Baumgeist, Triglav, Slowenien 2019

Mein Baum, die dumme Nuss

Ich habe dich ungern aufgenommen. Niemals hĂ€tte ich dir freiwillig ein StĂŒck von unserem Gartenland gegeben, damit du dort wachsen kannst. Du bist eine Walnuss. An deinen BlĂ€ttern frisst keine Raupe, so giftig, wie sie sind. Dein Stamm ist noch viel zu dĂŒnn, als dass man daran einen Nistkasten hĂ€ngen könnte, und wer weiß, ob dein Quartier ĂŒberhaupt ein Vogel haben will?

Aber der Hausherr hat dich mitgebracht. Nun stehst du neben dem Rhabarber, eng gekuschelt an die Reihe unserer heimischen Gehölze, und wĂ€chst. Du hast in den letzten 8 Jahren trotz deines mageren, sandigen Standortes sichtbar an GrĂ¶ĂŸe zugelegt. Erst hattest du nur zwei NĂŒsse, dann waren es schon vier, und immer gab es im Herbst ein paar mehr. RegelmĂ€ĂŸig. ZuverlĂ€ssig.

Dir selber ist es egal, ob wir sie zĂ€hlen. Du wirfst sie ab wie dein Laub, wenn die Tage kĂŒrzer werden. Ich rette den Rasen vor deinen doofen BlĂ€ttern, sammle jedes davon ein. Der Hausherr rettet seine NĂŒsse vor den Eichhörnchen. Jede Nuss. die er findet, trĂ€gt er in die KĂŒche und trocknet sie.

„Bio“, sagt er. „Ungespritzt. Ganz ohne Pflanzengift.“

In seinen Augen lese ich Freude und Stolz, weil wir in unserem Garten ganz ohne Schadstoffe wirtschaften können.

Sein Baum, sein Liebling.

Nicht einheimisch, bis heute allen ehrlichen Gartenraupen ein kulinarischer Graus.

Und dennoch – trotz aller MĂ€ngel gehört dieser Baum inzwischen zu uns. Zur Familie. Wir reden ĂŒber ihn, der Hausherr redet mit ihm. Im Winter dient er der verfressenen Vogelbande, die tĂ€glich die Futterstelle belagert, als willkommene Sitzwarte.

Sie ist nicht perfekt, die dumme Nuss. Aber trotzdem habe ich sie schon in einer Kindergeschichte verarbeitet. Und nun ist hier schon wieder ein Text, nur ĂŒber sie. Wieso eigentlich? Mag ich sie am Ende doch?

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 10 October 2019 08:55)