Ein Haustier für die Winterhexe

(2008: Ein Haustier für die Winterhexe. In: Güstrow Express, Nr. 06/17. Jahrgang vom 06. Februar 2008, S. 02)

Max und Lisa saßen am Küchenfenster und schauten hinaus in den Garten.

„Ich hätte so gern etwas Schnee“, sagte Max sehnsüchtig.

„Und ich wünsche mir Frost“, seufzte Lisa.

„Das wird schon noch was. Ich glaube, die Winterhexe trödelt bloß ein bisschen“, sagte Opa Fietje. Er war in die Küche gekommen, um sich eine Cola zu holen. „Ihr wisst doch, warum wir im letzten Jahr erst im Februar Schnee hatten?“

Die Kinder schüttelten erstaunt die Köpfe. „Nein. Erzählst du uns das?“

Opa Fietje nickte. „Gern. Hört mir gut zu!“


Das Winterhexlein Arabella wohnt in einer Blockhütte, mitten im Wald. Ihr Gesicht ist so runzlig wie ein alter Apfel, und ihre schwefelgelben Haare hängen ihr keck in die Stirn. Im Winter ist sie für Frost und Schnee zuständig. Weil es aber im letzten Jahr gar nicht kalt werden wollte, rief die Herbsthexe Tusmelda eines Tages bei Arabella an.

„Willst du nicht langsam das Winterwetter machen? Immerhin haben wir schon Februar!“

„Oh, tatsächlich?“, krächzte die Winterhexe verlegen. „Bald, Tussilein, wirklich, also gleich morgen werde ich ...“

Die Herbsthexe wurde ärgerlich. „Nein, sofort! Was treibst du überhaupt, dass du keine Zeit mehr für den Winter hast?“

„Ich hab versucht, mir ein Haustier zu besorgen“, erklärte die Winterhexe, „und dazu habe ich rund um meine Blockhütte Zettel ausgehängt:

Liebes Tier! Egal, ob du Federn, Schuppen oder Fell hast, ich lade dich ein, mein Haustier zu werden. Bitte melde dich schnell! Deine Winterhexe.

Bisher war zwar noch kein Haustier da. Aber vielleicht gerade jetzt, in diesem Moment?“

Die Herbsthexe lachte. „Aber nein! So wird das nichts. Schick lieber eine Mail an die Agentur für Magische Geschöpfe und bestell dir eins!“

„Mailen geht nicht, ich habe keinen Computer“, bedauerte die Winterhexe. „Aber ich werde anrufen!“

Sie wählte die Nummer.

„Hier ist der Fachversand für magische Haustiere, was kann ich für Sie tun?“, sagte eine Stimme.

„Ich möchte ein wachsames Haustier haben“, versetzte die Winterhexe, „am liebsten ein weißes!“

„Bitte sehr, bitte gleich“, bestätigte die Stimme.

Im nächsten Augenblick brach die Tür krachend entzwei und ein Drache steckte den Kopf ins Haus. Seine Schuppen glänzten wie Eiskristalle. „Ich bin Azur“, dröhnte das Ungetüm, „und ich passe jetzt auf dich auf!“ Er legte sich vor die Tür und fing an Wache zu halten – und wie! Das Winterhexlein traute sich nicht mehr hinaus, aus Angst, ihr Wächter würde sie aus Versehen auffressen.

Arabella griff erneut zum Telefon. „Oh, er ist zu wachsam? Und er richtet Schäden an? Tut mir leid“, bedauerte die Stimme. „Ja, natürlich können Sie ihn reklamieren. Etwas netter und geselliger soll Ihr Haustier sein? Kein Problem, bitte sehr!“

Rums, war der grausliche Drache weg, die Tür wieder heil und ein schneeweißer Papagei saß auf der Schulter des Hexleins. „Ich bin der liebe Amadeus und ich leiste dir Gesellschaft!“, krächzte er. Zu diesem Zweck griff er sich das Hexenbuch und las laut die Seite Juni vor. „Neiin! Jetzt wird es draußen doch noch wärmer! Sofort aufhören!“, jammerte Arabella. „Okay, dann nehm ich eben Einkaufssprüche“, quäkte Amadeus. „Fehlt im Kühlschrank allerlei, hexe ich mir Milch herbei, auch drei Eier, Mehl und Zimt, was man gern für Kuchen nimmt ...“ „Haalt! Zurück mit dir zum Magischen Versand!“, schimpfte das Hexlein. Ein erschrockenes Kreischen, und der geschwätzige Vogel war weg.

Erschöpft blieb Arabella vor ihrem Buch sitzen. Da klopfte es. Sie wusste, was das war. Amadeus hatte einen Einkaufsspruch gelesen, also schwebte nun ein gefüllter Einkaufsbeutel vor der Tür und begehrte Einlass.

Naja, ich hol ihn rein, dachte die Hexe. Auch wenn vermutlich alles das drin sein wird, was ich gar nicht brauche!

Sie öffnete die Tür. Der Beutel wartete wirklich, und er versuchte vergeblich, einem schneeweißen, herrenlosen Kätzchen die Milch wegzunehmen.

„Miau“, schnurrte es. „Schmeckt gut!“

Dann rieb es sich behaglich am Winterhexenrock und huschte, ohne lange zu fragen, ins Haus. Der Beutel schwebte hastig hinterher, denn er wollte endlich zum Kühlschrank. Arabella schmunzelte. Nun hatte sie doch noch ein Haustier gefunden: Weiß, nett und gesellig!

 

„Ja, so war das letztes Jahr“, sagte Opa Fietje. „Die Winterhexe und ihr Kätzchen haben sich auf Anhieb gut verstanden, und das ist doch eigentlich schön.“

„Ja, aber warum trödelt sie in diesem Jahr schon wieder so schrecklich?“, wollte Lisa wissen.

„Ich kann mir vorstellen, warum“, grinste Max. „Wahrscheinlich versucht sie diesmal, sich einen Computer zu beschaffen!“

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 06 February 2020 16:20)