Der Frosch und der Storch

„Was ist das doch für ein herrliches Wetter“, sagte der kleine Frosch. „Es ist schön warm und feucht, da hüpfen einem die Insekten ja fast von selbst auf den Teller!“ Er ließ seine klebrige Zunge vorschnellen – zack – und schon hatte er eine Mücke gefangen, die schwuppdiwupp in seinem Mäulchen verschwand.

„Stimmt genau, es ist ein ganz fantastisches Wetter“, kicherte jemand hinter ihm.

Dem armen Hüpferle blieb fast das Herz stehen, als er den Storch erkannte. Geistesgegenwärtig rettete er sich mit einem schnellen Sprung nach rechts, als der Schnabel auf ihn niederfuhr. „Pech gehabt, Langbein!“, rief er schadenfroh. Aber bevor er endgültig entwischen konnte, fühlte er sich im letzten Moment am Beinchen gepackt und hochgehoben.

„Autsch, du Grobian, das tut doch weh!“

Der Storch war freilich klug genug, ihm nicht zu antworten, denn dann hätte er seinen Schnabel öffnen müssen, und damit wäre seine Beute ja wieder frei gewesen.

Nun kam die Frau Störchin herbei, die gesehen hatte, dass es heute Frosch als Hauptgericht gab. Sie hätte ihn gerne selbst verspeist, ohne sich für die Jagd anstrengen zu müssen. „So ein mageres Hüpferchen, es lohnt sich ja kaum, sich dafür zu bücken“, sagte sie listig. „Du tust mir leid, mein Schatz. Für so einen starken Storchenmann wie dich ist das nicht das richtige Mittagessen. Du könntest mir den Frosch aber schenken, ich bin gerade sehr in Eile und würde ihn deshalb nicht ablehnen!“

Dem armen Storch brach der Schweiß aus, er hatte den Frosch gefangen, und nun sollte er ihn nicht einmal in Ruhe essen dürfen? Da er jedoch nichts sagen konnte, ohne seine Beute zu verlieren, ergriff der Frosch das Wort.

„Das finde ich jetzt aber unfair“, quakte er. „Eben noch hast du mir versprochen, dass du mich zu deiner Freundin auf Bauer Meiers Schuppendach bringst!“

Das war natürlich von vorn bis hinten gelogen, doch es erzielte die gewünschte Wirkung.

„Waas?“, schrie die Störchin. „Du betrügst mich? Na warte!“

Und sie fing an, den armen Storchenmann ganz fürchterlich zu verhauen. Der verteidigte sich mit Worten und mit Knüffen. In seiner Not achtete er gar nicht mehr darauf, dass seinem Mittagessen die Flucht gelang.

„Glück gehabt“, quakte der kleine Frosch in sicherer Entfernung. „Wenn sich zwei streiten, freut sich meistens der dritte – und das bin diesmal ich!“

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 19 March 2020 13:34)