Fasching mit der Winterhexe

(2010: Fasching mit der Winterhexe. In: Nordkurier, Nr. 31 vom 6./7. Februar 2010,

Kurier am Wochenende / Kurierschnecke, S. 07)

„Als was gehst du heute zum Fasching?“, wollte Paul von Pia wissen.

„Sag ich dir nicht, du neugierige Nudel“, kicherte seine Freundin.

„Gut, dann verrate ich dir mein Kostüm auch nicht“, beschloss Paul.

„Na und? Du gehst doch sowieso wieder als Räuber Hotzenplotz“, neckte ihn das Mädchen.

„Gar nicht wahr! Ich gehe als ...“

„Pst, du Plaudertasche, behalte es für dich“, bremste ihn Pia. „Wir machen ein Spiel daraus. Wer den anderen zuerst erkennt, der gewinnt eine Tafel Schokolade. Abgemacht?“

„Oh ja, super!“, freute sich Paul. „Merk dir schon mal, dass ich voll auf Marzipan abfahre!“

Die Freunde trennten sich, um sich zu Hause umzuziehen. Paul schlüpfte in sein Eisbärenkostüm, schnappte sich seinen Schlitten und machte sich auf den Weg zum Schulhort. Er trödelte absichtlich, ließ sich von allen möglichen Indianern, Cowboys und Gespenstern überholen und versuchte jedes Mal, seine Freundin zu erkennen. Es war vergeblich. Mutlos setzte er sich vor dem Hortspielplatz auf seinen Schlitten und verabschiedete sich im Stillen von seiner Marzipanschokolade.

„Hallo, Eisbär, hast du schlechte Laune?“, sprach ihn eine krächzige Stimme an.

Paul drehte sich verblüfft um. Hinter ihm stützte sich eine Winterhexe auf ihren struppigen Besen. Ihre Haare waren weiß und herrlich zerzaust, ihr rotbäckiges Gesicht bestand aus einer Million Runzeln, eine knuffige Pudelmütze wärmte die Ohren und ein dicker Mantel schützte sie vor der Winterkälte.

„Pia, bist du’s?“ hauchte Paul ungläubig. „Schickes Outfit!“

Die Pia – Hexe grinste schelmisch, was sowohl Ja als auch Nein heißen konnte, und schielte dabei begehrlich auf Pauls Schlitten.

„Schickes Teil, wirklich! Kann ich den mal für ein Weilchen ausleihen?

Meiner hat nämlich Kufenbruch. Und du weißt ja, wie das heutzutage mit den Reparaturen ist. Zaubern ist sowieso verboten, die nächste Vertragswerkstat ist am Nordpol und - Ersatzteile? Du liebe Güte!“

Die Pia – Hexe raufte sich die Haare. „Nichts zu machen, mein Bester, weder im Autohaus noch in der Spielzeugabteilung. Ich kann wirklich nicht länger warten. Wenn ich nicht bald weiterfliege, dann baut ihr im April immer noch dicke Schneemänner!“

„Und wieso fliegst du nicht mit deinem Besen?“, erkundigte sich Paul.

„Kannst dich ja mal länger als fünf Minuten auf einen harten Besenstiel setzen, du Naseweis“, knurrte die Pia - Hexe ungnädig. „Dann merkst du an deinem Hintern, warum Winterhexen lieber mit einem Schlitten fliegen!“

„Meinetwegen, du kannst ihn haben“, seufzte der Junge. Pia übertrieb es heute wirklich mit ihrer Rolle! „Aber erst nach dem Wettrodeln!“

Das fand auf dem Horthügel statt, und besser als die beiden rodelte diesmal keiner. „Hihi, wir zwei sind ein tolles Team“, kicherte die Winterhexe, nachdem sie die Siegerurkunde in Empfang genommen hatte. „Und danke für den Schlitten, Eisbär. Ich schick ihn dir zurück, sobald meiner wieder heil ist.“

Sie setzte sich darauf, sauste ein letztes Mal blitzschnell den HĂĽgel hinab, und hui, war sie verschwunden.

Am Abend fand Paul eine Nachricht in seiner Mailbox:

„Konnte leider nicht zum Fasching kommen, Oma ist sehr krank geworden. Hab mich um sie gekümmert. Ich zeig dir morgen mein Piratenkostüm. Deine Pia.“

 

Marianne Thiele

 

 

 

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