Als Kater Max in Rente ging

(2004: Kater Max geht in Rente. Kurzgeschichte. In: Güstrow Express. Nr. 3/14. Jahrgang/14. Januar 2004)

Kater Max lag auf der Holzmiete und schaute streng auf die Mäusefamilie herab, die sich zu seinen Füßen versammelt hatte.

„Ich habe euch Graupelze heute hergerufen“, verkündete er, „weil ich euch etwas sehr Wichtiges zu sagen habe.“

„Ziehst du etwa endlich weg?“, fragte die kleinste Maus voreilig.

„Pst, Pinky!“, wisperten die anderen Mäuse erschrocken.

Max schickte dem dreisten Nagetier einen empörten Blick zu. „Natürlich nicht! Zehn glückliche Jahre wohne ich nun mit euch Tür an Tür. Stets hatte ich nur das Beste für euch im Sinn. Täglich habe ich euch vor den lästigen Nachbarkatzen beschützt. Ohne dabei anzugeben, darf ich mit Recht behaupten, dass ich sie in wilden Kämpfen oft erfolgreich verjagt habe! Ich war immer für euch da.“

„Ist doch am Ende egal, wer uns frisst ...“, piepste Pinky.

Max beschloss großzügig, diese freche Bemerkung zu überhören. Er fuhr fort: „Weil ich so fleißig war, hat Opa Knorx keine Mäusefallen für euch aufgestellt. Niemals brauchtet ihr davor Angst zu haben, durch leckeren Speck angelockt zu werden – und dann unter einem grausamen Fangbügel sterben zu müssen.“

Pinky rückte ein Stück vom Holzstapel weg und murmelte: „Ich hab vor dem Kater aber genauso viel Angst wie vor `ner Falle ...“

„Pst!“

„Kein Mensch hat Gift für euch gestreut, weil auf mich immer Verlass war“, verkündete Max inzwischen. „Ihr müsst also zugeben, liebe Mäuse, dass ich mir durch die jahrelange Betreuung eurer Familie große Verdienste erworben habe.“ Er schwieg für einen Moment und schloss, anscheinend vor Rührung überwältigt, seine bernsteingelben Augen. „Deshalb finde ich, dass es Zeit ist für eure Dankbarkeit.“

„Und wie stellst du dir diese Dankbarkeit vor?“, fragte Obermäuserich Dicky misstrauisch.

„Ich werde in Rente gehen“, erklärte Max bereitwillig. „Ich werde ab sofort hier auf meinem Holzstapel liegen, die warme Sonne wird mein ergrautes Fell wärmen und ich will euch in Ruhe lassen – wenn ihr mir täglich eine Maus zum Mittag liefert!“

„Darüber wollen wir erst beraten“, sagte Dicky.

„Aber gefälligst nicht so lange“, knurrte Max. „Und für den Anfang begnüge ich mich mit Pinky!“

Die Mäuse verschwanden eilig in ihren Löchern. Der Kater überließ sich einem Schläfchen. Er wurde wach, weil ein Spatz in seiner Nähe aufdringlich piepte.

„Halt den Schnabel, du Flederwisch“, murrte Max ungehalten. „Wieso störst du mich in meinen Träumen?“

„Ich bin ein Bote“, erklärte ihm der Spatz. „Und das hier ist meine Botschaft: Die Mäuse stimmen deinem Vorschlag zu. Jetzt wartet Pinky hinterm Haus. Er soll zum Mittag zu dir kommen, aber er hat zu viel Angst vor dir. Du sollst ihn von der Terrasse abholen, sagt er.“

„Ich wusste es!“, kicherte Max. „Die dummen Mäuse liefern sich freiwillig aus. Das war bisher mein bester Einfall!“

Ohne den Spatz weiter zu beachten, kletterte er hastig vom Holzstapel. Er rannte zur Terrasse, um sich sein erstes Opfer zu holen.

Aber da war gar keine Maus.

Da wartete bloß der große Hofhund.

Und der verhaute den dummen Kater so sehr, dass er ihm damit den Appetit auf Pinky und auf alle anderen boshaften Einfälle gründlich austrieb.

Marianne Thiele

 

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