Wie der Häuptlingssohn die Zauberkröte besiegte

Zu einer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, lebten die Micmac - Indianer am Ufer des Macenzie. Dieser Fluss war zwar nicht besonders tief und breit, aber in seinem klaren Wasser gab es viele Fische. Die Indianer fingen stets nur so viele, wie sie für ihr Dorf unbedingt brauchten. Im Wald fanden sie ausreichend Feuerholz und leckere Preiselbeeren.

Dann kam ein Sommer, in dem der Macenzie immer weniger Wasser führte. Nicht einmal ein starker Regen vermochte ihn wieder aufzufüllen. Nur eine braune, unappetitliche Brühe blieb im Flussbett zurück, und selbst die drohte auszutrocknen. Natürlich gab es nun auch keine Fische mehr. Die Indianer litten Hunger und Durst. Wer hatte bloß das Wasser gestohlen? Schließlich befahl der Häuptling seinem ältesten Sohn Tapferer Bär, dem Lauf des Macenzie bis zur Quelle folgen und erst dann wieder heimzukommen, wenn er die Ursache des Unglücks beseitigt hatte.

Tapferer Bär gehorchte seinem Vater. Er nahm etwas getrockneten Fisch als Wegzehrung mit und schulterte den Speer. Zwei Tage lang wanderte er flussaufwärts, ohne dass seine Füße dabei nass geworden wären. Das Flussbett war staubtrocken. Am dritten Tag endete seine Reise vor einem mächtigen Damm, der keinen Tropfen Wasser durchließ. Er war so breit, dass sich hinter ihm ein See gebildet hatte.

Am Seeufer traf Tapferer Bär einen kleinen Jungen. „Ich habe eine Botschaft vom Stamm der Micmac. Bring mich sofort zu deinem Häuptling!“

Der Knabe gehorchte. Er führte den Fremden um den See herum, bis zur Quelle des Flusses. Und dort, Tapferer Bär traute seinen Augen nicht, saß ein nacktes braunes Biest, so dick wie ein Felsen und mit Schwimmhäuten an den Pfoten. Es suhlte sich behaglich im Matsch. Die Quelle hatte es mit Lehm verstopft.

„Bist du der Häuptling dieses Sees?“ wollte Tapferer Bär wissen.

„Mpff!“, grunzte das Biest und rollte vergnügt mit den Glubschaugen.

„Gib mir Wasser, ich verdurste!“, verlangte Tapferer Bär.

Das Biest kicherte boshaft und reichte ihm einen Becher mit schlammiger Brühe. Und den Damm öffnen wollte es schon gar nicht.

Da forderte der Indianer die Riesenkröte zum Kampf. In der ersten Runde rangen sie miteinander. Das Biest würgte seinen Gegner, bis Tapferer Bär kaum noch Luft bekam. Es gelang ihm, sich aus der gefährlichen Umklammerung zu lösen. Er packte seinen Speer und schleuderte ihn auf das Monster. Stöhnend sank es zu Boden.

Aus dem Bauch der Zauberkröte ergoss sich ein mächtiger Fluss. Er spülte den Lehm aus der Quelle und riss den Damm weg. Nun hatte der Macenzie wieder genug Wasser. Die Kröte jedoch war winzig klein, nachdem sie all ihr Wasser verloren hatte. Sie ist nicht gestorben, sondern lebt seitdem in der Nähe von Seen und Flüssen. Sie sitzt am liebsten im Schlamm und quakt wütend, wenn man sie stört. Und bis heute sieht man auf ihrem Rücken seltsame Rillen – die sind nichts anderes als der Abdruck der Hände, vom Ringkampf mit dem Häuptlingssohn.

Marianne Thiele

Quelle: Eine Legende der Micmac Indianer, Nova Scotia, Ostkanada

Last Updated (Thursday, 28 April 2022 12:52)