Kapitel 4: Ausgetrickst

Ich tauchte so wie Tess in den Nebel ein, und zwar schneller, als mir lieb war. Denn inzwischen kroch er nicht nur vom Wiesenende, sondern auch von den Seiten herbei. Nass fühlte er sich an, und kalt. Er waberte flächendeckend und kniehoch über den Boden. Blöder Nebel. Die Sonne von vorhin wäre mir deutlich lieber gewesen, aber das konnte ich mir offensichtlich nicht aussuchen.

Und den Blödsinn, den Tessi trieb, auch nicht. Sie hatte doch wahrhaftig angefangen, im Steinkreis die Spiralen abzulaufen. Entgegen der Uhrzeigerrichtung.

Plötzlich wusste ich, dass das falsch war.

Auuuh! Wauuhuuau!

Wieder glaubte ich, einen Hund zu hören. Und zwar ganz in der Nähe. Oder war das nur der Wind, der um die Steine pfiff und dabei so klang, als würde er heulen wie ein Tier?

„Mich hat er auch erschreckt“, sagte Tess. „Aber nun nicht mehr. Komm doch auch in den Kreis, Matt.“

„Nein, Tess. Komm da raus“, sagte ich, nachdem ich sie erreicht hatte. Ich zwang meine Stimme, ganz ruhig zu klingen. Aber meine clevere Schwester schaute trotzdem alarmiert zu mir. Sie spürt es genau, wenn etwas nicht stimmt, oder wenn ich etwas ganz anders meine, als ich es ihr sage.

„Wieso? Ist was, Matt?“

„Ja. Du sollst herkommen. Sofort.“

Aber es war zu spät. Mit einem kurzem Plopp fuhr eine grüne Hand aus dem Boden, schwankte wie ein Tentakel nach links und nach rechts und griff nach Tessis rechtem Bein. Watsch!

„Hilfe, Matt!“

Tess kreischte entsetzt, streckte flehend beide Hände nach mir aus, und da sie erst im zweiten Ring stand, waren wir noch nicht weit voneinander entfernt. Ich wagte es nicht, den Steinkreis zu betreten, aber ich beugte mich zu Tess hinüber, soweit ich es vermochte.

„Hab dich!“, versicherte ich ihr.

Ganz fest schlossen sich meine Hände um ihre kleinen, zitternden Finger. Mit aller Kraft zog ich sie in meine Richtung. Die fiese grüne Hand zerrte aber auch an meiner Schwester. Was für ein Alptraum! Tessi stieß mit dem freien Bein wütend nach der Monsterhand, und wirklich, das Unglaubliche gelang. Die schreckliche Hand ließ Tessis Knöchel plötzlich los.

„Jippieh!“

Tessi sprang förmlich in meine Arme. Ich drückte sie fest an mich, küsste sie auf die Stirn und setzte sie dann aufatmend zu Boden.

„Wir hatten Glück“, sagte ich erleichtert. „Ach, Baby …“

Tess nickte gehorsam. Aber sie bückte sich und betastete die Haut unter ihrem rechten Knie.

„Matt, was ist das?“, fragte sie mich kläglich. „Wo das Ding mich angefasst hat, da ist alles so fest. Wie aus Stein …“

Plopp! Plopp!

Wir zuckten erschrocken zusammen. Rings um uns zischte es. Die Erde bebte und brach auf, als ob Hunderte von Maulwürfen am Werk wären. Weitere grüne Hände schossen aus diesen Löchern heraus, tasteten gierig nach links und nach rechts und versuchten uns im Schutze des Nebels zu packen.

Plopp, plopp, plopp!

Huaahuwau!

Wurde der unsichtbare Hund etwa auch angegriffen? Er jaulte, kläffte und heulte so verzweifelt, als ob ihm jemand ans nackte Leben wollte.

Arghau! Wauuhuuau!

Verflucht! Wollte dieser Alptraum denn niemals enden?

„Lauf!“, schrie ich, aber diese Aufforderung brauchte Tess nicht mehr. Wir rannten beide auf das Ende der Wiese zu, wo wir noch Sonne sahen. Im Zickzack wichen wir den wild grabschenden Händen aus. Plopp! Plopp! Bald mussten wir auch Steinen ausweichen, die ebenfalls aus der Erde krochen, sich uns in den Weg stellten und offenbar verhindern wollten, dass wir den Händen entkamen.

Tessi fiel hinter mir zurück. Ich hörte, wie sie weinte, und das zerschnitt mir das Herz. Ich hielt an und drehte mich zu ihr um.

„Was ist los, Krümel?“, schrie ich. „Bleib nicht stehen! Lauf weiter!“

Ich war mir zuerst nicht klar darüber, wieso sie nicht schneller vorankam. Ich sah ihre Beine ja nicht mehr, weil der verdammte Nebel uns mittlerweile bis zu den Hüften einhüllte. Aber sie hatte beim Laufen offensichtlich Schwierigkeiten. Sie humpelte gehorsam noch ein Stück voran, blieb erneut stehen und winkte mir kläglich zu. Das Abenteuer im Steinkreis hatte ihr wohl doch mehr zugesetzt, als ich es zuerst gedacht hatte.

„Ich kann nicht mehr“, flehte sie. „Matt, sieh doch. Hilf mir …“

„Bleib da, ich komme!“

Ich sah nur eine Möglichkeit, damit doch noch alles gut werden konnte. Ich wollte Tess hochheben und sie tragen, obwohl sie mit ihren zehn Jahren nicht mehr besonders leicht war. Wir würden langsamer vorankommen, aber wenigstens gaben wir nicht auf.

Doch es kam anders.

Zwei von den furchtbaren Händen waren schneller als ich bei Tess. Sie erwischten ihr Opfer gleichzeitig und zwangen es zu Boden. An dieser Stelle, wo das Unglück schlussendlich mit aller Unbarmherzigkeit zuschlug, trieb der Wind den Nebel auseinander, so dass ich mir die Tragödie in allen Einzelheiten ansehen musste.

Nie werde ich den panischen Ausdruck in den Augen meiner unglücklichen Schwester vergessen, als sie mich um Hilfe anbettelte, während weitere Monsterhände links und rechts aus der Erde fuhren, fest zupackten, Tessis Beine umklammerten, ihre Arme, ihren Oberkörper. Und ihren Hals.

Helfen konnte ich ihr nicht mehr. Ich spürte, dass ich inzwischen selber festsaß, dass mir das Gleiche geschah wie Tess. Ich fühlte mich so unendlich schuldig, wenn ich auch gar nicht wusste, warum. Und ich merkte mit Entsetzen, wie meine Arme und Beine an den Stellen hart wurden, wo mich die verfluchten Hände gepackt hielten, wie ich am ganzen Körper kalt wurde – wie ich versteinerte.

Ich konnte noch eine kleine Weile schreien, genau wie Tess. Aber zuletzt ließen wir das sein, denn es nützte uns nichts mehr. Die geschäftigen Hände vollendeten an uns ihr Werk und nur der unbekannte Hund heulte irgendwo in der Nähe sein Klagelied über das Unrecht, was uns geschah.

Stumm sahen wir einander in unseren letzten Sekunden in die Augen, bis es vorbei war, weil wir Steine geworden waren – willkommene Bauteile für den magischen Steinkreis.

M. Thiele

Last Updated (Sunday, 26 July 2020 17:38)