Arne stand auf und öffnete das Fenster. Sein Kinderzimmer lag im zweiten Stock. Weiter oben war bloß noch der Dachboden. Irgendwann wĂŒrde Vater ihn wahrscheinlich als Hobbyraum ausbauen. Der Junge sah zum Himmel. Es waren nur wenige Wolken zu sehen. Die Oktobersonne meinte es heute Nachmittag gut. Sie trocknete die WĂ€sche auf der Leine und lockte die Schmetterlinge in den Vorgarten. Wie bunte Tupfer flatterten die Kleinen FĂŒchse und AdmirĂ€le um die Herbstastern. Und der rote Wein war in diesem Sommer mit seinen Ranken bis zu Arnes Zimmer hinaufgeklettert. Im nĂ€chsten Jahr wĂŒrde er wohl die Regenrinne erreichen. Da drin saßen mal wieder ein paar Spatzen. Sie schwatzten laut. Arne beneidete sie, weil sie draußen sein durften.

Radioverbot, Fernsehverbot, Hausarrest! Der Junge ließ das Fenster offen. Er ging hinĂŒber zum Babybett und schaute nach Lisa. „Ich lasse sie zum Mittagsschlaf in deinem Zimmer“, hatte Mutter gesagt. Sie klang noch immer zornig. „Damit du darĂŒber nachdenkst, was du eigentlich gestern angestellt hast. So ein hilfloses Wesen im Stich zu lassen! Von einem ZwölfjĂ€hrigen hĂ€tte ich mehr Verstand erwartet!“

Lisa schlief fest. Ihre HÀnde hatte sie zu MinifÀusten geballt. Der Nuckel war aus ihrem Mund gerutscht und lag nun neben dem Kopfkissen.

„Wenn du Ă€lter bist, werde ich dir alles erklĂ€ren“, sagte Arne leise. „Ich habe dich nicht im Stich gelassen. Das hĂ€tte ich bloß, wenn ich dich im Haus eingesperrt hĂ€tte und dann weggefahren wĂ€re. Aber ich hab dich bei der Nachbarin abgegeben. Die hat dich so gut bewacht wie ein Drache seinen Goldschatz. Da warst du in den besten HĂ€nden.“

Der Junge setzte sich an seinen Schreibtisch. Er nahm den FĂŒller und begann, die erste Seite seines neuen Tagebuches zu beschreiben.

Liebes Tagebuch!

Du bist der einzige, dem ich es erzĂ€hlen kann. Was mir gestern passiert ist, das ist total verrĂŒckt. Keiner glaubt mir, dass ich es doch nur gut gemeint habe. Außer Oma natĂŒrlich. Aber fĂŒr Oma habe ich ja auch die ganze Aktion geplant und durchgefĂŒhrt. FĂŒr sie habe ich sogar mein Sparschwein geschlachtet.

Arne schaute in den Papierkorb. Er sah die BruchstĂŒcke seines Sparschweins und holte sie in einem plötzlichen Entschluss wieder heraus. Sorgsam legte er die Porzellanteile auf das Wandregal. Eigentlich ist es doch ganz allein meine Sache, wofĂŒr ich mein Geld ausgebe, dachte er. Es war sowieso fast alles von Oma. Bei jedem Besuch hat sie mir was zugesteckt. Taschengeld krieg ich ja keins!

Genau genommen sind Mutti und Vati schuld an allem. Sie wollten schon lange, dass Oma zu uns aufs Dorf kommt. Wir haben hier so ein feines Seniorenheim, haben sie zu ihr gesagt. Da hast du dein eigenes Reich und bist doch ganz dicht bei uns. Wir könnten dich besuchen, so oft du das magst. Und an jedem Wochenende wÀrst du bei uns im Garten zum Kaffeetrinken.

Oma wollte lange Zeit nicht. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, hat sie immer gesagt. Ich wohne gern in Rostock. Die 80 Kilometer bis zu mir könnt ihr ruhig ab und zu fahren!

Bis dann im letzten Monat der große Wasserrohrbruch in ihrem Bad war. Die ganze Mietwohnung war total nass. Man hĂ€tte fast alles neu kaufen mĂŒssen, Möbel und Teppiche und die Tapeten auch. Da hat sie nachgegeben, und dann ging alles ganz schnell. Im Seniorenheim war tatsĂ€chlich kurzfristig ein Platz frei. Letzten Sonntag haben Mutti und Vati die WĂ€sche fĂŒr Oma sortiert. Deine Fotos willst du doch sicher mitnehmen, sagten sie zu ihr, und deine LieblingsbĂŒcher und den alten Teddy. War ja auch richtig. Aber es musste alles so schnell gehen.

Oma braucht jetzt nicht mehr viel, dachte Arne. Die vier WĂ€schekoffer und die Pappkiste mit den Andenken konnte Vati in unseren Honda laden. FĂŒr den Transporter von der Möbelspedition Westermann waren die Tische und SchrĂ€nke gedacht, die noch gut aussahen und die verkauft werden sollten.

„Das ist schließlich antik“, sagte Mutter. „Manche Leute suchen so was Altes und geben viel Geld dafĂŒr aus!“

Oma wusste ganz genau, was sie alles behalten wollte. Es gab nur ein Problem, und das war die Geschwindigkeit, mit der die Möbelpacker arbeiteten. Als sie am Mittwochabend an die TĂŒr klopften, war außer den WĂ€schekoffern nichts vorbereitet.

„Wir mĂŒssen beladen“, sagten die MĂ€nner Ă€rgerlich. „Wir wollen auch irgendwann Feierabend haben. Also, womit sollen wir anfangen?“

Die alte Frau stand ratlos da. Mutter und Vater kamen erst nach einer Stunde, um zu helfen.

„Wo sind meine Briefe?“, fragte Oma unruhig. „Ich will sie behalten. Ich lese jeden Abend darin. Deshalb liegen sie noch in der braunen Kommode im Schlafzimmer!“

Es hat niemand richtig hingehört. Dann fuhr Mutti mit der Oma ins Heim, um ihr den Umzugsstress zu ersparen. Sie rief Vati zu, er soll an die Briefe denken. Aber der hat sie nicht gefunden, weil er sie dummerweise im Wohnzimmerschrank gesucht hat. Und die Möbelpacker trugen inzwischen die Kommode in das Lieferauto. Mitsamt Omas Briefen, die lagen in der untersten Schublade.

Arne ĂŒberlegte und schrieb dann weiter.

Oma hat noch am gleichen Abend gemerkt, dass ihre Briefe fehlten. Sie hat gegen 22.00 Uhr bei uns angerufen. Mutti versprach ihr, sich gleich am nĂ€chsten Tag darum zu kĂŒmmern. Am Donnerstag. Sie wollte beim AntikmöbelhĂ€ndler Bescheid sagen, damit der die Briefe aufhebt. Aber dann kam auf Arbeit was dazwischen und sie hat es vergessen. Oma war total unglĂŒcklich und hat geweint. Also hab ich am Freitag die Sache selber in die Hand genommen.

Erst wartete ich, bis Mutti und Vati um sieben aus dem Haus waren. Dann bin ich rĂŒber zur Nachbarin und hab Lisa abgegeben. Das Sparschwein hat 200 Euro ausgespuckt. Ich hab alles eingesteckt. Sechs Euro kostet eine Fahrt mit dem Bus zur Kreisstadt. Und die Zugfahrkarte ist auch nicht gerade billig – 24 Euro sind kein Pappenstiel.

Ich hatte einen genauen Zeitplan.

Bis 13.25 Uhr musste die Aktion in Rostock abgeschlossen sein. Dann fuhr der Zug wieder zurĂŒck. Um 14.10 Uhr kommt er in der Kreisstadt an. Zehn Minuten spĂ€ter wollte ich im Linienbus sitzen. Eine Stunde braucht er bis zu unserem Dorf. Dann wollte ich Lisa holen und mit ihr zusammen der Oma die Briefe bringen. Mutti und Vati kommen nie vor 19.00 Uhr. So hatte ich mir das gedacht.

Arne ĂŒberlegte. Ab wann ging eigentlich alles schief? Der Zug fuhr pĂŒnktlich um 9.00 Uhr ab. Das Abteil war voller Fußballfans. Die lĂ€rmten, tranken Alkohol und fingen kurz vor Rostock zu randalieren an. Die Transportpolizei war schnell da. Den Polizisten musste er klarmachen, dass er keiner von den Fans war, und sie glaubten ihm schließlich. Sie empfahlen ihm sogar die kĂŒrzeste Verbindung zum Antikhandel in der Baustraße. „Mit der Straßenbahn Nummer 12a eine Viertelstunde fahren und am Friedhof aussteigen“, sagten sie. „Da ist die Weststadt. Dann die erste Querstraße links!“

Wenig spĂ€ter saß Arne schon in einer Straßenbahn und freute sich, dass der Zeitplan stimmte. Aber nach 30 Minuten Fahrt war noch immer kein Friedhof in Sicht, nur die neu renovierten HĂ€userzeilen eines Neubaugebietes. Und nachdem er eine Frau gefragt hatte, wurde ihm sein Irrtum klar. „Du bist in der Nordstadt. Das hier ist die Nummer 12, nicht die 12a. Wo du hinwillst, das ist eine ganz andere Richtung. Fahr am besten zurĂŒck zum Hauptbahnhof, Junge“, riet ihm die Frau. „Und da steig um!“

Als ich in der Nordstadt aus meiner falschen Straßenbahn stieg, war es schon 10.45 Uhr, schrieb Arne in das Tagebuch. Auf die RĂŒckfahrt zum Hauptbahnhof hĂ€tte ich erst mal weitere zwanzig Minuten warten mĂŒssen. Aber auf der anderen Straßenseite stand eine Kaufhalle, und davor war ein Taxistand. Und ich hatte noch mehr als 150 Euro aus meinem Sparschwein. Also wagte ich es – ich ging rĂŒber und sprach den Taxifahrer an, der am sympathischsten aussah. Als Adresse sagte ich ihm den Antikhandel in der Baustraße. Der Mann ließ sich bloß zeigen, ob ich bezahlen konnte, dann brauste er mit mir los. Er hat mir sogar wie ein StadtfĂŒhrer die SehenswĂŒrdigkeiten erklĂ€rt.

Ich weiß, dass es irre teuer war. Das braucht Mutti mir nicht zum x-ten Mal unter die Nase zu reiben. Und trotzdem hat mir die Fahrt Spaß gemacht. Ich hab mir vorgestellt, dass ich ein Regierungsrat bin, so einer wie der Oberamtsrat Clausen aus dem Radio. Und dass ich in geheimer Mission unterwegs bin. Irgendwie stimmte das ja sogar. Schließlich hĂ€tte ich eigentlich auf Lisa aufpassen mĂŒssen, weil gerade Ferien waren. Aber daran dachte ich lieber nicht.

Arne zog sein Portmonee aus der Hosentasche. Hier steckten die Busfahrkarten und da das Zugticket. Aber so teuer wie die Taxirechnung waren beide zusammen nicht. Die Autotour bis vor die Antikmöbelhandlung ließ sein Erspartes um 26,00 Euro schrumpfen. Und da er den Fahrer bat zu warten, kamen noch einmal 24,00 Euro dazu. So viel kostete nĂ€mlich das Taxi bis zum Hauptbahnhof. Mutter hatte sich abends furchtbar darĂŒber aufgeregt. „Der Kerl hat dich nach Strich und Faden betrogen!“, schimpfte sie.

Ohne den freundlichen Taxifahrer hĂ€tte ich meinen Anschlusszug garantiert verpasst, schrieb Arne weiter. Wer weiß, wann die nĂ€chste Straßenbahn gefahren wĂ€re, und wer weiß, von wo! Mein Abenteuer war sowieso noch nicht zu Ende. Als nĂ€chstes scheiterte ich an einem bebrillten Pförtner. Der wollte mich nicht ins Antikmöbelhaus lassen. Ich hĂ€tte keinen Termin, und deshalb könnte ich auch den Herrn GeschĂ€ftsfĂŒhrer nicht sprechen. Und alles andere hat den alten Knauser nicht interessiert. Er hörte mir gar nicht zu.

Aber ich hatte wieder GlĂŒck. Eine nette Dame kam und die wollte auch zur GeschĂ€ftsfĂŒhrung. Bevor sie hineinging, sprach ich sie einfach an und bat sie um Hilfe. Ja, und das hat funktioniert. Sie war niemand anders als die ChefsekretĂ€rin! Wenig spĂ€ter konnte ich Herrn Westermann meinen Fall erzĂ€hlen. Wegen mir verpasste er sogar sein Mittagessen. Er ging mit mir zusammen ins Lagerhaus, und die hĂŒbsche SekretĂ€rin kam auch mit.

Der blaubekittelte Lagermeister musste uns die Möbel zeigen, die am Mittwoch eingetroffen waren. Er fĂŒhrte uns durch eine große Halle, und die ist voller wertvoller SchrĂ€nke und Tische und so. Ich habe dort wirklich schöne Sachen gesehen, und jetzt denke ich auch, dass sich manche Leute lieber so was Altes kaufen als neue Möbel.

Dann standen wir vor Omas brauner Kommode. Ich hab gesagt, das ist sie, und der Lagermeister hat ausgesehen, als ob er mir gar nichts von meiner Geschichte glaubt. Aber ich hab die unterste Schublade aufgezogen und hab einen dicken Packen Papier herausgenommen. Es war genau so, wie Oma es beschrieben hatte. Alle Briefe waren kreuzweise mit einem schwarzen Lederband zusammengeschnĂŒrt. Die SekretĂ€rin hat plötzlich nach einem Taschentuch gesucht und dann sind wir wieder hinauf ins BĂŒro gegangen. Ich musste dem Herrn Westermann schriftlich bestĂ€tigen, dass er mir Omas Briefe ĂŒbergibt. Und meine Anschrift und die vom Seniorenheim musste ich ihm auch sagen. Ging nicht anders, denn er hat weder Mutti noch Vati mit dem Telefon erreicht. Und darĂŒber war ich logischerweise ganz froh.

Arne steckte sein Portmonee wieder ein. Er dachte daran, wie er den Zug um 13.25 Uhr in letzter Minute noch erreichte. Nie im Leben hatte er sich so glĂŒcklich gefĂŒhlt, wie in dem Augenblick, als er in seinem Abteil Platz nahm. Er hĂ€tte die ganze Welt umarmen können. In seinem Rucksack steckten Omas Briefe, und er wollte sie ihr noch am gleichen Nachmittag ĂŒbergeben. Seufzend schrieb er weiter.

Mit meiner Freude war es vorbei, als der Zug zu bummeln anfing. In der Kreisstadt kam er 15 Minuten zu spĂ€t an. Wegen Bauarbeiten an den Gleisen, hieß es. Mein Bus war natĂŒrlich weg. Und der nĂ€chste fuhr erst in einer Stunde! Ich setzte mich vor den Bahnhof auf eine Bank und wartete. Und genau da sah mich Mutti, als sie mit ihrem Honda nach Hause fuhr.

Liebes Tagebuch, ich glaube, das weitere kannst du dir denken.

Lisa begann zu murmeln. Arne legte den FĂŒller weg und ging hinĂŒber zu ihrem Babybett. „Na, bist du wach?“, sagte er gutmĂŒtig. Sie streckte die Arme nach ihm aus und lachte. Als Dankeschön fĂŒr ihre gute Laune gab er ihr den Nuckel zurĂŒck. „Wenn du mal Ă€lter bist, lese ich dir die ersten Seiten aus meinem Tagebuch vor“, versprach er. „Ich muss bloß noch schreiben, dass Oma ihre Briefe natĂŒrlich noch gestern Abend gekriegt hat. Und dass sie mich als einzige verteidigt hat. Und dass sie mir heute Vormittag das Tagebuch geschenkt hat. Es ist nie verkehrt, wenn man beizeiten anfĂ€ngt, seine Erinnerungen zu sammeln, sagt sie!“

In diesem Augenblick klingelte es. Mutter ging zur HaustĂŒr und öffnete. Irgend jemand wollte etwas von ihr und sie bat ihn herein. Dann stieg sie die Treppe hinauf und schaute ins Kinderzimmer. „Arne, kommst du bitte?“, fragte sie. Sie klang ĂŒberhaupt nicht mehr wĂŒtend. „Da unten ist der Herr Westermann aus Rostock. Du hast ganz richtig gehört, es ist der Chef vom Möbelhaus. Er will mit dir sprechen. Er findet es so toll, wie du dich fĂŒr Oma eingesetzt hast.“ Sie schluckte etwas. Arne hatte Mutter noch nie so verlegen gesehen. „Und wenn du Zeit hast, möchte er gern mit dir zum Seniorenheim gehen und Oma besuchen. Ich glaube, er hat auch ein Geschenk fĂŒr sie.“

Der Junge ahnte etwas. „Omas alte Kommode?“, fragt er leise.

Mutter nickte.

Marianne Thiele

Oktober 2001

Last Updated (Tuesday, 14 July 2020 10:09)