Der Drachenschatz

(2011: Drachenschatz. In: Leipziger Volkszeitung vom 06 08. 2011, Hallo Kinder)

Vor der Stadt gab es einen großen Hügel, auf seiner runden Kuppe erhob sich ein Pfahl, und daran stand einsam eine Prinzessin. Sie musste nicht lange warten, bis der einzige Bewohner des Hügels von ihr Witterung bekam: Groll, der geflügelte Drache. Die kleine Prinzessin betrachtete ihn interessiert, als er schuppenraschelnd näherkam. Er war so grün wie Wackelpudding, und über seinen dunklen, gezackten Rückenkamm verlief eine Doppelreihe Stacheln.

„Das war’s dann wohl“, murmelte die Prinzessin.

„Werden sie jetzt öfter mal so eine wie dich hier anbinden?“, erkundigte sich der Drache. Er klang nicht besonders begeistert.

„Nein“, erwiderte die Prinzessin. „Meine kleine Schwester ist nämlich viel artiger als ich.“ Und weil der Drache sofort wissen wollte, warum, gestand ihm die Prinzessin, dass sie lieber den ganzen Tag lang spannende Bücher las, als sich prinzessinnenhaft zu benehmen. Andauernd schaukeln, mit goldenen Bällen spielen und sich schön anziehen, das war ihr auf Dauer zu langweilig. Und den russischen Prinzen, den sie heiraten sollte, hatte sie heute Morgen kichernd weggeschickt. „Der Typ konnte nicht mal lesen! Aber nun bekomme ich meine Strafe, denn du wirst mich sicher gleich fressen“, seufzte sie.

„Nein“, knurrte der Drache und kniff listig ein gelbes Auge zu. Und weil die Prinzessin verblüfft wissen wollte, wieso nicht, gestand ihr der Lindwurm, dass er von seiner Sippe in diesen Hügel verbannt worden war, weil er immer nur Obst und Gemüse fressen wollte. „Das hätten meine Verwandten vielleicht noch geduldet“, murmelte er. „Aber mein Drachenschatz ...“

„Was ist mit ihm?“

„Es sind alles Bücher“, sagte der Drache und biss die Stricke durch, so dass die kleine Prinzessin unbeschadet freikam.

Da blies jemand am Fuße des Hügels lautstark in ein Horn, ein Pferd wieherte und jemand schrie, die kleine Prinzessin möge durchhalten, er werde sie gleich retten.

„Bloß das nicht“, sagte sie erschrocken.

Der Drache grinste und riss einladend sein mächtiges Maul mit den nadelspitzen Zähnen auf.

Als Boris, der russische Prinz, oben auf dem Hügel ankam, da machte er gleich wieder auf dem Hacken kehrt. Zu gruselig war der Anblick der armen Prinzessin, wie sie leblos aus dem Maule des knurrenden Untiers heraushing!

„Ist er weg?“, murmelte sie, als das letzte Pferdegetrappel in der Ferne verklungen war.

„Isch glaub schon“, nuschelte der Drache. Es spricht sich schlecht, wenn man den Mund voll hat.

Da krabbelte die kleine Prinzessin qietschvergnügt aus dem Drachenmaul heraus, und was die beiden dann getan haben, das könnt ihr euch sicher denken.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schmökern sie heute noch!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Sunday, 10 November 2019 14:27)