Zottel, das Herbstfarbenmonster

Ich gehe gern zu meinem Großvater.

Im Gegensatz zu meinen Freunden, die erst nach Berlin oder Rostock fahren müssen, kann ich das eigentlich jeden Tag machen, seit meine Eltern mit mir aufs Dorf gezogen sind. Opa Fietje wohnt nämlich auch in Seedenow, genau wie ich. Und immer wenn ich Zeit habe, schnappe ich mir mein Rad und schaue bei ihm vorbei.

Gestern kam ich bei ihm an, als er gerade in seinem Obstgarten einen großen Laubhaufen zusammenharkte. Weil ich weiß, wo die Schubkarre steht, hab ich sie gleich geholt. Ich wollte die vielen Blätter aufladen und zum Komposthaufen bringen, damit Opa weniger Arbeit hat. Aber er lachte und schüttelte den Kopf.

„Ihr Stadtkinder wisst aber auch gar nix vom alten Landleben“, spottete er gutmütig „Das Laub von dem Birnbaum lassen wir mal schön da liegen!“

„Aber dann sieht es doch in deinem Garten so mölig und unordentlich aus“, wagte ich einzuwenden.

„So, so, willst es also wirklich wegnehmen. Und wo sollen dann die Igel und die Eidechsen und die Herbstfarbenmonster den Winter über wohnen, he?“, wollte er wissen.

Das wusste ich natürlich nicht, und was Herbstfarbenmonster sind, wusste ich schon mal gar nicht. Also brachte ich die Schubkarre beschämt zurück in den Schuppen. Mein Opa Fietje, ihr habt es schon gemerkt, ist ein sehr geduldiger Mensch. Im Gegensatz zu Mama und Papa hat er auch immer für mich Zeit. Weil ich Mecklenburger Dösbaddel so überhaupt keine Ahnung von Laubhaufen als Hauptwohnsitz für Gartenmonster hatte, lud er mich zu einem Tee in die warme Stube ein. Bald stand eine dampfende Kanne mit frischem Pfefferminztee auf dem Tisch.

„Also“, fing er an, „die Spezies der Herbstfarbenmonster ist ...“

„Halt, warte mal!“, schrie ich. Ich rannte in die Küche, holte den Recorder und packte eine frische Kassette in das Laufwerk. „Das ist doch wissenschaftliches Neuland!“, sagte ich außer Atem, denn schließlich hatte mich eben sehr beeilt. „Alles, was du weißt, nehmen wir auf Tonband auf. Vielleicht kann ich in Deutsch meinen Aufsatz zu dem Thema schreiben. Ich betitele ihn: Was lebt noch in unseren Gärten, oder so ähnlich. Die anderen aus meiner Klasse werden blass vor Neid!“

„Na, wenn du meinst“, sagte Opa zweifelnd, und dann fing er zu erzählen an.

„Die Spezies der Herbstfarbenmonster ist nämlich sehr schüchtern und ich glaub eigentlich nicht, dass die sich doll freuen würden, wenn sie der Hauptheld in deinem neuesten Aufsatz werden. Rein zoologisch gesehen, gehören sie zu den Gemeinen Gartenmonstern ...“

„Wie gemein?“, unterbrach ich meinen Opa aufgeregt.

„Ach, du Dummerlieschen! Gemein heißt doch bloß, dass sie überall in Mecklenburg vorkommen. In meinem Garten wohnt übrigens eine Mutter-Vater-Kind-Familie, und zwar in dem großen Laubhaufen, direkt neben dem alten Birnbaum. Du kennst ihn ja, er hat schon viele Astlöcher und trägt Moos auf der Rinde. Er steht da, solange ich denken kann. Und genau so lange kennt er auch die Herbstfarbenmonster.“

„Und wie lange kennst du sie schon?“

„Ich habe sie das erste Mal vor 3 Jahren entdeckt. Es war eher ein Zufall, weil ich spät nachts noch mal zum Kompost ging. Der Mond schien und die kleine Monsterfamilie saß im Gras, spielte mit den bunten Blättern, die ihnen der Wind vor die Füße warf, und sprach sehnsüchtig von den guten alten Zeiten, als die Menschen noch keine Angst vor ihnen hatten. Manchmal schnüffelte Gevatter Igel vorbei und brummelte: Menscheneltern sind die reinsten Angsthasen! Wenn ich mit meinen Stacheln rascheln tu, laufen die schon weg!

Oder Frau Maus huschte vorbei und piepste: Und Menschenkinder sind noch aufdringlicher als Katzen! Mehr sagte sie meistens nicht, weil ihr schon Felix, der freche Hofkater, auf den Fersen war.“

Ich drehte ein bisschen an der Lautstärkeregelung, und Opa wartete, bis ich damit fertig war.

„Sag noch, wie sie aussehen, wie groß sie sind und ...“, verlangte ich und drückte wieder auf AUFNAHME, aber er unterbrach mich: „Nu mal immer schön langsam mit den jungen Pferden! Du bist aber auch bannig neugierig. Na, da stell ich dir am besten den Zottel vor, nicht wahr. Zottel war damals erst ein Jahr alt, nicht größer als mein kleinster Gartenzwerg, und deshalb musste er meistens seinen Mund halten und zuhören, was die anderen erzählten. Er hatte noch die gleichen gelben Fellwuschel wie alle Babys seiner Art und sah also ungefähr so aus wie das Krümelmonster aus der Sesamstraße. Nur eben gelb und viel kleiner. Ich habe Zottel und seine Familie damals die ganze Nacht belauscht.“

„Wo hast du dich versteckt?“

„Hinter den Himbeersträuchern! Ich hatte Glück, es war noch nicht sehr kalt. Als der Mond gegen Morgen schlafen ging, huschten alle drei Monster wieder unter den großen Laubhaufen, der im Herbst immer ihre Wohnung ist. Geh niemals ins Sonnenlicht!, ermahnte die Mama den Zottel. Die Menschen fangen dich sonst und sperren dich in einen ihren schrecklichen Zoos! Oder Felix frisst dich, weil er dich im grellen Licht mit einer Maus verwechselt hat! Oder ...

Zottel hörte schon nicht mehr richtig zu. Den dunklen Laubhaufen fand er todsterbenslangweilig. Er hätte viel lieber der hellen fröhlichen Sonne sein gelbes Fell gezeigt. Also krabbelte er am nächsten warmen Oktobertag ganz allein ans Licht, obwohl ihm das die Mama streng verboten hatte.“

„Und natürlich wurde er erwischt“, sagte ich vorlaut.

„Ja, aber nicht gleich. Er saß erst eine ganze Weile unter dem Birnbaum, die Sonne schien und sein gelbes Fell leuchtete wie eine Butterblume. Dann kamen die Nachbarkinder und spielten drüben Federball.“

„Der Toni und die Nina?“, fragte ich. „Moment, lass mich mal nachdenken – die müssen damals acht und elf Jahre gewesen sein.“

„Stimmt“, sagte mein Opa. „Und Zottel fiel ihnen auch gar nicht auf. Aber er hat sie heiß beneidet, weil sie draußen sein durften und zusammen spielen konnten. Es ist nämlich auch für Monsterkinder schrecklich, wenn sie ein Einzelkind sind und immer allein sein müssen. Als unser gelber Freund wieder in seinen Laubhaufen tauchte, gab es Ärger. Mama und Papa warteten schon auf ihn.“

„Gab’s Haue?“, fragte ich.

„Nee, das nicht, aber strengen Laubhaufenarrest. Und das war besonders schrecklich, weil doch die nächste Nacht die Geburtstagsnacht vom Zottel war. Und die sollte sozusagen zur Strafe ausfallen.

Er grämte sich den vollen Nachmittag und den ganzen Abend lang, aber nix war. Keine Gnade. Da weinte er sich in den Schlaf, denn wenn schon der Geburtstag futsch war, dann wollte er auch nicht wach bleiben.“

„Geht’s noch irgendwie gut aus?“, fragte ich gespannt.

Opa grinste und goss sich in aller Ruhe Tee nach.

„Wirst du gleich hören! Als Zottel am nächsten Morgen aufwachte, war er ganz allein im Nest. Da krabbelte er ans Tageslicht, weil er bockig sein wollte. Oben schien die Sonne, und da sah er auf seinem Fell lauter kleine grüne Tupfer. Die waren ihm in der Geburtstagsnacht gewachsen. Herbstfarbenmonster kriegen nämlich zu jedem Geburtstag eine weitere Fellfarbe als Geschenk der Natur, bis sie so bunt aussehen wie ein Garten im Herbst.

Ja, und auf genau so einem Laubhaufen, wie du ihn vorhin wegräumen wolltest, habe ich den lütten Zottel gefunden ...“

„Und wie weiter?“, quengelte ich. „Warte doch nicht immerzu, erzähl doch einfach, wie es war!“

„Na ja, er hat mir sein Leid geklagt. Da hab ich den Laubhaufen vorsichtig hochgenommen, denn ich wollte mich bei den Eltern für den Lütten einsetzen. Aber nix war – es war keiner zu Hause. Weil die liebe Mama und der liebe Papa nämlich drüben am Gartenzaun standen und dem Toni und der Nina beim Federball zusahen!“

„Jetzt sag ich, wie’s weitergeht“, ergänzte ich. „Du bist natürlich hin und hast sie angesprochen. Sie haben sich tierisch erschreckt und sich noch mehr geschämt. Und es wurde doch noch Geburtstag gefeiert. Bei dir in der Wohnstube!“

„Nun, in der Wohnstube nicht gerade. Gartenmonster, und besonders die Herbstfarbenmonster, betreten niemals ein Haus. Aber wir haben zu siebt im Garten gefeiert. Meine Nachbarin Oma Hilde hat nämlich ihren leckeren Himbeerkuchen gebacken und Toni und Nina kamen dazu und es wurde noch eine wunderschöne Feier, mitten im Sonnenschein!“

Ich stoppte den Recorder. „Na, das war ja eine schöne Gartengeschichte“, prustete ich kichernd. „Haha. Die große Verbrüderung zwischen Menschen und Monstern! Das reinste Gartenlatein! Ich glaub, ich sollte das doch lieber nicht für meinen Aufsatz nehmen. Der muss nämlich eine wahre Geschichte sein und keine Münchhausen-Story.“

„Oh, ich kann’s dir beweisen, dass sich alles so und nicht anders abgespielt hat. Hol mal gleich das Fotoalbum aus dem Schrank, mien Diern!“

Das tat ich. Opa Fietje nahm in aller Ruhe seine Brille, schlug bedächtig eine Seite auf und ich sah das Bild einer herbstlichen Gartenparty: Oma Hilde und die beiden Nachbarkinder saßen einträchtig unterm Birnbaum an einer Kuchentafel und amüsierten sich.

„Ich hab das Foto selbst gemacht“, erklärte Opa. „Verstehst du? Deswegen bin ich nicht mit drauf und mein Stuhl ist frei.“

„Haha, ich hab es doch gewusst!“, triumphierte ich. „Ich zähl trotzdem bloß vier Personen und nicht sieben. Hier, guck, die Bank ist leer. Du hast dir alles ausgedacht. Oder wo siehst du auf dem Bild die drei Herbstfarbenmonster?“

Da lachte Opa schallend. „Typisch Stadtkind! Die leeren Plätze sind doch gerade der Beweis! Oder hast du noch nie davon gehört, dass man Monster niemals fotografieren kann?“

Marianne Thiele

Last Updated (Saturday, 11 July 2020 12:05)