Hildebrand und Hadubrand
Das Hildebrandlied stammt aus dem 9. Jahrhundert, also aus dem Hohen Mittelalter, der Zeit der starken und edlen Ritter. Es ist das älteste und zugleich einzige überlieferte Beispiel eines germanischen Heldenliedes der deutschen Literatur und eines der frühesten poetischen Textzeugnisse der deutschen Sprache. Die Sage schildert den tragischen Zweikampf zwischen dem Vater Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand.
Dies ist die Geschichte.
Die Sage weiß zu berichten, dass der starke und edle Ritter Hildebrand nach 30 Jahren Abwesenheit auf dem Weg in seine Heimat war. In den vergangenen Jahren hatte er viele ruhmvolle Taten begangen, dem Helden Dietrich von Bern treue Dienste geleistet, er war bei dem Hunnenkönig Etzel zu Gast gewesen und hatte dort erlebt, wie Königin Kriemhild, die Frau von Siegfried dem Drachentöter und spätere Gemahlin Etzels, furchtbare Rache für Siegfrieds Tod an Hagen und ihren Brüdern nahm.
Nun wollte Hildebrand nach all den Abenteuern nur noch eines: Nach Hause. Der alte Recke freute sich darauf, endlich seinen Sohn Hadubrand kennenzulernen, den er seit dessen Geburt nie wieder gesehen hatte.
Hildebrand reiste nicht allein, ihm folgte ein starkes Ritterheer, dessen Anführer er war.
An der Donau begegnete Hildebrand einem anderen Heer, das ein junger Recke anführte.
Beide Anführer ritten langsam und mit offenem Visier aufeinander zu, wie es bei solchen Begegnungen üblich war, sie begrüßten sich und stellten sich vor. Der Jüngere machte dabei den Anfang.
Als Hildebrand nun aber hörte, dass der junge Ritter Hadubrand hieß und auf der Suche nach dem Vater wäre, wollte der alte Krieger sein Glück zuerst kaum glauben. Überwältigt von Freude, sprang er von seinem Schlachtross, schritt auf den jungen Mann zu und gab sich zu erkennen.
„Du hast mich gefunden, mein Sohn. Ich bin Hildebrand, dein Vater!“
Er zog zwei goldene Armreifen aus seinem Gewand und wollte sie dem wiedergefundenen Sohn als Willkommensgeschenk übergeben, so sehr freute er sich über dieses unerwartete Treffen.
Doch seine Wiedersehensfreude war nur von kurzer Dauer, denn Hadubrand glaubte keinen Moment lang, was er da hörte. Er hatte seinen Vater ja auch nie gesehen und war der Meinung, der Fremde wolle sich über ihn und seine Suche nur lustig machen; im Angesicht zweier Ritterheere, und das kränkte ihn zutiefst in seiner Ritterehre.
Hadubrand blieb also verärgert und voller Misstrauen auf seinem hohen Schlachtross sitzen und wies Hildebrand scharf zurecht: „Ich soll dein Sohn sein? Du lügst, Fremder! Du bist nichts weiter als ein betrügerischer Hunne. Entehre nicht das Andenken an meinen ehrenwerten Vater Hildebrand mit deinen betrügerischen Worten, sonst muss ich dich bestrafen. Behalte deine Geschenke, ich will sie nicht!“
Hildebrand erschrak, denn er ahnte, wohin dieser Streit führen konnte. Die düstere Vorahnung machte ihm das Herz schwer. Voller Sorge bestand er auf der Wahrheit, auch wenn ihn die harten Worte des Sohnes zutiefst kränkten.
„Du irrst dich, Hadubrand. Ich bin kein Hunne, sondern wirklich dein Vater und auf dem Weg in die Heimat. Lass uns zusammen heimreisen, deine Mutter wird mich erkennen!“
Doch Hadubrand lachte nur und nannte den Vater eine Memme, die es nicht wert wäre, starke Ritter anzuführen.
Das konnte Hildebrand nicht länger hinnehmen. Seine Krieger hatten alles gehört, sein Ruf als stolzer Held und starker Anführer stand auf dem Spiel.
„Du willst mir nicht glauben, Sohn? Dann muss es wohl sein“, sagte er bitter. „Ich werde mit dir kämpfen müssen und du wirst von durch mein Schwert sterben, so wahr ich dein Vater bin.“
Nun gab es kein Zurück mehr. Hadubrand und Hildebrand bereiteten sich auf den Kampf vor, zogen die Riemen der Rüstungen fester, hoben die Schilde und entblößten die Schwerter.
Dann begann der Zweikampf, der lange unentschieden blieb. Zuerst fochten beide Recken zu Pferde, später schlugen sie zu Fuß aufeinander ein. Die Schilde krachten, Staub wirbelte meterhoch auf, beide Schwerter klangen hell und schmeckten Blut. Doch keiner der beiden Kämpfer gab auf.
Zuletzt, als der Tag schon zur Neige ging, siegte Hildebrand dank seiner Kampferfahrenheit und seiner größeren Ausdauer – er versetzte Hadubrand den entscheidenden Stoß ins Herz, als der junge Recke aufgrund des langen Waffenganges in seiner Aufmerksamkeit für einen Moment nachließ.
Der junge Mann brach zusammen, wie vom Blitz getroffen. Er hauchte sein Leben in den Armen seines Vaters aus, der bitterlich um ihn weinte und sich der heißen Tränen nicht schämte.
Dann begrub der Vater der Sohn.
Die Krieger beider Heere erlebten die ganze Nacht über Hildebrands Totenklage und es gab nun niemanden mehr, der an dem Leid des Vaters zweifelte. Beide Heere schlossen sich am folgenden Tag zu einem mächtigen Verbund zusammen und wurden durch Hildebrand heimgeführt.
Hadubrands Grab jedoch blieb verlassen in der Fremde zurück, irgendwo am Ufer der Donau.
Neu erzählt von M. Thiele
Last Updated (Friday, 06 February 2026 10:21)
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