Wolf und Lamm

„Hallo, du niedliches Wollknäuel. Kleine Lämmchen sollten nachts nicht allein am Fluss spielen, sonst kommt der böse Wolf und frisst sie!“, sagte der Wolf mit zuckersüßer Stimme.

Das Lämmchen drehte sich überrascht um. „Huch!“, rief es. „Meine Herde ist ja tatsächlich weg! Die ganze Schafweide ist ratzeleer! Aber zum Glück bin ich trotzdem nicht allein. Du bist ja bei mir, mäh. Du trägst ein graues Fell, bist du vielleicht ein Cousin?“

Der Wolf lachte dröhnend, als er das hörte. „Klar bin ich das. Man nennt mich Grauer. Und wer bist du?“

„Ich besitze keinen richtigen Namen. Alle sagen bloß, ich bin ein Unglücksschaf, weil ich ein schwarzes Fell habe.“

„Ich habe schon Sachen gefressen, die weniger abergläubisch waren“, grinste der Graue. „Aber selten waren sie so dumm wie du.“

„Mäh. Ich verstehe zwar nicht ganz, wie du das meinst, aber ich mag dich“, versicherte das Lämmchen treuherzig. „Kannst du mich zurück zur Herde bringen?“

Das wollte der Graue gerne tun, wenn er auch in Gedanken das Wort Herde durch Wolfshöhle ersetzte. Gemeinsam liefen sie ein Stückchen durch den Fluss, doch als eine Forelle aus dem Wasser sprang, erschrak das Lämmchen. Weinend kletterte es die Böschung hinauf. Der Wolf hatte alle Pfoten voll zu tun, es wieder zu beruhigen und gleichzeitig die verräterischen Trittsiegel im Boden zu verwischen. „Ich habe schon Sachen gefressen, die weniger schreckhaft waren“, seufzte er.

Der Wiesenweg barg neue Gefahren. Eine Eule jagte dort nach Mäusen. Das ängstigte das Lämmchen so sehr, dass es sich schnurstracks unter einer Schlehdornhecke versteckte und nicht wieder herauskommen wollte. Erst nach einer Stunde wagte es sich wieder hervor. Dummerweise verlor es dabei viele Haare, und so sehr der Wolf auch zupfte, etwas Wolle blieb zuletzt doch in den Dornen hängen. „Wie siehst du denn jetzt aus!“, murrte er. „Ich fresse lieber solche Sachen, die weniger Löcher im Pelz haben!“

Am Waldrand zeigte der Wolf auf den Schleichweg, der sie direkt zu seiner Höhle bringen sollte. „Da geht’s lang, du Unglücksschaf. Und sei leise. Kein Geschrei mehr und keine lose Wolle, sonst ...!“

Das Lämmchen nickte bereitwillig. Leider hinterließ es jedoch nach wenigen Schritten ein duftendes Häuflein auf dem Weg. „Schaf-a-a. Tut mir echt leid, lieber Cousin“, flüsterte es. „Das wäre auf der Wiese auch passiert...“

Fluchend versuchte der Graue, die ärgerliche Hinterlassenschaft im Waldboden zu vergraben. Das Lamm wartete geduldig, und als der Wolf knurrte: „Fertig. Zumindest kann keiner mehr reintreten!“, bemerkte es: „Fein, lieber Cousin. Aber ich lasse mich jetzt doch lieber von Rex und Cesar heimbringen.“

Der Wolf erschrak – er war so mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen, dass er die beiden Schäferhunde nicht gewittert hatte. Für sie war es leicht gewesen, Lämmchens Spuren zu folgen. Nun nahmen sie sich den grauen Räuber gründlich vor.

„Aua, mir reicht’s!“, jammerte der Wolf schließlich. „Ich gebe ja zu, dass ich auf dieses Unglücksschaf reingefallen bin. Oh, ist mir das peinlich! Wenn ihr mir versprecht, dass ihr das niemand weitersagt, dann ziehe ich ganz weit weg!“

Er humpelte zu seiner Höhle, holte sich ein paar Sachen und machte sich ohne ein weiteres Wort auf und davon. Wahrscheinlich schämt er sich noch immer, denn hier hat ihn seitdem niemand mehr gesehen.

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 11 May 2019 17:23)