Kapitel 3: Der Steinkreis ruft

„Zwick mich mal am Arm, damit ich weiß, ob wir träumen“, forderte ich Tess auf.

Sie tat, was ich verlangte. Ich merkte, wie sie mich zwickte. Und gleich noch mal.

„Aua! Das reicht, du Quälgeist!“

„Und? Träumen wir?“, wollte sie wissen.

„Ich weiß es nicht, Krümel“, seufzte ich. „Ich sag’s dir später, okay?“

Sie sah mich nachdenklich an, nickte aber.

Los, Alter, sei mal nicht so denkfaul, spornte ich mich im Stillen an. Lass die kleinen grauen Zellen arbeiten! Wir brauchen Ideen!

Wie kamen wir, verflixt noch mal, wieder nach Hause?

Aber auf diese Frage fand ich beim besten Willen keine Antwort.

Ich brauche mehr Informationen, entschied ich. Und die gibt es nur in der Umgebung. Also – Augen auf!

Der Wald um uns herum bestand überwiegend aus Laubbäumen, soweit ich das beurteilen konnte. Buchen, Eichen, Birken, kleinere Gehölze, manchmal ein paar Kiefern. Die Waldwiese erinnerte mich in ihrer Form an ein langgestrecktes Oval. Hoch gewachsene, alte Eichen begrenzten sie an drei Seiten. Was sich am weiter entfernten Wiesenende befand, konnte ich nicht feststellen, denn dort hinten blockierte eine dichte Nebelwand die Sicht.

„Was tut der Nebel da?“, wollte Tess von mir wissen.

Ja, was wohl? Ein Kleinkind hätte das nicht besser formulieren können, dachte ich genervt. Passend dazu bohrte sie mit ihrem rechten Zeigefinger in der Nase herum.

„Ich weiß es nicht, Baby“, knurrte ich. „Und hör auf zu popeln, sonst brichst du dir noch den Finger ab!“

Tess kicherte, gehorchte mir aber.

Da wir nicht wussten, was wir sonst tun sollten, beobachteten wir schweigend den Nebel.

Er trotzte der Sonne, kam mit Hilfe des Windes in Bewegung, waberte hin und her und kroch gemächlich auf einen Megalith mitten auf der Wiese zu.

Ich stutzte. Wie seltsam war das denn? Wieso fiel mir so ein großer Stein im Zentrum der Waldwiese erst jetzt auf? Eigentlich hatte man ihn kaum übersehen können - einen übermannsgroßen Felsblock, deutlich höher als breit, vermutlich vierkantig und nach oben hin etwas schmaler zulaufend. Vielleicht war er Teil eines Steinkreises. Dann wäre er von vielen kleineren Findlingen umgeben. Sie würden spiralförmig angeordnet sein. Wenn man den äußersten Ring betrat, der naturgemäß der größte sein musste, könnte man wie in einem Schneckenhaus laufen, bis man den kleinsten Kreis erreicht hatte, in dessen Mitte der Megalith stand.

Ich weiß, dass solche Steinkreise sehr alt sein können, vielleicht Tausende von Jahren. Man findet sie beispielsweise in Skandinavien. Die Ahnen errichteten sie dereinst als Kultplätze, um die mächtigen Naturgeister um etwas zu bitten - um eine glückliche Reise, um eine erfolgreiche Jagd oder um einen guten Fischfang. Deshalb war jeder Steinkreis immer ein heiliger Ort, der von den Geistern besucht wurde. Weise Schamanen achteten auf die Einhaltung der Regeln. Es war zum Beispiel nicht egal, ob man in einem Steinkreis gemäß dem Uhrzeigersinn lief oder aber entgegengesetzt. Welche Variante von den beiden richtig war, wusste ich im Moment nicht. Ich hatte es nicht auf dem Zeiger, wie man so schön sagt.

Aber war das überhaupt mein größtes Problem? Wohl kaum. Eine Wiese, auf der wir gar nicht sein sollten, und ein mystischer Steinkreis, den es aller Wahrnehmung nach auch nicht geben durfte … Was für ein irres Spiel war das? In mir schrillten die Alarmglocken.

Tessis Augen funkelten seit der Entdeckung des Steines unternehmungslustig. Sie hat nicht nur Hummeln im Hintern, sondern auch eine Million Hobbys im Kopf, und wenn ich die alle nummerieren würde, dann käme das Sammeln von Steinen auf Platz eins in ihrer To-Do Liste. Sie findet immer welche, und die allermeisten dieser Fundstücke nimmt sie mit. In ihrem Kinderzimmer steht mittlerweile ein ganzer Schrank voller Steine, größere und kleinere, runde und eckige, selbst gefundene, geschenkte oder auf dem Weihnachtsmarkt gekaufte. Jeden einzelnen Stein hat Tessi ordentlich mit seinem Namen, seiner Fundzeit und seinem Fundort beschriftet. Sie hat auch Bücher über Steine, in denen sie liest. So erfährt sie, wie ein Stein heißt, wo er vorkommt oder welche Eigenschaften er hat. Wenn sie mal groß ist, wird sie vermutlich entweder Geologin oder Archäologin, jedenfalls irgendwas in dieser Preislage. Daher war mir sofort klar, dass ich Tessi nie im Leben davon abhalten konnte, zu diesem Steinkreis zu rennen.

Sie trippelte mehrmals kurz auf der Stelle, als ob sie genau wüsste, dass sie mich um Erlaubnis fragen müsste, dann warf mir noch einen kessen Blick zu und spurtete los. Ihre blonden Haare flatterten im Wind, der sich unmerklich zu einer frischen Brise gemausert hatte.

„Tessi!“, schrie ich meiner kleinen Schwester hinterher. „Nicht den Steinkreis betreten, hörst du?“

Sie winkte mir glücklich zu, bevor sie in den Dunst eintauchte, der den Stein umzingelt hatte wie ein Rudel hungriger Wölfe.

Dann bellte etwas im Nebel. Ein wildes Tier?

Tess kreischte.

„Matt! Komm her! Schnell!“

Panik stieg in mir auf. Ich rannte meiner kleinen, chaotischen Schwester hinterher, als ginge es um unser Leben. Und leider hatte ich damit nicht unrecht.

Last Updated (Thursday, 23 July 2020 10:16)