Der listige Drachenwurm

(2011: Der listige Drachenwurm. In: Nordkurier, Nr. 218 vom 17./18. 09. 2011, Kurierschnecke)

Ein warmer Sommerwind wiegte die Zweige des Pflaumenbaums. Auf einem Blatt saß eine bunte Raupe. Sie genoss die Sonne und biss Häppchen um Häppchen vom saftigen Blattrand ab. Da fiel plötzlich ein schwarzer Schatten auf sie. „Prost Mahlzeit, liebes Mittagessen“, kicherte die junge Amsel, Vergnügt sperrte sie ihren Schnabel auf, um ihr Opfer zu verspeisen.

Auweia, dachte die Raupe. Zum Weglaufen ist es zu spät. Wenn mir jetzt nicht schnell etwas Kluges einfällt, dann werde ich tatsächlich als Amselmahlzeit enden!

Sie raffte all ihren Mut zusammen, richtete ihren Oberkörper auf, präsentierte dem verblüfften Vogel jedes einzelne ihrer bunten Haare und sprach mit möglichst tiefer Stimme: „Du armes Ding, du tust mir leid. Da denkst du nun, du wirst gleich lecker essen, und in Wahrheit ist dein Ende nahe!“

Die junge Amsel stutzte. „Mein Ende naht? Wie meinst du das?“

„So, wie ich es dir gesagt habe“, fuhr die Raupe mit Grabesstimme fort. „Siehst du denn nicht, wie ungewöhnlich bunt ich bin? Ich bin ein Drachenwurm. Und dass alle Drachen giftig sind, muss ich dir ja wohl nicht erklären!“

„Wie giftig?“, erkundigte sich die Amsel. Besorgt dachte sie daran, dass sie mit ihrem Schnabel die Raupenhaare bereits berührt hatte.

„Grässlich giftig“, beteuerte die Raupe. „Wie fühlst du dich überhaupt? Geht es dir noch gut?“

„Ich -ich glaub, ich hab bereits Bauchschmerzen“, stammelte die Amsel. „Muss ich jetzt sterben?“

Frechheit siegt, dachte die Raupe. Deshalb versicherte sie der Amsel: „Es gibt eine letzte Chance für alle, die unsereins berührt haben. Wir Drachen können nämlich zaubern, und sobald ich als Lindwurm aus meiner letzten Kinderhaut geschlüpft bin, kann ich dich wieder gesund machen. So lange musst du schon noch warten!“

Weil die Bauchschmerzen nicht schlimmer wurden, erklärte sich die Amsel einverstanden.

Von nun an beschützte sie den Drachenwurm, sie beschaffte ihm Rosenblätter, wenn dem Kleinen der Sinn nach Leckereien stand, und geduldete sich. Schon nach einer Woche verbarg sich der Drachenwurm in seiner Puppenhülle, um sich darin für seine allerletzte Verwandlung vorzubereiten.

Ich habe zwar keine Bauschmerzen mehr, dachte die Amsel. Aber nun will ich wissen, wie die Sache ausgeht. Ich werde in der Nähe bleiben und warten, bis der Drache schlüpft!

Sie behielt den Pflaumenbaum genau im Auge, nur nicht in der Nacht, denn da schlief sie. Und so konnte sie nicht miterleben, wie der Bewohner der PuppenhĂĽlle seine pergamentartige Behausung verlieĂź und in der Gestalt eines unscheinbaren Nachtfalters davonflog, dem Mond entgegen.

„Bestimmt hat er den Zauberspruch gesagt, bevor er weggeflogen ist“, entschied die Amsel, als sie am kommenden Morgen die leere Puppe sah. „Schließlich geht es mir gut, und Drachen lügen nicht. Aber ich werde nie wieder behaarte Raupen fressen, das schwöre ich!“

Und dieses Versprechen halten alle Amseln bis zum heutigen Tage ein.

Marianne Thiele

 

Last Updated (Sunday, 10 November 2019 16:02)