Kevin und die Herbsthexe

Die Sonne hatte sich an diesem Tag noch nicht blicken lassen, obwohl es fast Mittag war. Dicker Nebel hüllte den alten Apfelbaum ein. Kevin wollte soeben hinaufklettern, um sich einen Apfel zu pflücken, als plötzlich eine tüchtige Ladung Schnee aus der Baumkrone fiel. Plitsch, machte es, und schon waren Kevins Haare nass.

„Igitt“, rief er. „Das ist gemein!“

Die Apfelbaumzweige wackelten ärgerlich, als ob sie den Protest verstanden hätten und dann – pardauz – warfen sie mit Konfetti.

„Verflixt! Was habe ich denn nun wieder falsch gemacht?“, zeterte ein Stimmchen.

Es gehörte einer kleinen Person, die in der Baumkrone saß. Sie war nicht größer als Omas Gartenzwerg und hatte eine krumme Nase, schwefelgelbe Haare, einen bunten Flickenkittel und nackte Füße. Jetzt rutschte die Kleine auf dem Popo zum äußersten Ende eines Apfelbaumzweiges und schüttelte ihn kräftig. Doch statt der Äpfel ergoss sich ein Schwall Wasser auf die Früchte, die schon im Gras lagen. Zur gleichen Zeit kriegte der Ast einen Knacks, das seltsame Persönchen purzelte herunter und fiel Kevin genau vor die Füße.

„He, wieso machst du solchen Quatsch?“

„Weil ich eine Herbsthexe bin, du Dummerchen“, versetzte das Weiblein. Es rappelte sich auf und schielte begehrlich nach oben. „Äh, liebes Menschlein – würdest du mich mal kurz hochheben, damit ich wieder auf meinen Baum komme?“

Kevin musste lachen. „Von wegen, das hättest du wohl gern. Du machst mir bloß die Äpfel nass!“

„Aber das muss ich doch!“, rief das Hexlein. „Jedes Jahr zaubere ich für euren Garten das Herbstwetter. Ich mache Gewitter, wenn ich mit den Fäusten auf die Baumrinde klopfe. Ich lasse die Sonne scheinen, wenn ich meine gelben Haare schüttle. Der Nebel schwebt vorbei, wenn ich mit den Zweigen raschele. Und wenn ich in die Hände klatsche, wird es richtig kalt, aber das darf natürlich erst im Spätherbst sein.“

„Und warum hast du vorhin so komisch mit Konfetti geworfen?“, wollte Kevin wissen.

Das Hexlein senkte beschämt den Kopf. „Meine Augen sind in den letzten Jahren schlechter geworden. Nun kann ich die Zauberwettersprüche in meinem Herbsthexenbuch nicht mehr richtig lesen. Da gibt’s schon mal Konfetti statt Sonne. Aber woher soll ich eine Brille kriegen?“ Das Hexlein schniefte traurig. „Keine Chance!“

„Ich kann dir Omas alte Lesebrille schenken“, schlug Kevin vor.

„Echt wahr?“, staunte das Hexlein. „Das nehme ich gern an. Dafür mache ich euch den schönsten Herbst, den ihr euch vorstellen könnt!“

So geschah es. Und wenn ihr wissen wollt, liebe Kinder, wer in eurem Garten das Herbstwetter macht, dann seht euch nur genauer um. Wer weiß, vielleicht wohnt auch in eurer Nähe ein Herbsthexlein?

Marianne Thiele, September 2006

 

 

Last Updated (Wednesday, 18 September 2019 15:02)