Grille und Ameise

„Platz da, jetzt komme ich!“, schrie die Ameise. Gutmütig gaben ihr die Tiere des Gartens den Weg frei, bis auf eine Grille.

Sie beeilte sich kein bisschen, von der Ameisenstraße herunterzukommen, und die Benutzerin derselben dachte nicht im Traum daran, wegen des Gegenverkehrs zu bremsen. Der Zusammenstoß war also unvermeidlich. Peng! Er machte der kräftigen Grille gar nichts aus, doch die dreimal kleinere Ameise rieb sich wütend den Kopf.

„Trampel! Pass doch besser auf!“

„Entschuldigung, Verehrteste“, versetzte die Grille höflich, „aber ich dachte wirklich, man könnte mich nicht übersehen. Schließlich bin ich groß genug.“

„Wie bitte? Dachtest du etwa, ich bremse wegen dir? Auf meiner eigenen Straße? Ich laufe hier schon jahrelang entlang, und ich denke nicht daran, auf irgend jemanden Rücksicht zu nehmen!“

„Meinetwegen, meine Liebe“, sagte die Grille friedlich, „aber dann wirst du wohl öfter Beulen kriegen, wenn du nicht besser aufpasst.“

„Ich bin nicht lieb“, zürnte die Ameise, „und zu einer Bettlerin wie dir schon gar nicht! Deine üble Geschichte kennt man doch – den ganzen Sommer singst du, keine Fliege und nicht ein Würmchen trägst du als Wintervorrat ein – ja, und dann? Dann schneit es, und du Faulpelz stehst bettelnd vor meiner Tür und willst dir ein Körnchen ausleihen, weil du Hunger hast!“

Die Grille schüttelte erstaunt den Kopf. „So ein Unsinn“, widersprach sie. „Wer hat dir dieses Märchen bloß erzählt? Erstens kann ich im Winter gar nicht bei dir anklopfen, weil es da gar keine Grillen mehr gibt. Zweitens denke ich nicht daran, dich wegen eines harten Getreidekörnchens anzubetteln, weil ich mit meinem zarten Saugrüssel damit gar nichts anfangen könnte. Und drittens interessieren mich deine komischen Fliegen und Würmchen auch nicht, weil ich mich nur von Pflanzensäften ernähre!“

Damit ließ sie die Ameise einfach stehen, stieg geschickt den nächsten Strauch hinauf und stach mit ihrem Schnabel wie mit einem Zapfbohrer in einen Zweig. Sie durchbohrte die glatte Rinde und ließ sich den sanft sprudelnden Pflanzensaft schmecken.

Neidisch sah die Ameise ihr zu. Im nächsten Moment schon stand sie hinter der Grille und trippelte nervös auf ihren Füßchen hin und her. Gutmütig stellte sich die Zapfmeisterin höher auf ihre Beine und erlaubte der Kleinen, unter ihrem Bauch hindurchzuschlüpfen. Die nahm rasch einen Mundvoll vom Saft, und als sie merkte, wie süß er schmeckte, rief sie ihre Freundinnen herbei.

Die waren nun gar mehr höflich und schüchtern! Sie bissen die Grille von hinten in die Beine. Sie zerrten an ihren Flügeln. Sie kitzelten an den empfindlichen Fühlern. Und die frechste von allen – es war die, mit der die Grille zusammengeprallt war – wagte es schließlich sogar, den Saugrüssel zu packen und ihn aus dem Spundloch zu ziehen. Da gab die Grille entnervt den Weg frei. Sofort stürzten sich alle Ameisen auf das winzige Astloch. Sie leckten und schlabberten daran, so schnell sie nur konnten. Doch da keine von ihnen den Pflanzensaft herauspumpen konnte, versiegte die Quelle nur zu bald. Enttäuscht sahen die Räuber einander an.

„Bäh! Schon alle?“, beschwerten sie sich. „Das ist ja Betrug! Wo ist die Grille? Sie soll uns noch mehr Saft geben, oder wir werden ihr im Winter nicht helfen!“

Doch alles Schimpfen war vergeblich, denn die kluge Grille war längst weg. Sie sang von jetzt an lieber in der Hecke des Nachbarn – denn da gab es keine Ameisen.

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 27 June 2019 16:23)