Frühlingsfest im Tierpark

(2005: Frühlingsfest im Tierpark. In: Schweriner Volkszeitung, Nr. 116/60 vom 21./22. Mai 2005, S. 15)

„Und ich dachte immer, der Wetterbericht gilt auch für den Tierpark“, sagte Professor Jansen. Er stand zusammen mit Tierpfleger Otto vor dem Eisbärengehege. Darin gab es etwas ganz Unglaubliches zu sehen.

Überall im Land wehte ein warmes Lüftchen, die Vögel begrüßten zwitschernd den Frühling und die bunten Krokusse steckten die Blütenköpfe aus der Erde. Nur im Eisbärengehege herrschte tiefster Winter. Pitt, der Eisbär, lag behaglich auf einem großen Haufen frisch gefallenen Schnees und genoss die Kälte. „Seit drei Tagen geht das nun so. Und seit gestern wird es sogar schlimmer. Nebenan wohnt das Pinguinmädchen Kiri. Da wird es auch immer kälter“, klagte Otto. Und tatsächlich! Über den beiden Gehegen ballte sich soeben eine graue Wolke zusammen und aus der fing es an zu schneien. Die Temperaturen fielen prompt in den Keller – aber nur für Kiri und Pitt. Beide konnten wenig später auf ihren Wassergräben mit prächtigen Eisschollen spielen.

„Es ist in der Tat erstaunlich. Aber ich habe so etwas schon einmal erlebt“, sagte Professor Jansen. „Im letzten Jahr war ich doch auf Forschungsreise. Als ich den finnischen Tierpark in Ranua besuchte, wollten die Polarfüchse, Eisbären und Schneehühner auch den Winter behalten, obwohl es längst April war.“ „Interessant“, sagte Otto. „Da fällt mir ein, Kiri kommt doch aus Finnland. Wurde sie nicht in Ranua geboren?“ „Ja, und ich wette, sie hat ein Geheimnis mitgebracht!“ Pitt spitzte die Ohren. Aber Jansen und Otto waren leider weitergegangen, und so konnte der Eisbär nicht mehr hören, was die zwei Menschen von Kiris Geheimnis wussten. „Hab keine Angst. Der Professor kann gar nichts machen, er weiß ja nicht, was“, lachte das Pinguinmädchen. „Und wir werden das ganze Jahr über Eis und Schnee haben und nie wieder schwitzen!“, freute sich Pitt.

Einen Tag später hingen überall im Tierpark große Plakate. „Wir feiern am Sonntag unser Frühlingsfest!“, stand darauf. Alle Tiere freuten sich jetzt auf das Wochenende. Von nichts anderem wurde mehr geredet. Die Ponys und Kamele wollten die Kinder auf sich reiten lassen. Die starken Elefanten wollten ganz unglaubliche Kunststücke zeigen. Die Papageien freuten sich darauf, mit den vielen Besuchern zu sprechen. Die Bergziegen hatten bereits die ersten Zicklein geboren und durften nun ins neue Freigehege umziehen. Und die frechen Affen wollten bei der großen Zootombola mithelfen. Kurz gesagt: Es gab eigentlich niemanden, der keine Pläne hatte.

Nur mit Pitt und Kiri redete keiner. Nicht mal der Sibirische Tiger, der gleich nebenan wohnte. „Was wollt ihr Frostbeulen denn bei unserem Frühlingsfest?“, hatte der Tiger geknurrt. „Bei euch ist doch noch tiefster Winter. Haut ab und baut euch den nächsten Schneemann!“

Das hatte gesessen. „Ich will aber auch zum Frühlingsfest“, klagte Kiri. „Ich möchte bei der Modenschau der Pinguine mitmachen! Vielleicht gewinne ich ja den ersten Preis? Vielleicht werde ich ja zum schönsten Pinguinmädchen gewählt?“

In diesem Augenblick knirschte etwas auf dem Dach ihres Schlafhauses. Eine Hexe, die ganz in Blau und Weiß gekleidet war, sah verärgert aus einer Schneewehe hervor. Sogar ihre Zähne waren blau und an ihrer krummen Nase hing ein glänzender Eiszapfen. „Was soll das, Kiri?“, kreischte sie. „Drei ist die Zahl und zwei hat die Qual. Nur wenn drei den Winter wollen, könnt ihr ein Jahr im Schnee rumtollen!“

Aber Kiri weinte bereits, weil sie unbedingt zum Frühlingsfest wollte, und damit war der Bann gebrochen. Die Winterhexe flog schimpfend zu der dicken Schneewolke hinauf, die schon wieder über dem Zoo lauerte, und reiste mit ihr zurück zum Nordpol. Pitt und Kiri entdeckten am gleichen Abend die ersten Schneeglöckchen auf ihrer Spielwiese. Und wenn ihr wissen wollt, liebe Kinder, ob Kiri den Wettbewerb gewinnt, müsst ihr am Sonntag in den Tierpark gehen, wo Professor Jansen das große Frühlingsfest abhält!

Marianne Thiele

 

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