Wie Mümmel ein Osterkaninchen werden wollte

(2011: Wie Mümmel ein Osterkaninchen werden wollte. In: Nordkurier, Nr. 84 vom 09./10. 03. 2011, Kurierschnecke)

Mümmel war ein schönes Zwergkaninchen. Sein Fell war schokoladenbraun und sein Lätzchen glänzte wie ein frisch gepelltes Ei. Er wohnte bei Anna auf dem Hof. Wenn sie mittags aus der Schule kam, dann spielte sie mit Mümmel im Gras.

Aber er war trotzdem nicht zufrieden.

„Seit dem letzten Osterfest wohne ich nun schon hier“, murrte er. „Anna hat mir gesagt, dass ich ihr süßes, allerliebstes Osterkaninchen bin. Ja, und? Pustekuchen! Nun ist es bald wieder Ostern, und ich habe noch keine einzige Osteraufgabe bekommen. Ich sitze nur dumm in meinem Stroh herum!“

Kurz entschlossen schlüpfte er unter dem Zaun seines Geheges hindurch. „Hier kommt Mümmel, euer Osterkaninchen, und das zeigt euch jetzt, wie man Ostereier legt!“, rief er den Hofhühnern zu. Er hoppelte in den Stall, hockte sich in ein Nest und begann eifrig zu drücken – allein, es kam kein Ei, und darüber schlief er ein. Kichernd schoben ihm die Hühner eins unter den Bauch. Dann kitzelten sie Mümmel mit einer Feder wach.

„Hatschi!“, nieste er, und dann merkte er, was in seinem Nest lag. „Hurra! Jetzt habe ich ein echtes Osterei! Nun muss ich es bemalen. Bloß wie?“ Er befragte den Hahn, die Hühner und den Hund, aber niemand konnte ihm einen guten Rat geben.

Sie wissen es nicht, dachte Mümmel. Sie haben noch nie einen malenden Osterhasen gesehen. Und ich auch nicht. Also muss ich den Hof verlassen. Ich wette, Eier bemalt man nur im Wald. Bestimmt werde ich dort alles finden, was man dazu braucht.

Er nahm sein Ei ins Mäulchen, huschte durch die Hecke und verschwand im Wald.

Puh, war der aufregend! So hohe Bäume hatte Mümmel noch nie gesehen. Sie machten ihm Angst. Die Brombeerranken rissen an seinem weichen Fell, und über harte Kiefernzapfen lief es sich auch nicht gut. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, Farben für mein erstes Osterei zu finden“, klagte er.

„Aber du bist doch schon am Ziel“, antwortete ihm eine Stimme. „Ich bin der Farbenmeister. Alle Osterhasen bemalen ihre Ostereier in meiner Höhle. Sie liegt gleich neben dir, unter der dicken Kiefernwurzel. Tritt ein und such dir die schönsten Farben aus!“

„Wuff! Gerne, du Betrüger!“, bellte Rex.

Der Hofhund war Mümmel heimlich gefolgt. Zornig fuhr er in die Wurzelhöhle und holte den Farbenmeister heraus – und das war niemand anders als der Fuchs. „Autsch, mein Fell! Tu mir nichts, ich hab doch nur Spaß gemacht!“, jammerte er. Er lief davon, ohne sich umzudrehen. Mümmel schaute lieber nicht nach, ob es in der Fuchshöhle wirklich Farben gab. „Ich warte doch lieber auf den Osterhasen“, sagte er kleinlaut. „Als Osterkaninchen lebt man ja viel zu gefährlich!“

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 19 March 2020 13:32)