach handeln!

„Tessi! Mach nichts Unüberlegtes, hörst du!“

Wauhuuwau!

Es war wie in meinem Alptraum. Am liebsten wäre ich sitzen geblieben. Was ging mich das Gekläffe an? Doch ich schüttelte meine Lähmung ab. Wenn dieser Hund nun Tessi angriff und ich war nicht bei ihr, um ihr zu helfen?

Schisser! schimpfte ich mich selber.

So schnell ich konnte, rannte ich im Zickzack um die Steine herum, die Wege entlang und meiner flinken Schwester hinterher. Wir erreichten zeitgleich die Gartenpforte, und was sahen wir da?

Zwei Jungen, einer etwas kleiner als der andere, hatten einen Hund in die Enge getrieben. Sein lockiges Fell war weiß, die Ohren, Wangen und ein Farbsattel auf dem Rücken waren braun, ebenso wie der Schwanzansatz. Sie drückten das sich sträubende Tier grob gegen Blauzahns Runenstein und überlegten offenbar, wie sie es mitnehmen konnten. Halsband und Leine sah ich nicht. Der Rüde kämpfte mit aller Kraft gegen seine Angreifer. Er wand sich in ihrem Griff. Er kratzte mit seinen Krallen und schnappte mit seinen Zähnen nach den Händen, Armen und Beinen seiner Feinde. Dazu stieß er immer wieder das markerschütternde Geheul aus.

„Tierquäler! Lasst Kuschel sofort los!“, schrie Tessi.

Kuschel – hä? Seit wann hatten wir einen Hund?

Drohend baute sich Tess genau vor den Streithähnen auf. Ihr Kampfschrei und ihre Drohgebärde wirkten Wunder. Der Hund verstummte und die Jungen waren schreckensstarr.

„Ku … kuschel?“, stammelte der Kleinere der Jungs. „Gehört der Hund euch?“

Der Größere lockerte zögernd seinen Klammergriff.

Der schlaue Hund nutzte sofort die günstige Gelegenheit. Er sprang schwanzwedelnd zu uns, um sich an unsere Beine zu drücken. Mit freudigem Winseln, Hecheln und Schmusen zeigte er eindeutig, wohin er gehörte.

Gehören wollte.

„Ja, Kuschel, alles wieder gut. Die tun dir nichts mehr“, säuselte Tess. Der Hund bellte freudig, als ob er das genau verstanden hatte. Dann machte er Sitz und fixierte leise grollend seine Feinde.

Falls Hunde lachen können, dann tat er in diesem Moment genau das.

„Dem hätten wir sowieso nix getan“, behauptete der größere der Jungen. „Wir wollten nur König Blauzahns Runenstein schützen. Da wollte er gerade gegenkacken, als wir kamen.“

„Das g-geht na-natürlich ga-gar nicht“, krähte der Kleinere. „Da-das ist mu-mutwillige Sa-sachbeschädigung. Ihr mü-müsst b-besser auf eu-eure Töle aufpassen. Sonst gibt’s Stra-afzettel!“

„Von euch Kröten, ja?“, fragte ich drohend. Ich schob Tess mitsamt dem Hund zur Seite und baute mich in ganzer Länge vor den Provokateuren auf. Schwächlich waren sie nicht, aber kleiner als ich. Ihre Frisur war mega-cool. Jeder von ihnen trug das dunkle Haar an den Schläfen extrem kurz geschoren, und der Rest der Haarpracht reichte als dicker Zopf bis in den Nacken. Obwohl sie mich irgendwie an Miniaturausgaben von Karatekriegern erinnerten, traute ich es mir zu, alle beide auf einmal zu vermöbeln, wenn sie nicht bald Ruhe gaben.

Die Kröten dachten sich anscheinend exakt das Gleiche.

„Gib Frieden, Alter“, lenkte der Größere ein. „Wir haben’s doch nicht so gemeint. War nur Spaß, echt. Ich bin übrigens Robby.“

„Ich bin der Si-siggi“, krähte der Kleinere. „Wir sind Brüder. Ma-macht ihr hier Ferien?“

Ich entspannte mich wieder.

„Okay, okay“, sagte ich. „Frieden. Ja wir sind hier bei unseren Großeltern. Die wohnen gleich da unten am See.“

Ich stellte Tess und mich ebenfalls vor. Aber als ich den Kröten die Hand geben wollte, fing der Hund wieder an zu grollen. Er sprang auf, stellte sich schützend vor mich und drohte Siggi und Robby.

„Aus, Giftzwerg!“, rief Robby.

Tess schritt ein und führte ihren „Kuschel“ zur Seite. Sie ließ ihn sitzen, lobte ihn dafür und lenkte ihn durch Zureden ab.

„Du bist kein Giftzwerg“, flüsterte sie ihm ins Schlappohr. „Du bist ein braver Terrier, stimmt’s?“

„Er hört gu-gut auf deine Schwester“, stellte Siggi fest. „Was ha-habt ihr hier überhaupt ge-gemacht?“

„Ja, was?“, echote Robby.

Tess hatte das gehört.

„Zeig ich euch gleich“, rief sie. Sie ermahnte Kuschel, schön sitzen zu bleiben, und zückte ihre Kamera. Sirrend fuhr sie das Objektiv aus. „Also, ihr drei. Stellt euch mal vor den Runenstein. Ein bisschen mehr zur Seite, ja, gut so. Und jetzt sagt ihr Ameisenpopo!“

„Ameisenpipi!“, sagten Siggi und Robby. Wir lachten.

„Prima!“, rief die Starfotografin unbeeindruckt. „Und gleich noch mal, bloß zur Sicherheit. Los, sagt noch mal …“

„Ameisenkacke!“, riefen die Kröten und strahlten Tessi an.

Sie stellten sich so gerade hin wie zwei Raketen vorm Abschuss und zogen ihre T-Shirts glatt, damit sie gut zur Geltung kommen sollten.

Siggis Shirt war schwarz. Darauf stand in weißer Schrift: Ghosts are cool! Aufgedruckt war ein Bild von einem Geist, der Fußball spielte. Robbys Shirt war dunkelblau, mit dem Spruch: Ghosts are real! und einem lachenden Gerippe, das auf einem klapperdürren Pferd ritt.

„Ihr seid ja doof“, sagte die Starfotografin, ohne jedoch ernsthaft über die Faxen wütend zu sein. „Ihr dürft die Fotos sehen, aber erst, wenn ich das Schönste ausgesucht habe. Gebt mir mal eure Handynummer, Jungs, dann kann ich …“

„Hä, was?“, fragte Robby.

„Äh, eure Mailadresse?“

„Äh-hä?“, krähte Siggi.

„Ach, ihr seid albern“, stellte Tess fest. „Macht aber nix. Ich druck es euch aus. Wohin soll ich das Bild schicken?“

„Hallaliter Holz, Steintanz“, sagten Robby und Siggi gleichzeitig. Und dann schlug Siggi vor: „Ich ha-hab da eine Idee, Leute. Wo-wollen wir uns nicht mo-morgen Vormittag am Steintanz treffen? Der wird dir gefallen, Tess. Wo du-hu doch Stei-eine so magst.“

„Aber lasst euren Hund morgen zu Hause“, brummte Robby. „Der mag uns nicht. Und wir ihn auch nicht.“

Sie reichten uns zum Abschied lächelnd die Hände.

Als ich arglos einschlug, fing Kuschel sofort an zu heulen, und mich ereilte eine gruselige Halluzination. Siggis und Robbys Zähne sahen einen Moment lang total unnormal aus, und zwar spitz zulaufend.

„So, das wär’s, Leute. Man sieht sich!“

Die Kröten lächelten uns an wie Haifische.

Und dann waren sie weg.

M. Thiele

Last Updated (Wednesday, 29 July 2020 14:46)