Fasching mit dem Schulgespenst

Im Hortzimmer der 3. Klasse ging es fröhlich zu. Die Kinder bastelten an ihren Faschingskostümen. Marvin fiel ein, dass er dringend grünes Bastelpapier brauchte. Er wollte es aus seinem Klassenraum holen.

Im Treppenhaus war es sehr still. Außer ihm war dort niemand unterwegs. Tapp, tapp. Jeder Schritt war deutlich zu hören. Der kleine Junge war froh, als er sein Ziel erreicht hatte. Er öffnete die Tür, lief zum Bastelschrank und schloss ihn auf.

„Frechheit! Licht aus!“, quäkte eine weinerliche Stimme. Zwischen Farbtöpfen, Malstiften und Buntpapier versteckte sich eine zwergenhafte Gestalt. Sie sah aus wie ein weißer Kopfkissenbezug mit Beinchen und Ärmchen. Nasse, kohleschwarze Augen funkelten den Störenfried böse an.

„Aber ha… – äh - hallo!“, rief Marvin. Vor Schreck ließ er den Schrankschlüssel fallen. „Du bist ja ein Schulgespenst!“

„Stimmt. Ich heiße übrigens Flutsch“, schniefte das Gespenst. Es krabbelte aus seinem Versteck hervor und wischte sich die tropfenden Augen mit einem Zipfel seines Gespensterumhangs trocken.

„Ich heiße Marvin“, stellte der Junge sich vor. „Wieso weinst du? Hat dich jemand im Schrank eingesperrt? Bestimmt war das der doofe Toni. Dem fällt immer so ein Mist ein. Hab ich recht?“

„Natürlich nicht“, brummte Flutsch. Er nahm würdevoll auf dem roten Farbtopf Platz, als ob es sein Königsthron wäre, und sah den ungebetenen Besucher spöttisch an. „Ich hab mich selber hier versteckt, damit ich euch morgen beim Fasching zusehen kann.“

Marvin verstand nur Bahnhof.

Flutsch wurde ungeduldig. „Stell dich nicht so dumm an“, knurrte er. „Oder kannst du mir verraten, wie ein echtes Gespenst jemals an einem Kinderfasching teilnehmen kann? Es würde auffallen wie ein bunter Hund. Keiner würde es in Ruhe lassen. Ein Schulgespenst will zwar überall mitmachen. Aber es will nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen, wenn du verstehst, was ich meine.“

Ja, das konnte Marvin gut verstehen. Er stand ja selber nicht gern im Mittelpunkt. „Als was würdest du denn zum Fasching gehen, wenn du könntest?“, erkundigte er sich vorsichtig. „Bitte sei mir nicht böse, ich frage nur aus Neugier. Als klapperndes Gerippe? Oder vielleicht als gruseliger Werwolf?“

Flutsch kicherte. „Alles falsch. Auf so dumme Ideen würde kein Gespenst kommen. Wir denken lieber an schöne Dinge. Ich zum Beispiel würde mich furchtbar gern als Marienkäfer verkleiden.“

Marvin schmunzelte. Echt jetzt? Flutsch, das gruselige Schrankgespenst, wäre ein braver Käfer? Das hatte er nicht erwartet! Der Junge erinnerte sich daran, weswegen er eigentlich hergekommen war. Er nahm sich drei Bögen von dem grünen Bastelpapier aus dem Fach. Gleichzeitig malte er sich in Gedanken aus, wie Flutsch in einem Käferkostüm aussehen würde. Und dieser Gedanke gefiel ihm …

„Ich brauche dieses Papier, weil ich in diesem Jahr als Sonnenblume zum Fasching gehe“, erklärte er. „Wir basteln gerade in unserem Hortzimmer.“

„Weiß ich doch“, knurrte Flutsch grämlich. Seine schwarzen Augen wurden schon wieder feucht.

Sonnenblume, Gespenst, Käfer, Fasching … Die Gedanken tanzten in Marvins Kopf inzwischen Ringelreihen. Plötzlich sortierten sie sich von ganz allein und wurden zu einer Idee. Und die war so supercool, dass Marvin sie Flutsch sofort ins Ohr flüstern musste.

Das kleine weiße Gespenst hörte staunend zu. Als Marvin ihm alles gesagt hatte, klatschte Flutsch vor Freude in die Hände, hüpfte von seinem Farbtopfthron herab und schoss wie eine winzige Kanonenkugel aus dem Schrank heraus. Er schlug drei lustige Purzelbäume in der Luft und landete zuletzt elegant auf Marvins linker Schulter.

„Probesitzen“, erklärte er vergnügt. „Für morgen. Deine Idee ist supertoll. Du und ich im Team. Wollen wir das wirklich tun?“

„Na klar!“, rief Marvin. „Das wird doch ein Heidenspaß. Wetten, dass wir den Preis für das beste Faschingskostüm gewinnen?“

Flutsch kicherte, als er sich das vorstellte. Im nächsten Augenblick war er im Schrank verschwunden. „Muss mich vorbereiten! Tür zu!“, quäkte er.

Marvin tat dem Gespenst den Gefallen. Raschel, knister, ratsch! Die Bastelgeräusche wiesen darauf hin, dass Flutsch stark beschäftigt war.

Leise verließ der Junge das Klassenzimmer. Noch nie hatte er sich so sehr auf den Fasching gefreut!

Ja, und wenn ihr wissen wollt, liebe Kinder, was die beiden vorhaben, dann müsst ihr morgen auch zum Fasching gehen. Vorher wird es nicht verraten!

2/2020

Marianne Thiele

 

Last Updated (Monday, 10 February 2020 15:39)