Geschichten von der Osterwiese.

Anthologie, Softcover

Cover und Illus: Heike Georgie

Inhalt: Lustige Osterhasengeschichten für die Kleinen.

Verlag Pia Bächtold

Verlagsort: Wangen

ISBN 978-3-940951-85-4

Preis: 10.99 €

Leseprobe:

Malwettbewerb im Hühnerstall

„Kikeriki! Kommt alle schnell zum Kaminholzstapel, ich will euch was Schönes zeigen!“, rief Nelson, der Hahn.

Neugierig eilten die Hühner zum Treffpunkt.

„Seht euch mal dieses kleine Ei an. Ist das nicht süß?“

Die Hühner gackerten zustimmend.

„Oh ja“, fiepte ein quittegelbes Küken, „es hat so schöne rotbraune Flecken. Ob das wohl der Osterhase bemalt hat?“

Zufällig hatte der Hase hinter dem Holzstapel seinen Mittagsschlaf gehalten. Jetzt zeigte er sich, grüßte das überraschte Hühnervolk und sprach: „Nein, ich male zu Ostern andere Muster – Schäfchen, Blumen und so weiter.“

„Aber wer war es dann?“, piepte das Kleine.

„Es gehört der Rauchschwalbe“, meinte der Hase.

„Dann hat sie das Ei bestimmt selber bemalt“, krähte der Hahn aufgeregt. „Das können wir doch auch! Wir machen einen Malwettbewerb und das schönste Ei erhält von mir einen Preis!“

„Na dann – viel Spaß! Ihr wisst ja, wo ihr mich im Wald findet – nur für den Fall, dass eure Kleckserei schief geht“, kicherte der Hase.

Doch man hörte ihm nicht mehr zu. Die dicke Bertha versteckte sich zum Malen im Schuppen, die eitle Hertha verkroch sich in die Brennesseln, und so verschwand ein Huhn nach dem anderen in geheimen Verstecken, denn keines wollte Zeit verlieren. Am Abend sahen sämtliche Hühner total erschöpft aus, und Bertha fehlten eindeutig ein paar Schwanzfedern. „Die hat sie bestimmt zum Malen genommen, das probiere ich morgen auch“, tuschelten sich ihre Nachbarinnen zu. Alle versicherten sich gegenseitig, welche unglaublichen Fortschritte sie schon gemacht hätten, von himmelblauen, sonnengelben und knallroten Schalen war die Rede. Der Hahn hörte stolz zu und ermunterte alle, auch an hübsche Muster zu denken.

So vergingen drei spannende Tage und die Muster, über die nachts im Stall getuschelt wurde, wurden immer fantastischer. Hilda habe dreizehn Sonnen gemalt, bedeutete man sich, und Trudchen hätte gar den ganzen Hühnerhof auf ein einziges Ei gepinselt. Mit einer gut angespitzten Schwungfeder, echt wahr!

Da beschloss Nelson, die Künstlerinnen am folgenden Tag in ihren Verstecken zu besuchen, denn nun wären sie ja wohl fast fertig und er könne anfangen, über die Vergabe des ersten Preises nachzudenken. Und überhaupt sei übermorgen Ostern. Nach dieser Ankündigung schlief er auf seiner Stange zufrieden ein, und so fiel ihm nicht mehr auf, dass seine schwatzhaften Hühner plötzlich ziemlich schweigsam wurden.

„Ich hab draußen was vergessen, bin gleich wieder zurück“, flüsterte die dicke Bertha dem Trudchen zu, das neben ihr saß. Sie huschte von der Stange und schlüpfte ins Freie. Wie gut, dass der schusselige Bauer am Abend die Luke nicht ordentlich verschlossen hatte! Tippel, tippel, machte sich Bertha auf und davon, in Richtung Osterhasenbau.

Da sie den Weg jedoch nur vom Hörensagen kannte, verlor sie viel Zeit, und so war die Geisterstunde schon vorbei, als sie endlich ihr Ziel erreichte. Im Hasenbau brannte trotzdem noch Licht – unzählige Glühwürmchen erleuchteten die Osterwerkstatt und machten die Nacht zum Tage. Der Hase bemalte im Akkord ein Ei nach dem anderen. Um ihn herum drängten sich – Bertha wollte ihren Augen nicht trauen – Trudchen, Hilda und all die anderen Hühner, die doch angeblich schon tagelang die tollsten Kunstwerke fabriziert hatten!

„Gak gak. Was wollt ihr denn hier?“, staunte sie.

„Wir vermuten mal, das gleiche wie du“, kicherten ihre Freundinnen. „Hoffentlich hast du daran gedacht, ein frisches Ei mitzubringen!“

Das hatte Bertha natürlich, und eine Stunde später tippelten die gefiederten Damen in größter Eintracht zurück, legten die kunstvoll bemalten Eier in ihre Nester und schliefen zufrieden ein.

So war das Osterfest gerettet, Trudchens Ei gewann einen fetten Regenwurm und Nelson konnte die schönen Muster gar nicht genug loben. „Kikeriki! Was seid ihr doch für geschickte Hühner“, rief er. „Ich bin ja so stolz auf euch. Wer von euch möchte denn im nächsten Jahr wieder bei meinem Ostermalwettbewerb mitmachen? Daraus könnte doch eine schöne Tradition werden!“

Er hat bis heute nicht verstanden, warum plötzlich alle Hühner so sehr lachen mussten, dass es sogar der Osterhase in seiner Werkstatt hören konnte!

Marianne Thiele

 

 

Last Updated (Thursday, 26 April 2018 16:33)