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Ameise und Raupe

„He, pass gefälligst auf, wo du hintrittst!“, schimpfte die Raupe. Verärgert schielte sie auf die Ameise, die soeben auf ihren Kopf geklettert war und nun Anstalten machte, über sie hinwegzulaufen.

„Oh, entschuldige, wenn ich dich gestört habe“, nuschelte die Ameise. „Ich wollte nur den kürzesten Weg nehmen, um dies Samenkorn recht schnell in meinen Bau zu bringen. Aber natürlich kann ich auch um dich herumlaufen, wenn dir das lieber ist.“ „Ich bitte sogar darum“, nörgelte die Raupe. „Wie soll ich denn meine Arbeit schaffen, wenn du ständig auf mir herumtrampelst? Wegen dir bin ich schon mindestens eine volle Minute im Rückstand!“

Die Ameise staunte. „Im Rückstand? Womit denn?“

„Mit dem Essen natürlich. Wie soll ich denn sonst groß und stark werden?“ Selbstzufrieden strich sich die Raupe über ihren runden Bauch. Dann fasste sie die Fragestellerin genauer ins Auge. „Hm. Du hingegen siehst ziemlich mickrig aus“, stellte sie fest. „Wie eine Hungerlatte. Entsetzlich. Oh, oh. So kann aus dir nichts Rechtes werden. Isst du nicht genug?“

Die Ameise wurde vor Verlegenheit tomatenrot. „Also ich – ich weiß nicht“, stammelte sie. „Eigentlich esse ich mich immer satt. Nach der Arbeit, im Bau.“

„Und dann?“, fragte die Raupe streng, wobei sie es nicht versäumte, ein Blatt abzubeißen und es genüsslich zu zerkauen.

„Dann schlafe ich. Und dann arbeite ich wieder ...“

„Ohne inzwischen zu essen?“, unterbrach die Raupe sie fassungslos. „Wer nicht ordentlich isst, kann auch nicht ordentlich wachsen. Und du bist schrecklich dürr. An dir ist nichts dran außer Haut und Knochen. Wahrscheinlich bist du zu nichts nütze, meine Liebe. Mpfff...“ Sie nahm ein frisches Dillblättchen in den Mund und schluckte es unverzüglich hinunter.

Die Ameise sah ihr nachdenklich zu. „Du vergisst, dass ich nicht größer werden muss“, meinte sie. Plötzlich schnappte sie zu und zwickte die Raupe tüchtig in die Seite. „Schnell! Lass dich fallen und stell dich tot!“, zischte sie. Die Raupe erschrak so sehr, dass sie tatsächlich zu Boden stürzte und reglos liegen blieb. Die Ameise setzte sich sofort dazu.

Sekunden später landete eine hungrige Amsel neben den beiden. „Ach, diese Raupe ist wohl nicht mehr zu haben?“, erkundigte sie sich.

„Nein, leider nicht. Gleich kommt meine Familie, um sie abzuholen“, versetzte die Ameise höflich. Die Amsel nickte und flog weiter, um sich woanders nach Futter umzusehen.

„Steh auf, mein Dickerchen“, sagte die Ameise neckisch. „Sonst gerätst du mit deiner Arbeit zu sehr in Rückstand. Die Dillpflanze fühlt sich ja ohne dich schon ganz einsam!“

Die Raupe grinste verlegen. „Danke, ich habe tatsächlich schon wieder Hunger. Übrigens hätte ich nichts dagegen, wenn du mich gelegentlich wieder beim Essen stören würdest.“

„Aber gern“, schmunzelte die Ameise, während sie sich auf den Weg zu ihrem Bau machte. „Schließlich sind wir doch jetzt Freunde!"

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 11 May 2019 17:31)