Osterfest im Fuchsbau

„Morgen ist Ostersonntag, Schatzi“, sagte die Füchsin zum Fuchs. „Ich weiß aber noch gar nicht, was ich kochen soll. Es müsste etwas Besonderes sein, findest du nicht? Immerhin ist es das erste Osterfest für unsere drei Fuchskinder. Wie wäre es mit - Taube? Oder doch lieber Huhn? Du müsstest dann freilich noch mal los, Schatzi, unsere Speisekammer ist nämlich leer.“ Geschäftig wirtschaftete sie mit ihren Töpfen und Pfannen in der Kochecke, klapperte verheißungsvoll mit Kochlöffeln, putzte, polierte und räumte auf. Der Fuchs guckte lächelnd hinter seinem Comic hervor. „Mach dir keine Sorgen, Liebes“, sagte er stolz. „Ich habe mich bereits um alles gekümmert. Heute früh, als ich noch mal draußen war.“

„Aber da hast du doch bloß einen Beutel mit Malfarben mitgebracht, von einem Kind auf dem Hortspielplatz?“, wunderte sich die Füchsin.

Der Fuchs grinste vielsagend und verkroch sich hinter dem Comic.

In dem Moment klopfte jemand an der TĂĽr: Poch, poch!

„Oh, Besuch!“, rief die Füchsin erfreut. Vergnügt öffnete sie dem Gast, doch als sie sah, wer da vorm Fuchsbau stand, bekam sie vor Verblüffung kein weiteres Wort heraus.

„Guten Tag“, sagte der braunhaarige Besucher. Höflich neigte er seine langen Ohren vor der Hausfrau. „Ich bin der Osterhase, meine Liebe. Stimmt es, dass ich hier Malfarben bekommen kann? Ich habe die Zettel an den Bäumen gelesen, und sie weisen alle zu eurem Bau!“

„Aber ja, aber natürlich!“, rief der Fuchs von drinnen, „ich habe ein kostenloses Sonderangebot für dich, weil doch morgen Ostern ist. Komm nur herein, ich zeig dir meinen Malkasten!“

Der Hase bedankte sich, schlüpfte in den Bau, stellte seine schwere Kiepe neben dem Küchentisch ab und schüttelte den Füchsen zur Begrüßung die Pfoten. „Ich habe mich in diesem Jahr etwas mit den Farbmengen verschätzt“, sagte er. „Das ist natürlich ärgerlich. Die letzten Eier müssen noch bemalt werden, bevor die Nacht kommt – nanu, wer ist das denn?“

Aus der Fuchskinderstube, die durch einen kleinen Vorhang von der Wohnhöhle abgeteilt war, schauten drei muntere Welpen hervor. Zwei sahen so rot aus, wie es die Füchse nun mal sind, der dritte jedoch hatte grüne, lila und blaue Kleckse im Gesicht.

„Oh, da muss ich wohl helfen“, sprach der Osterhase. „Ihr erlaubt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schlüpfte er zu den Füchslein in die Kinderstube, setzte die Rasselbande vor seine Kiepe und fing an, ihnen die Kunst des Malens beizubringen. „Also, für eine Sonne braucht ihr gelbe Farbe – seht ihr? So, und nun …“

VerblĂĽfft verfolgten Fuchs und FĂĽchsin das Geschehen.

„Schatzi, soll das etwa unser Mittagessen sein?“, wisperte die Füchsin.

„Äh, ja. Irgendwie schon. Ich wollte euch mit einem Osterhasen zu Ostern überraschen!“, stotterte der Fuchs.

„Das hast du clever angefangen“, lobte die Füchsin, „aber wie kriegen wir den Hasen in die Pfanne? Unsere Kleinen glauben doch immer noch, dass wir unser Essen totstreicheln! Und ich will auch nicht, dass sie zu Ostern was anderes denken!“

Bevor sie zu einer Entscheidung kommen konnten, stürmten die Füchslein wieder herbei und wiesen Mama und Papa stolz die drei Ostereier vor, die sie schon ganz allein bemalt hatten – mit Sonnen, Käfern und Blumen. Der Osterhase verzierte eben sein letztes Ei und bemerkte: „So begabte Kinder habe ich bisher selten getroffen. Nein, wirklich! Keine falsche Bescheidenheit, meine Lieben! Dieses Farbverständnis, die schönen Muster! Ihr müsst sehr stolz auf eure Kleinen sein.“

Da erröte die Füchsin unter ihrem Pelz noch ein bisschen mehr und der Fuchs erlitt einen Hustenanfall.

„Bleibst du noch bei uns, Onkel Hase?“, bettelten die Kleinen, als ihr neuer Freund wenig später seine Kiepe aus der Kinderhöhle heraustrug. Der Fuchs knetete nervös seine Pfoten und die Füchsin schickte ihm warnende Blicke zu.

„Na gut, euch zuliebe“, entschied der Hase gutmütig. „Es ist egal, wo ich warte. Die Eier werde ich erst in der Nacht verstecken. Kommt, ihr kleinen Racker, ich erzähle euch als nächstes die Geschichte von der magischen Osterkiepe!“

Die Füchslein nahmen sich kaum genug Zeit, um ihre Milch zu trinken, dann hockten sie zusammen mit dem langohrigen Besucher schon wieder auf ihren Schlafplätzen, klammerten sich an seinem Fell fest und lauschten gebannt seiner Erzählung.

Fuchs und Füchsin verschlossen hastig die Fuchsbautür, damit ihnen ihr Mittagessen nicht entwischte. Doch der Hase versuchte das gar nicht. Er spielte mit den Füchslein, wechselte hin und wieder höfliche Worte mit den Eltern, und irgendwann drang aus der Kinderstube nur noch ein vierstimmiges Schnarchen.

„Wir bleiben heute Nacht am Tisch sitzen. Wenn er rauskommt, merken wir das“, flüsterte der Fuchs mit heiserer Stimme. „Und dann …“

Doch als die Sonne am Ostermorgen aufging, da war der Osterhase fort, die Kinder weinten deswegen, Essen war auch keins vorbereitet … Fuchs und Füchsin versuchten zu retten, was am Familienfrieden noch zu retten war.

Gegen Mittag klopfte es erneut am Bau und als man entnervt öffnete, war da schon wieder der Osterhase. Glücklich hängten sich die kleinen Füchse an seine Arme und Beine, und als sie in seine Kiepe schauten, entdeckten sie noch ein einziges Ei, das hatte der Hase behalten.

„Das ist das magische Ei“, sagte das älteste Fuchskind ehrfurchtsvoll.

„Wir müssen es im Korb lassen“, sprach das zweitälteste.

„Und uns etwas wünschen“, erklärte das dritte.

Gemeinsam schlossen sie den Deckel der Hasenkiepe und zogen alle Riemen fest zu.

„Richtig“, lobte sie der Osterhase. „Ich sehe, dass ihr mir gestern gut zugehört habt. Und nun – Deckel wieder auf!“

So geschah es, und – oh Wunder – der ganze Korb war jetzt randvoll mit herrlich frischen Eiern gefüllt. „Ich kenne ein ganz hervorragendes Rezept für Eiersalat“, sprach der Hase. „Wenn es euch recht ist, liebe Füchse, bereiten wir ihn gemeinsam zu. Er wird uns zum Mittag ausgezeichnet schmecken!“

Und ob das den FĂĽchsen recht war! Nun wurde gekocht und geschnippelt, gerĂĽhrt, gewĂĽrzt und abgeschmeckt, und immer, wenn eine Zutat fehlte, half ihnen der magische Osterkorb. Dann setzten sich alle zusammen an den Ostermittagstisch, sie speisten Eiersalat und tranken Quellwasser, und wenn sie noch nicht fertig sind, dann schmeckt es ihnen wohl immer noch!

Marianne Thiele


(2017: Osterfest im Fuchsbau. Kurzgeschichte. In: Mecklenburger Blitz am Sonntag Nr. 15/27. Jahrgang / 09. April 2017, S. 08,

und im Sternberger Express Seite 6, am 28.03.2018)

 

 

Last Updated (Thursday, 19 March 2020 13:34)