Pfingsten auf dem Bauernhof

(Pfingstfest auf dem Bauernhof. Kurzgeschichte. In: Güstrow Express. 16. Jahrgang Nr. 22. 31. Mai 2005, S. 2)

„Sag mal, Mutti, haben wir Tiere eigentlich die gleichen Feiertage wie die Menschen?“, fragte das Lämmchen vor dem Zubettgehen. „Oh, ich glaube schon“, meinte Mutter Schaf überrascht. „Na, dann ist es ja gut“, sagte das Lämmchen zufrieden. „Äh – und warum, mein kleiner Liebling?“, fragte das Schaf verwundert. „Na, weil doch morgen Pfingsten ist“, murmelte das Lämmchen, während es sich behaglich ins duftende Heu kuschelte, „und weil ich doch schon ganz neugierig bin, wie wir Hoftiere dieses Fest feiern.“ Sprach’s, und war schon eingeschlafen. Mutter Schaf blieb noch eine ganze Weile ratlos neben seinem Lämmchen stehen. Morgen ist also Pfingsten, dachte sie. Und darauf freut sich meine Kleine. Aber wie feiert man eigentlich so was?

„Wuff, das kann doch nicht so schwer sein“, meinte Harro, der Hofhund, als das Schaf ihn um Rat bat. „Ich schmücke meine Hütte mit einer Bockwurstgirlande. Du streust Butterblumen vor die Stalltür. Der Ochse hängt sich Rüben über die Futterkrippe und die Tauben wickeln sich Vogelmiere um die Sitzstangen!“ Damit waren zwar alle Tiere sofort einverstanden, aber als der Hund die Zutaten für seine Girlande aus der Küche mopsen wollte, erwischte ihn die Hausfrau. Sie schimpfte den verhinderten Bockwurstdieb tüchtig aus und legte ihn zur Strafe für diese Nacht an die Kette.

Da ließen die anderen Tiere das Schmücken sein. Sie kamen zur Hundehütte und leisteten dem armen Harro Gesellschaft. „Der dumme Hund ist an seinem Missgeschick doch selber schuld“, lachte der Fuchs, der gerade vorbeikam. „Die Menschen feiern Pfingsten überhaupt nicht mit Butterblumen und Bockwürsten. Sie essen gebratene Tauben und Ochsen am Spieß. So ist das!“ Damit ließ Meister Reinecke die erschrockenen Tiere stehen und verschwand zum Mäusefangen im Schuppen.

Der Hund fasste sich zuerst. „Das glaube ich nicht“, rief er. „Wir müssen jemanden ins Haus schicken, der herausfindet, wie die Menschen Pfingsten wirklich feiern.“ „Ich bin dafür zu groß“, brummte der Ochse, „mich lassen die Bauersleute nicht mal in den Flur.“ „Und wir haben Hausverbot“, gurrten die Tauben.“ „Dann werde ich gehen“, fiepte Graufellchen, die Maus. „Mir wird schon nichts passieren.“ Sie lief gleich los, aber als sie nach einer Weile wiederkam, war sie wütend. „Ich musste für diese faule Hauskatze eine ganze Käsescheibe stehlen, damit sie mich in Ruhe lauschen ließ.“ Sie erzählte den Hoftieren, dass die Menschen das Pfingstfest zu Ehren der wiedererwachten Natur feiern, wenn die Eisheiligen endgültig fort sind. Häuser und Ställe werden mit frischem Flieder und mit viel Grün geschmückt. Das Rind, was die Herde das erste Mal im Jahr auf die Weide führen darf, erhält eine Blumenkrone und eine schöne Glocke, deshalb wird es auch Pfingstochse genannt. Außerdem macht die ganze Familie einen langen Pfingstausflug.

„Aber was nehmen sie im Picknickkorb mit?“, überlegten die Tiere. Also schlich sich Graufellchen noch einmal ins Haus. Als sie wiederkam, war sie hinten pitschnass. „Diesmal musste ich meinen Schwanz in die Schlagsahne tauchen, damit die verfressene Katze ihn ablecken konnte“, schimpfte sie.

Nun erfuhren die Tiere, dass die Menschen früher wirklich gebratene Tauben oder Ochsen verspeist hatten. Aber im Picknickkorb würde Kuchen liegen und das Mittagessen hatte die Hausfrau in einer Gaststätte bestellt. Die Tiere atmeten erleichtert auf. „Dann schmücken wir unseren Hof eben nicht mit Futter, sondern mit Flieder“, sagten sie. „Und hinterher wird gefeiert. Da spielen wir mit dem Lämmchen und mit allen anderen Kindern, solange es ihnen Spaß macht!“

Nach einer kurzen Beratung lief Graufellchen zum dritten Mal ins Haus. „Hallo, ich habe dich schon erwartet“, schnurrte Lissi. „Ich will aber gar nicht in die Küche“, fiepte die Maus. „So, nicht?“, wunderte sich die Katze. „Was willst du denn sonst?“ „Ich will dich zu unserer Hofparty einladen“, sagte Graufellchen, „denn weil du uns heute Nacht geholfen hast, feiern morgen nicht nur die Menschen, sondern auch wir Tiere das Pfingstfest!“

Frohe Pfingsten wünscht Marianne Thiele!

 

 

 

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