Theodor soll fliegen

In dem kleinen Fischerdorf hält der Herbst Einzug. Man merkt es an den vielen Graugänsen, die jetzt auf den Salzwiesen rasten. „Naag, naag naag!“, schnattern sie.

Das heißt so viel wie: „Heute ist es aber mächtig windig!“ Die Gänse können sich ungestört unterhalten, denn es gibt kaum noch neugierige Urlauber. Auf der Seebrücke ist es still geworden und die Möwen haben Langeweile. Als eine von ihnen den großen schwarz-weißen Vogel auf Familie Martens Hausdach besuchen will, hat sie Pech - das Storchennest steht seit gestern leer. Meister Adebar ist mit seiner ganzen Familie in den warmen Süden geflogen.

Tina winkt der enttäuschten Möwe zum Abschied hinterher. Die hat es gut, denkt sie, die muss noch nicht ins Bett gehen. Und wie lange darf eigentlich der Wind noch aufbleiben? Der wird ja heute überhaupt nicht müde! Er spielt im Garten mit den Blättern, bis sie einen bunten Reigen bilden. Wenn eines keine Lust mehr hat und nicht mehr mitmachen will, legt es sich im Gras schlafen. Dann pflückt sich der Wind ein neues Blatt von der Rosenhecke ab. Schon geht der Tanz von vorne los. Am liebsten würde Tina mitspielen! Gleich nach dem Abendessen holt sie deshalb ihren himmelblauen Drachen aus dem Keller. Er heißt Theodor. Ein Jahr hat er zwischen Kartoffeln und Zwiebeln darauf gewartet, dass er wieder fliegen kann. Nun ist es endlich soweit. Tina putzt ihm den Staub aus dem Gesicht und schüttelt die acht roten Schleifen zurecht, die er an seinem Schwanz trägt. Dann zeigt sie ihm die tanzenden Blätter.

„Es ist Herbst, Theodor“, ruft sie. „Und es ist ganz windig! Wenn du willst, lass ich dich bis zu den Wolken fliegen!“

„Was denn, jetzt noch?“, fragt Vati erstaunt. „So kurz vor dem Schlafengehen?“

„Aber ich bin doch noch gar nicht müde“, muckt Tina auf. „Ich will überhaupt nicht ins Bett. Und Theodor auch nicht. Er hat sich ja so lange im Keller ausgeruht!“

„Er muss auch morgen nicht zur Schule, so wie du. Und überhaupt ...“

„Wisst ihr was?“, mischt Mutti sich schmunzelnd ein. „Es ist ja wirklich noch nicht spät. Wir drei können noch einen kleinen Spaziergang am Strand machen. Da lasst ihr beide den Drachen los und ich sehe zu, wie die Sonne im Meer versinkt.“

Tina fällt dem Vati um den Hals und gibt ihm ein dickes Küsschen auf den Dreitagestoppelbart: „Ich will doch bloß mal ausprobieren, ob der Wind den Theodor schon tragen kann. Hilfst du mir beim Starten?“

Vati lacht und nickt.

Am Strand hält Tina das Ende der Schnur fest. Gespannt wartet sie auf das Startzeichen. Der Wind bläst ihr die Haare ins Gesicht. Gleich ist es soweit! Vati hebt den Drachen mit ausgestreckten Armen hoch. „Lauf, mein Kleines, lauf so schnell du kannst!“, ruft er. Dann lässt er Theodor fliegen. Tina rennt immer am Spülsaum entlang, weil der Sand da nicht so lose ist und weil man deshalb leichter vorwärts kommt. Sie spürt, wie es ungeduldig an der Schnur ruckelt. Der Drachen steigt steil nach oben. Hurra, es hat geklappt! Und das gleich beim ersten Versuch! Tina läuft langsamer, sie dreht sich um und gibt noch mehr Schnur frei. Jetzt tanzt Theodor als blauer Klecks am Himmel. Er zuckelt hin und her, guckt sich die Welt von oben an und freut sich, als eine Möwe erstaunt an ihm vorbeifliegt und „Hallo!“, sagt.

Mutti hat sich ein großes Badehandtuch auf den Sand gelegt, denn der Boden ist bereits recht kühl. Da sitzt sie nun und beobachtet den Drachen. Der Wind wird langsam müde. Theodor kann sich nicht mehr in der Luft halten. Er saust im Sturzflug ins Wasser. Klatsch, macht es, und aus dem stolzen Flieger ist ein pudelnasser Meeresdrachen geworden.

Die Rettungsaktion ist eine aufregende Sache. Vati läuft ins Wasser, um Theodor herauszufischen, bevor der Ärmste untergeht. Tina zieht sich lieber erst die Schuhe, die Socken und die Hose aus. Dann hält sie probehalber einen nackten Fuß ins Meer, damit sie weiß, wie kalt das ist. Brr, kein Wunder, dass keiner mehr baden will! Aber die Wellen sind Gott sei Dank nicht hoch. Ob sie jetzt hinein muss?

Komisch, dass Vati immer noch an der Unglücksstelle steht. Das Wasser reicht ihm dort fast bis zum Gürtel. Mit einer Hand fischt er ungeschickt im Meer umher, mit der anderen hält er den Drachen hoch, damit ihn die Wellen nicht davontragen. „Was ist los? Brauchst du Hilfe?“, schreit Tina. „Ja! Theodors Schwanz hat sich wohl im Tang verheddert!“, ruft Vati. „Kannst du ihn befreien, während ich verhindere, dass er wegtreibt?“

Tina kommt und hilft ihm. Sie bückt sich und fischt nicht nur den langen Schwanz, sondern auch einen Stein aus dem Wasser. „Das hast du gut gemacht“, lobt Vati. „Und jetzt gehen wir schnell zurück zum Strand. Wir müssen nämlich nicht nur deinen Drachen abtrocknen, sondern uns auch!“

Während sie Theodor ans Ufer tragen, sieht sich Tina den Stein genauer an. „Der ist ja in der Mitte hohl“, stellt sie überrascht fest. Sie hält ihn sich wie ein Fernrohr ans rechte Auge und guckt durch das Loch hinüber zum Ufer, wo die Mutti wartet.

„Du hast einen Hühnergott gefunden“, erklärt ihr der Vati. „Die haben immer so ein Loch. Aber meistens sind sie bloß schwarz-weiß und nicht so hübsch.“

„Ja, mein Stein sieht toll aus“, freut sich Tina. „Er ist hellgrün, mit goldenen Punkten, und sein Loch hat er genau in der Mitte.“

Mit diesen Worten erreichen sie den Strand. Mutti gefällt der Hühnergott auch. „Schaut nur, wie er glänzt“, sagt sie. „Ob die Goldpünktchen tatsächlich echt ist? Zu diesem Stein könnte ich mir eine interessante Gute-Nacht-Geschichte ausdenken. Über Zwerge, Schätze und Seeräuber.“

„Erzählst du sie mir gleich heute Abend?“, fragt Tina neugierig. Sie hat sich inzwischen mit dem Badetuch abgetrocknet und zieht sich ihre Hose an. Mutti schmunzelt und schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid, doch dazu ist es jetzt wirklich zu spät“, sagt sie. „Du musst schnell ins Bett, mein kleiner Spatz, damit du morgen in der Schule nicht müde bist.“

Das sieht Tina ein. Sie wischt Theodor ganz vorsichtig das nasse Gesicht ab. „Er braucht natürlich neue Papierschleifen für seinen Schwanz“, sagt sie. „Oh, und da hängt noch ein bisschen Seetang dran. Aber sonst sieht er heil aus.“

„Wir haben Glückt, dass ich ihn aus Folie gebastelt habe“, stimmt Vati ihr zu. „Ich repariere ihn morgen, dann kann er wieder fliegen.“

Zufrieden gehen sie zurück zum Haus. Den Hühnergott legt Tina auf ihren Nachttisch. Bevor sie ins Bett huscht, macht sie das Fenster ein wenig auf, damit sie hören kann, wie der Herbstwind um das Haus pfeift. Beim Einschlafen freut sie sich schon auf die schöne Geschichte, die Mutti ihr morgen Abend erzählen wird: Über ihren wunderbaren Stein, über einen Zwerg und den Schatz im Berg.

M. Thiele

 

Last Updated (Sunday, 06 October 2019 17:13)