Gevatter Fuchs rettet das Osterfest

(2010: Gevatter Fuchs rettet das Osterfest. In: Leipziger Volkszeitung, Nr. ? vom 3./4. April 2010, Hallo Kinder)

„Hallöchen! Kleine Hühnchen wie ihr sollten nicht allein im Wald unterwegs sein“, spottete der Fuchs.

„Wir müssen aber unbedingt zum Osterhasen“, verteidigte sich das erste Hühnchen. „Er hat nämlich gesagt, dass er von uns Eier haben will, aber er hat sie nicht abgeholt“, fuhr das zweite fort. „Und deshalb bringen wir sie ihm selber in die Werkstatt“, meinte das dritte und wies auf einen randvoll gefüllten Korb. „Du kannst ja mitkommen, wenn du willst.“

„Gerne“, grinste der Rotpelz, und so erreichten sie zu viert die Osterhasenwerkstatt. Zu ihrer Überraschung hing an der Tür ein Schild und darauf war zu lesen: Streik!

„Aber das geht doch nicht“, riefen die Hühner erschrocken.

„Und wie das geht!“, widersprach der Osterhase erbost. „Wozu brauchen mich die Kinder denn überhaupt noch? Die Supermarktregale reichen ihnen doch völlig aus! Da liegt alles drin, was sie wollen - Marzipaneier, Osterhasen, Schokohühnchen und Ostergebäck. Nein, mir macht mein Job einfach keinen Spaß mehr. Nehmt eure Eier ruhig wieder mit. Ich streike!“ Er setzte sich bockig in den Gartenstuhl, nahm sich einen Comic zur Hand und fing an zu lesen.

Die Hühner machten betretene Gesichter, doch da ergriff der Fuchs das Wort. „Streiken ist eine gute Idee, Langohr. Da hast du frei und kannst dich mal so richtig ausruhen. Dumm ist nur, dass dir das so kurz vor Ostern einfällt.“ Er tat so, als müsste er angestrengt nachdenken, und als er damit fertig war, klatschte er vor Freude in die Pfoten. „Übrigens ist mir gerade eingefallen, dass du jetzt natürlich einen Stellvertreter brauchst. Ich übernehme den Job gerne. Am besten fange ich damit an, dass ...“

„Kommt überhaupt nicht in Frage“, knurrte der Hase, ohne von seinem Comic aufzublicken. „Du würdest ja nicht nur die Eier, sondern auch gleich die Hühner aus dem Stall holen. Du bist abgelehnt!“

Der Rotpelz zog eine beleidigte Schnute. „Warum werde ich nur immer so verkannt?“, nörgelte er. „Na gut, dann eben nicht. Jedes Tier ist natürlich besser geeignet als ich. Zum Beispiel der Kuckuck.“

„Dieser durchtriebene Strolch?“, riefen die Hühner verblüfft. „Der denkt doch nur an seine eigenen Eier!“

So ging es weiter, nacheinander fielen der Storch, der Kranich, das Lämmchen und der Wolf als Ersatzosterhasen durch, und zwar als zu unpünktlich, zu nachlässig oder zu gruselig. Als der Fuchs die Schnecke als geeigneten Kandidaten erwog, schlug der Osterhase seinen Comic entnervt zu. Er nahm einen Stift und fügte dem Wort Streik das Wort Ende hinzu.

„Oh, wie schön! Hast du etwa wirklich fertig gestreikt?“, erkundigten sich die Hühner erfreut.

Der Hase nickte, nahm ihnen ihr Eierkörbchen ab, murmelte etwas, das wie „Ausgezeichnete Qualität, die gibt’s in keinem Supermarkt“ klang, in seinen Bart, und verschwand in seiner Werkstatt.

„Jetzt hat das Langohr wohl begriffen, dass die Kinder ihn doch noch brauchen“, grinste der Fuchs. „So, und nun bring ich euch nach Hause. Aber geht bitte nicht mehr allein in den Wald, auch nicht zu Ostern. Verstanden?“

„Ja, Gevatter“, gackerten die Hühner. „Und danke, dass du das Osterfest gerettet hast!“

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 19 March 2020 13:33)