Knuddel, das Wolkenschaf

(Knuddel, das listige Wolkenschaf. In: Nordkurier, Nr. 164 vom 17./18. Juli 2010, Kurier am Wochenende / Kurierschnecke, S. 07)

„Bitte, Gevatter Wind, blase kräftiger“, baten die Wolken. „Wir wollen endlich das Meer erreichen.“

„Warum habt ihr es damit so eilig?“, wunderte sich der Wind.

„Weil wir dort unsere Wasserbäuche füllen können. Dann reisen wir weiter zu den nördlichen Bergen, denn dort hat es lange nicht mehr geregnet.“

„Das könnt ihr ja alles gern machen“, gähnte der Wind. „Aber nicht, bevor ich mich ein wenig ausgeruht habe.“ Sprach’s, und ging schlafen.

Den reiselustigen Wolken blieb nichts anderes übrig, als Geduld zu haben. „Wie langweilig“, maulten sie. „Und unten auf der Erde ist auch nichts los. Wir sehen nur eine Wiese, auf der ein zottiger Schäferhund seine Schafe bewacht.“

Als sich nach einer Stunde immer noch kein Lüftchen regte, fasste sich das kleinste Wölkchen ein Herz. Es rutschte an einem Sonnenstrahl hinab und landete mitten auf der Wiese.

„Mäh, du siehst beinahe aus wie wir, so weiß und flauschig, wie du bist“, sagten die Schafe. „Wie heißt du denn?“

„Ich bin Knuddel, das Wolkenschaf“, lachte die Besucherin. „Seht zum Himmel, da oben schwebt meine Herde und wartet auf mich.“

Da staunten die Tiere, und es dauerte nicht lange, bis sie in den Wolken tatsächlich Figuren erkannten. „Mäh, ich sehe Schafe!“ „Und ich einen Stall!“ „Nein, eine Futterschüssel!“, bellte der Hund, dem das neue Spiel auch gefiel.

Sie hatten so lange ihren Spaß, bis ein Lämmchen stammelte: „Und da – da ist der Wolf!“

„Wo denn?“ riefen seine wolligen Gefährten, ohne die Blicke vom Himmel zu nehmen. „Lasst uns schnell ein neues Spiel anfangen, mäh. Wer den grauen Räuber als Erster sieht, der ...“

„Wird zuerst gefressen“, beendete eine raue Stimme den Satz.

Da war es vorbei mit dem Wolkengucken! Erschrocken versuchten sich alle Schafe hinter dem Hund zu verstecken. Nur Knuddel blieb stehen und schaute den grauen Spielverderber neugierig an.

„Ich zähle jetzt bis drei“, grinste der Wolf. „Dann hast du einen Vorsprung und ich eine Vorfreude. So, und jetzt lauf weg! Eins ...“

„Wieso soll ich weglaufen?“, erkundigte sich Knuddel.

„Weil ich dich verschlingen will, du Dummkopf! Zwei und drei!“

Der Wolf griff gierig zu, doch es erging ihm nicht anders als Kindern, die eine Seifenblase fangen wollen. Er konnte dieses merkwürdige Schaf nirgendwo festhalten, und was noch schlimmer war, es schmeckte nach nichts. „Warum kann ich dich nicht fressen?“, jammerte er.

„Weil ich ein Wolkenschaf bin!“, lachte Knuddel.

„Und weil ich dich jetzt verhauen werde“, grollte der erboste Hund, der seine Herde inzwischen in Sicherheit gebracht hatte.

„Aua! Bitte nicht“, jammerte der Wolf. Er rannte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Deshalb konnte er auch nicht sehen, wie sich Knuddel von seinen neuen Freunden herzlich verabschiedete und wie die Wolken ihre Reise zum Meer fortgesetzt haben. Dabei wäre das so einfach gewesen – Wolkenbilder lesen kann nämlich jeder, sogar ein hungriger Wolf!

Marianne Thiele

 

 

Last Updated (Saturday, 11 May 2019 17:22)