Im Reich der bösen Schneekönigin

Florian lag auf seinem Bett und blätterte in der Sportschau. Am besten gefielen ihm die coolen Bilder von den Fußballern. Das Foto von Timo, dem erfolgreichen Leipziger Stürmer, betrachtete er etwas länger. Er strich sich gedankenverloren über seine blonden Haare, die er genauso kurz trug wie sein Idol. Und wieso auch nicht? Florian war schließlich selber ein guter Kicker. Immerhin hatte er mit seinem Verein in der Kreisliga schon zwei Pokale gewonnen.

Seine kleine Schwester las im Wohnzimmer Märchen. Wenigstens war sie still. Kleine Schwestern sind echte Nervensägen, dachte Florian. Dauernd will Rike, dass ich ihr was vorlese, weil ich fünf Jahre älter bin als sie. Na und? Kann sie das nicht alleine? Immerhin geht unsere Prinzessin schon in die 3. Klasse, und im Lesen hat sie eine dicke Eins.

An der Wohnungstür klingelte es. Florian hörte, wie Rike öffnete und dem Postboten ein Paket abnahm. Kaum war der Mann wieder weg, stieß sie einen Freudenschrei aus. „Jippiiih! Brüderchen, komm schnell auf den Hof! Mein Schlitten ist da!“

Florian tippte sich kurz an die Stirn, bevor er hinausging. Echt jetzt, für einen Schlitten musste er seine Sportschau weglegen? Gut, es war Januar und somit Winter. Aber das Wetter spielte schon seit Wochen verrückt. Heute hatte das Gartenthermometer sogar zehn Grad angezeigt. Die Krokusse drängten sich aus der Erde und die Haselnuss begann zu blühen, weil der Winter einfach nicht kommen wollte. Und das liebe Schwesterchen besorgte sich einen Schlitten! Typisch!

Rike hatte ihren Schlitten inzwischen mitten auf den Hof gestellt. Sie beäugte ihn kritisch von allen Seiten – das dunkle Holz, die stählernen Kufen, die vorn in zwei geschwungenen Hörnern ausliefen, die breite Sitzfläche mit dem Lederüberzug.

„Sieht teuer aus. Woher hast du ihn?“, wollte Florian wissen.

„Im Internet ersteigert“, verriet Rike stolz. „Für nur 10 Euro war er meiner. Mutti weiß es noch nicht, aber die wird schon nicht schimpfen. Es ist nämlich der Schlitten der Schneekönigin.“

Florian verstand nur Bahnhof.

„Stell dich nicht dümmer an, als du bist“, fauchte Rike ärgerlich. „Das ist natürlich der Schlitten, mit dem Kai ins Reich der Schneekönigin gefahren ist!“

„Oh Krise!“, stöhnte Florian. „Das ist doch bloß ein Märchen! Dein Schlitten ist doch nie im Leben echt!“

„Na und?“, schoss Rike zurück. „Dafür ist er billig.“ Sie setzte sich auf das bequeme Lederpolster und bat Florian, vor ihr Platz zu nehmen. Er tat ihr seufzend den Gefallen. „Hoffentlich sehen mich meine Kumpel jetzt nicht“, murrte er. Unlustig griff er nach den Zügeln.

Das hatte unerwartete Folgen. Vor dem Schlitten bäumte sich plötzlich ein schneeweißes Rentier auf. Es trug ein silbernes Geweih, an seinem Geschirr klingelten munter silberne Glöckchen, und als es mit den Hufen stampfte, quoll Schnee aus der Erde. Ehe Florian es verhindern konnte, schrie Rike: „Jippiiih!“, und der Schlitten machte sich auf den Weg. Zuerst war die Sache ja ganz lustig, als sie bloß die Dorfstraße entlangfuhren, aber dann merkten die Geschwister, dass sie weder anhalten noch umkehren konnten. Und der Schlitten wurde immer schneller! Er raste direkt nach Norden. Sie ließen Städte und Dörfer hinter sich, sie preschten durch einen Schneesturm hindurch, und als bunte Nordlichter den Nachthimmel verzauberten, fuhren sie immer noch. „Ich habe Hunger“, klagte Rike. „Mir ist kalt und mein Hintern tut mir weh!“ Aber der Schlitten kannte kein Erbarmen. Er hielt erst an, als sie am nächsten Morgen einen Palast aus Eis und Schnee erreicht hatten.

Den Geschwistern fehlten bei seinem Anblick für eine Weile die Worte. Stumm starrten sie auf das Wunder, unfähig, sich zu bewegen, ja sogar unfähig, irgendetwas zu denken; und sie meinten, das, was sie da zu sehen glaubten, müsste eigentlich gleich wieder vergehen, wie eine trügerische Fata Morgana.

Der Eispalast war in der Tat riesig, womöglich noch größer als der Kölner Dom. Blendend weiß stand er da, mitten im Nirgendwo der Arktis. Der eisige Polarwind umheulte die Zinnen wie ein Rudel hungriger Wölfe, und die hoch aufstrebenden Palastwände glitzerten wie Diamanten, denn sie waren mit messerscharfen Eissplittern bestückt.

„Willkommen am Nordpol!“, schnarrte das Rentier stolz. Es ließ seine Fahrgäste endlich aussteigen und befreite sich selbst sehr geschickt von den Zügeln. Den Geschwistern war es schnurzegal, was das Rentier tat. Sie hatten ganz andere Sorgen.

Florian zitterte vor Kälte so sehr, dass er kaum noch sprechen konnte. Seine Zähne klapperten hörbar aufeinander, sobald er Rike etwas mitteilen wollte. Seine blauen Lieblingsjeans, die dünnen Sneakers und sein leichtes braunes Sweatshirt mochten vielleicht für Nordafrika die geeigneten Klamotten sein, aber definitiv nicht für den Nordpol. Obwohl Florian die Kapuze tief über beide Ohren gezogen hatte, fror er wie noch nie in seinem Leben.

Rike bibberte nicht weniger, trotz ihrer pinken Winterjacke und ihrer Stiefeletten. Ihre Beine waren vom langen Sitzen so steif geworden, dass sie nach dem ersten Schritt stolperte und – pardauz - in den kniehohen Schnee fiel. Puh, war das nass und kalt!

Vor dem Palasttor lagen zwei Bärenfellmäntel. Rike und Florian wickelten sich zitternd hinein. Im Moment sehnten sie sich nur nach ganz viel Wärme. Über alles andere würden sie später nachdenken. Ob es im Palast wärmer war? Ob sie wohl hineingehen durften?

Das Rentier erriet die Gedanken seiner unfreiwilligen Fahrgäste. Es stieß das Palasttor mit seinem Geweih auf und führte sie in einen Eissaal, der die beeindruckenden Ausmaße einer Kathedrale hatte. „Seht euch ruhig ein wenig um“, schnarrte es. „Ich werde einen Moment warten!“

Die Geschwister hielten sich an den Händen, während sie sich folgsam umschauten. Sitzbänke oder sonstige Möbel gab es freilich keine, das Gebäude schien insgesamt leer zu sein; aber es zog sich dermaßen in die Länge, dass man das Ende des Raums nur erahnen konnten, zumal es sich hinter einem Vorhang aus Schneegestöber verbarg.

Als Florian und Rike die Köpfe hoben, entdeckten sie feine Schneewolken, die hoch über ihnen dahinschwebten, sich anmutig drehten, in einem leichten Wind tanzten und sich zuletzt unter der Palastdecke zusammenkuschelten, als wären sie nichts weiter als eine Herde Schafe, die soeben zurück in ihren Stall gefunden hatte. Doch es war ein kalter Stall, um nichts wärmer als die frostige Außenwelt. Die Palastfenster, die schlanken, kilometerlang zur Decke aufstrebenden Säulen, die glitzernden Wände, das Tor und die Decke – alles, wirklich alles, bestand aus gefrorenem Wasser.

„Das reicht jetzt. Folgt mir zum Thron!“, schnarrte das Rentier und schritt voran, tiefer hinein in die Kathedrale aus Eis und Schnee.

Den Geschwistern blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Während sie ihrem ungewöhnlichen Führer hinterherliefen, merkten sie, wie sich immer mehr Pulverschnee auf dem Fußboden ansammelte. Nach einer Weile entdeckten sie auch hübsche Eisskulpturen, die hier und da anscheinend planlos herumstanden, als ob der Künstler sie zwar sorgsam angefertigt, sie aber nach Abschluss der Arbeiten an Ort und Stelle vergessen hätte.

„Sie sehen aus wie Kinder“, flüsterte Rike. „Du, Flori, ich hab so doll Angst …“ Ihr Bruder nickte nur stumm und fasst ihre kleine Hand etwas fester.

Der Vorhang aus Schneegestöber hob sich, als sie ihm näherkamen, und dahinter stand tatsächlich ein Thron, so wie es das Rentier angekündigt hatte. Drei Stufen führten zum Thronsessel hinauf und darauf saß die Schneekönigin, in einem weißen Gewand, mit einer goldenen Krone und einem zierlichen Zepter aus Bergkristall. Das Rentier stellte sich hinter den Thron, genau wie ein Lakai.

Die Königin sah ihre Gäste erwartungsvoll an. „Unterhaltet mich“, befahl sie. „Sofort! Mir ist langweilig, obwohl ich schon alles Eis aus der ganzen Welt hierher geholt gehabe!“

„Dann haben Sie uns also den Winter gestohlen?“, rief Rike empört. „Sie sind schuld daran, dass bei uns die Krokusse blühen, obwohl Januar ist?“

Die Schneekönigin winkte ungeduldig ab. Sie wandte sich Florian zu. „Unwichtig. Du bist älter als dieses Mädchen ...“

„Sie ist meine Schwester“, verbesserte Florian.

„... und deshalb sollst du beginnen“, fuhr die Herrscherin ungerührt fort. „Erzähle mir eine Geschichte, die mich erfreut. Wenn dir das gelingt, schenke ich euch die Freiheit. Wenn nicht, behalte ich euch so lange hier, wie es mir gefällt.“

Florian erschrak. Er versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, welches Märchen er Rike zuletzt vorgelesen hatte, aber ihm fiel so schnell nichts ein. Da winkte die Königin ärgerlich mit ihrem winzigen Zepter und Florian spürte, wie er zu Eis erstarrte. Im Handumdrehen sah er genauso aus wie die anderen Skulpturen hier im Saal.

„Flori!“, schrie Rike. „Bleib bei mir! Lass mich nicht allein!“

„Was für ein Unsinn. Du bist doch gar nicht allein, du Dummerchen“, behauptete die Königin. Gelangweilt beobachtete sie, wie Rike ihren verzauberten Bruder weinend umarmte und wie sie ihm ihren warmen Bärenfellmantel umhängte. „Im Gegenteil. Ihr zwei werdet mir von nun an Gesellschaft leisten, hier, in meinem eisigen Palast.“

Sie hob erneut ihr Zepter. Das Rentier grunzte beifällig.

„Wa … warten Sie bitte“, hauchte Rike. Sie ließ Florian schweren Herzens los und wandte sich entschlossen der Schneekönigin zu. Tapfer sah sie der grausamen Herrscherin in die gletscherblauen Augen. „Ich kenne viele Märchen.“

„Dann erzähle sie mir!“

Rike nahm all ihren Mut zusammen. Sie setzte sich auf die unterste Stufe, direkt zu Füßen der kalten Herrscherin, und erzählte ihr ein Märchen nach dem anderem – von Gletscherdrachen und Schneestürmen, von Schneemännern und Polarsternen, von Eisriesen und von Polarfüchsen. Und als sie gerade vom Schneewittchen erzählte, wie es einsam in seinem Sarg lag, da entdeckte sie, wie sich eine Träne nach der anderen aus den blauen Augen der Schneekönigin stahl.

Als Märchenprofi wusste Rike, was nun zu tun war. Ohne mit dem Erzählen aufzuhören, formte sie mit ihren Händen eine Schale aus Eis und Schnee. Geschickt fing sie darin die Tränen der Königin auf. Mit dieser Flüssigkeit benetzte sie die Eisskulpturen – und eine nach der anderen erwachte wieder zum Leben. Aber erst als sich auch der allerletzte Eisblock wieder in einen kleinen Jungen verwandelt hatte, hörte Rike mit dem Märchenerzählen auf. Erwartungsvoll versammelten sich nun alle Kinder vor dem Thron aus Eis und Schnee. Ganz vorn stand Florian, mit seiner Schwester an der Hand.

„Du hast die Bedingung erfüllt“, sagte die Königin zu Rike. „So gut wie du hat mich schon viele hundert Jahre lang niemand mehr unterhalten. Ich stehe zu meinem Wort – ihr seid alle frei. Mein weißes Rentier hat sich die Geschichten gemerkt und wird sie mir erzählen können, falls ich mich wieder einmal langweile. Jetzt dürft ihr mit euren Schlitten nach Hause zurückkehren. Ich sorge dafür, dass euer Abenteuer nicht mehr als eine Stunde eurer Erdenzeit gedauert hat.“

Nun begann ein großes Gewimmel, Dankesagen und Abschiednehmen. Ein Kind nach dem anderen fuhr mit einem Rentierschlitten davon. Rike und Florian waren als letzte an der Reihe. Nachdem sie zu Hause angekommen waren, durften sie jedoch weder den Schlitten noch die Bärenfelle behalten. „Gehört alles meiner Herrin“, schnarrte das Rentier – und fort war es.

„Nichts lässt sie uns“, brummte Florian. „Die Schneekönigin ist ein elender Geizkragen. Eigentlich hätte sie sogar das Winterwetter wieder herausrücken müssen!“

„Kein Problem“, sagte Rike. Sie öffnete lächelnd ihre Faust, und darin funkelte – das Zepter der eisigen Herrscherin. „Das lag so auf dem Thron herum, und da habe ich es eingesteckt. Hat keiner gemerkt bei dem Gewimmel. So, Flori, wie doll soll denn nun der Winter werden? Probieren wir es doch einfach mal aus!“

Sie sind eben echte Nervensägen, diese kleinen Schwestern ...

Marianne Thiele

 

Last Updated (Sunday, 08 March 2020 10:05)