Der spukende Grenzgänger von Linstow bei Krakow

Vor ungefähr 500 Jahren lebte in Linstow bei Krakow ein Gutsherr, den kaum jemand leiden konnte. Mit allen Nachbarn hatte er Streit, er verprasste mit bösen Rauf- und Saufkumpanen das Geld seiner Bauern, die er dazu noch grausam quälte.

In seiner Nachbarschaft, in Dobbin, wohnte ein wackerer Edelmann, der brav und gottesfürchtig war. Er behandelte seine Bauern gut und hütete sich davor, mit seinem groben Nachbarn in Berührung zu kommen. Desto mehr war aber dieser bemüht, mit ihm Streit zu suchen, indem er ihm auf unverschämte Weise ein Stückchen Land nach dem anderen stahl.

Der Dobbiner versuchte zuerst mit Güte, und als das nichts half, mit Drohungen, sein Land wiederzubekommen. Aber alles war vergebens. Da bat er seinen Landesherrn, Herzog Albrecht II., um Hilfe. Doch bevor dieser ihm helfen konnte, starb der Dobbiner Edelmann. Er hinterließ eine Witwe und drei unmündige Kinder. Bald starb auch die Mutter. Ihre Kleinen blieben schutzlos zurück. Der Linstower nutzte die Gunst der Stunde und stahl erneut ein großes Stück Land. Er versetzte bei der Gelegenheit auch gleich die Grenzsteine, was eine schlimme Sünde ist. Herzog Albrecht zog nun endlich nach Dobbin, um den Räuber zur Rechenschaft zu ziehen. Als es zur Verhandlung kam, tat der Linstower einen furchtbaren Schwur, dass ihm alles Land seit Urzeiten gehöre, soweit seine Grenzpfähle reichten. Gegen diesen Schwur war der Fürst machtlos. Die Sache war damit erledigt und der Linstower Räuber galt nun als Unschuldsengel.

Er konnte sich jedoch nicht lange an seinem geraubten Besitz erfreuen. Eines Morgens fand man ihn tot an der Dobbiner Scheide liegen. Der Teufel hatte dem schlechten Edelmann den Hals umgedreht, als er spät abends von einem Gelage gekommen war. Aber auch im Grab fand der bußlose Sünder keine Ruhe. Er muss nun als spukender Grenzgänger umgehen, zum Entsetzen und Schrecken der Menschen, bis er dereinst durch Gottes Gnade erlöst wird.

Auch jetzt noch soll der spukende Grenzgänger nachts dem einsamen Wanderer begegnen. Manchmal erscheint er übergroß, mit Grenzpfählen bepackt, längs der Nebel, wobei er stöhnt und andere grausige Töne ausstößt. Manchmal schwänzelt er als schwarzes Hündchen dem Reisenden um die Füße, um sich dann plötzlich in einen dunklen, unheimlichen Körper zu verwandeln, der sich erst gewaltig ausdehnt, dann wieder schrumpft und sich bald vor dem Wanderer, bald an seiner Seite entlang wälzt, bis jener vor Angst bald außer sich ist.

Erst vor wenigen Jahren soll dies einem älteren, ehrbaren Bürger aus Krakow passiert sein, der sich nachts an der Dobbiner Scheide aufhielt. Er rauchte in Ruhe eine Pfeife und stieß zufällig mit dem Fuß an einen schwarzen, vor ihm liegenden Gegenstand. Der Krakower wunderte sich darüber, was das wohl war und bückte sich, um das Ding aufzuheben. Da rollte es zehn Schritte weiter und blieb wieder liegen! Unser Mann kam trotz des Mondscheins nicht dahinter, was das wohl sein könnte. Er folgte daher dem Ding und stieß es mit dem Krückstock an, um es aus dem Weg zu räumen, damit kein ahnungsloser Wanderer darüber stolpern sollte. Da breitete sich das Ding in einer gewaltigen Größe um den Mann herum aus und versperrte ihm nach allen Seiten den Fluchtweg. Der Krakower hatte große Angst, weil er weder vor- noch rückwärts konnte. Er stand da wie festgebannt, die Zunge klebte ihm am Gaumen, Hände und Füße waren wie gelähmt und er konnte nicht einmal um Hilfe rufen. Erst nach über einer Stunde wurde der arme Mann durch ein herannahendes Fuhrwerk aus diesem Zustand erlöst. Je näher nämlich der Fuhrmann kam, desto mehr schrumpfte der schwarze Klumpen, bis er sich endlich bei der Ankunft des Wagens von selbst auflöste und verschwand.

Auch einem Müllergesellen aus Dobbin, der sich im Bornkrug bei Bier und Tanz vergnügt hatte, erschien der Unhold in Gestalt des schwarzen Hündchens, das auf einmal lustig vor ihm hintrabte. Der Geselle, als er das Tierchen lockte, erschrak nicht wenig, als es sich plötzlich umwandte und ihn aus großen, glühenden Augen anstarrte. Dann schrumpfte es zu einem unförmigen Klumpen, der sich schwerfällig vor dem Gesellen herwälzte. Der junge Mann drehte sich sofort um und rannte, so schnell er konnte, zum Bornkrug zurück. Auf keinen Fall wollte er nun allein nach Hause gehen. Wie erschrak er aber, als sich nach wenigen Schritten der widerliche Klumpen erneut vor ihm herwälzte. Welche Richtung er auch einschlagen wollte, das Ding legte sich ihm in den Weg, und so ging es die ganze Nacht. Erst der nächste Morgen erlöste den erschöpften Müllerburschen von seinem schrecklichen Begleiter. Der junge Mann sollte sich jedoch nie wieder

Sage aus Krakow am See und der Umgebung

Neu erzählt von M. Thiele

von seinem schrecklichen Abenteuer erholen. Acht Tage später trug man ihn zu Grabe.

 

 

Last Updated (Thursday, 28 April 2022 12:45)