Leseprobe Abenteuerbuch: Die Bernsteinnixe aus der Müritz

Der Kapitelanfang auf S. 94 ist in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Die Uferzone wird menschenleer, denn hier gibt es keine befestigten Wege mehr. Langsam gleitet der Schilfgürtel linker Hand an ihnen vorbei. „Da, genau neben uns“, flüstert Piet plötzlich. „Ich mach mal lieber Meldung, obwohl die Person anders aussieht, als Julia sie beschrieben hat. Seht ihr den umgestürzten Baum, der im seichten Wasser liegt? Auf dem Stamm sitzt jemand.“

Piet hat recht. Aber es ist weiß Gott keine Nixenprinzessin, sondern vielmehr eine Oma! Und sie sieht überhaupt nicht so aus, wie Julia es gesagt hat. Das Gesicht der alten Dame ist faltenreich. Es hat die Farbe von gelb-grauem Schilf. In dem langen gelben Haar, das die Person offen trägt, entdecken die Kinder weiße und grüne Strähnen. Es ist ein Wunder, dass Piet die Oma mit dieser Tarnung überhaupt von Schilfhalmen unterscheiden konnte. Die Augen schützt sie mit einer Sonnenbrille. Ihr hellbraunes Gewand hält sich definitiv an keine aktuelle Mode. Der Stoff sieht glatt aus, er glänzt, und das Muster erinnert irgendwie an Schuppen und Fischgräten. Und statt der Beine hat die komische Oma einen gelb-braunen Fischschwanz, der vom Baumstamm herabbaumelt!

Damit ist es klar – sie haben die Nixe tatsächlich gefunden, auch wenn die ganz anders aussieht, als Julia es sich gedacht hat.

Niemand im Boot spricht. Die Überraschung hat allen die Sprache verschlagen. Die Rockertante hält die Ruder waagerecht, als ob sie zu einem Standbild erstarrt wäre. Der Drache umklammert seine Kugel. Seine Augen sind kullerrund, so sehr staunt er. Julia Hände kribbeln. Sie würde am liebsten ihren Malblock nehmen und die Szene zeichnen, wie die Nixenoma auf dem Baumstamm sitzt, aber sie traut sich nicht, nach Stiften und Papier zu greifen. Und Piet würde gern ein Foto mit seinem Handy machen.

Das Boot wird durch die Wellen sanft hin und her bewegt. Sie plätschern leise, wenn sie an die Bootswand schlagen.

Die Nixe mustert die Ankömmlinge aufmerksam. Dazu nimmt sie die Sonnenbrille ab. Sie hat grüne Augen. Als sie den kleinen Drachen im Boot entdeckt, ruft sie: „Oh, ein Bernsteindrache! Wie süß!“ Ihre Stimme klingt hell, wie die eines jungen Mädchens. Sie hechtet ins Wasser und erreicht mit zwei, drei Schwimmzügen fix das Boot. Sie packt den Bootsrand mit ihren Händen und hält sich daran fest.

„Seht doch nur! Sie hat sich grün verfärbt!“, ruft Julia.

„Natürlich“, sagt die Nixenoma. „Wie die Wasserfarbe. Was dachtet ihr denn? Ich passe mich stets meiner Umgebung an. Normalerweise bin ich deshalb so gut wie unsichtbar.“

„Aber wie machen Sie das?“

„Betriebsgeheimnis“, wehrt die alte Nixe ab. „Denkt an ein Chamäleon, dann kommt ihr der Lösung schon recht nahe. Aber genug der Höflichkeiten. Wer seid ihr überhaupt? Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr nach mir gesucht habt?“

Xao Ling übernimmt es, sich und die anderen vorzustellen. „Mein kleiner Drachenbruder braucht Hilfe“, fügt er abschließend hinzu. „Er hat sich umgefärbt, so wie Sie, aber nicht freiwillig. Eigentlich muss er grün aussehen. Können Sie ihm helfen, seine Originalfarbe wiederzubekommen?“

„Das könnte ich“, sagt die Nixe schnippisch. „Aber was bekomme ich dafür?“

Julia erschrickt. Sie wirft Piet einen bangen Blick zu. Will die Nixe jemand in ihr Wasserreich entführen?

„An was dachten Sie denn?“, fragt Xao Ling geduldig.

„Geld und andere Güter brauche ich nicht“, sagt die Nixenoma. „Ich bin reich. Nach menschlicher Meinung wäre ich vermutlich Millionär. Ich wohne in einem schicken Bernsteinpalast, den ich mir mit Hilfe meiner Schwestern auf dem Grund der Müritz erbaut habe. In meiner Schatzkammer liegt nur ein einziger Bernstein, aber der ist so groß und so kostbar, dass man ihn mit Menschengeld gar nicht bezahlen könnte. Ich bewache ihn, und wenn ein Kapitän einer gewissen Stelle auf dem See zu nahe kommt, dann halte ich sein Boot fest. Wenn der Mann uneinsichtig ist, ertränke ich ihn. Wenn er Reue zeigt, mach ich ihm Angst und lass ihn nach einer Weile weiterfahren, wenn er genug gezittert hat.“

Piet und Julia sind blass geworden. Sie werfen Xao Ling nervöse Blicke zu.

Die Nixe hat das natürlich gemerkt. Ihre Hände auf dem Bootsrand haben inzwischen exakt das Russisch Grün der Lackierung angenommen. Sie überlegt ein Weilchen. Dann zwinkert sie dem kleinen Drachen zu. Sie streckt die rechte Hand nach ihm aus und streichelt seinen Rücken. Fasziniert beobachten die Freunde, wie sich die Nixenhand im Handumdrehen gelb verfärbt.

„Aber etwas Gesellschaft wäre nett. Ich mach euch einen Vorschlag. Ich färbe euren Drachen wieder grün, und dann überlasst ihr ihn mir, damit ich nicht mehr so einsam bin.“

„Aber er ist kein Wasserdrache!“, ruft Piet.

„Unter Wasser kann er nicht atmen!“, ruft Julia.

„Wir können ihn nicht hergeben. Er ist noch minderjährig. Seine Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Ich muss ihn wieder zu seinen Eltern nach China bringen“, sagt Xao Ling.

„Papperlapapp“, brummt die Nixenoma. „Was soll er denn in China? Ihr habt ja keine Ahnung, wie schön die Müritz ist. Kleiner Drache, was sagst du denn dazu? Es ist ein einmaliges Angebot. Welcher Drache würde sich nicht wünschen, ein Bernsteinwächter zu werden?“

„Ich kann trotzdem nicht“, sagt der Drache unsicher. „Ich habe doch schon der Weißen Frau versprochen, ihr sieben Geschichten zu bringen. Und Versprechen muss ein Drache halten. Ich weiß auch nicht, ob …“

„Oh, da kann ich dir bestimmt behilflich sein“, unterbricht ihn die Nixe spöttisch. Sie greift sich blitzschnell den Drachen, gibt ihm einen Kuss, und dann verschwindet sie mit ihm in den Fluten der Müritz.

„Neiin!“, schreit Xao Ling. Er hechtet ins Wasser und taucht hinterher.

Piet, Julia und die Rockertante sind vor Erregung aufgesprungen. Diese heftigen Bewegungen nimmt der Ruderkahn übel. Gefährlich schwankt er hin und her.

„Verdammt!“, schreit Piet. „So lange können wir nicht tauchen, ohne dass uns die Luft knapp wird! Sie schwimmt bestimmt zu ihrem Palast an der tiefsten Stelle der Müritz!“

„Und die ist 31 m tief“, schluchzt Julia.

Die Rockertante nimmt die Kinder tröstend in die Arme.

„Wir bleiben hier und beten“, sagt sie.

Sie setzen sich wieder. Eine halbe Stunde lang geschieht gar nichts.

Sie warten, immer in der Hoffnung, dass der Drache nicht ertrinkt und dass Xao Ling ihn heil und unversehrt zurückbringt.

Aber kann ein Drache 30 Minuten lang die Luft anhalten?

Kann das ein chinesisches Gespenst?

Endlich, als schon keiner mehr an einen guten Ausgang glaubt, tauchen zwei Schatten aus der Tiefe der Müritz auf und schwimmen hastig auf das Boot zu.

Es sind Xao Ling und der Drache, und er ist wieder grün!

„Helft uns an Bord, und dann schnell zurück zum Bootsverleih, ehe es sich die Nixe doch noch anders überlegt!“, ruft das Gespenst.

Marianne Thiele

Autorin

Last Updated (Friday, 23 January 2026 08:43)