Wer ist das Hausgespenst?

„He, Brüderchen! Weißt du schon das Neueste? Morgen besuchen wir Oma und Opa!“, ruft Marie.

Malte schlägt vor Freude einen Purzelbaum. Am nächsten Tag fährt Papa die Kinder aufs Dorf. Die Großeltern wohnen in einem gemütlichen Bauernhaus, weit weg von der lauten Stadt.

„Fein, dass ihr mal wieder hier seid“, sagt Oma, während sie zur Begrüßung einen Kamillentee aufbrüht.

Opa sitzt am Küchentisch, liest Zeitung und brummt: „Ihr zwei Baulöwen bastelt doch gerne. Wie wär’s mit einem Baumhaus?“

Malte und Maria klatschen begeistert in die Hände.

„Pst, nicht so laut“, mahnt Opa. „Unser Hausgespenst mag keinen Krach. Ich will mit ihm keinen Ärger haben.“

Was? Hier im Haus soll ein Gespenst sein?

„Natürlich nicht. Glaubt ihm kein Wort“, knurrt Oma. Sie wirft Opa einen strafenden Blick zu.

Trotzdem stöhnt und knistert etwas um Mitternacht vor dem Schlafzimmerfenster. Ist das wirklich nur der Wind? Die Geschwister stopfen sich die Kissen in die Ohren. Am nächsten Morgen fehlt Marie der rechte Socken und der linke hat ein großes Loch, als ob ihn jemand angefressen hätte. Opa wirft ihn mit vielsagendem Blick in den Mülleimer. Maltes Kuschelhase sitzt auf dem Gartenzaun. Hat ihn das Gespenst etwa entführt? Mittags fehlt allen Familienmitgliedern der rechte Schuh. Oma seufzt genervt und die Kinder finden die Schuhe in einer staubigen Truhe auf dem Dachboden wieder. Eine Dreckspur aus Erde und Tannennadeln hat sie auf die richtige Fährte gebracht.

Danach geht Oma einkaufen und Opa will mit den Kindern das Baumhaus bauen. Doch sein Werkzeug ist verschwunden. Malte entdeckt es hinter der Hundehütte.

„Das Gespenst liebt Schabernack“, brummt Opa.

„Hat es eigentlich einen Namen?“, will Marie wissen.

„Keine Ahnung. Vielleicht trefft ihr es heute Nacht. Dann könnt ihr es ja fragen.“

„Ach nö. Wir sind gar nicht neugierig“, murmelt Malte unbehaglich.

Das Baumhaus wird vor dem Dunkelwerden fertig. Die Kinder bringen Kuscheldecken und Taschenlampen nach oben.

„Wenn das Gespenst kommt, rufen wir um Hilfe“, sagt Malte.

„Ich lass das Fenster auf, damit wir euch hören“ verspricht Oma. „Schlaft gut!“

Bis Mitternacht erzählen sich die Geschwister Gespenstergeschichten. Danach lauschen sie in die Nacht. Käuzchen rufen, der Wind raschelt in den Ästen und der Baum knarrt geheimnisvoll.

Am Morgen rüttelt Malte seine Schwester aus dem Schlaf. Etwas schrecklich Grünes grinst mit gelben Augen und spitzen Zähnen durch das Baumhausfenster. Es hat einen Zettel im Maul. Darauf steht: „Ich heiße Buh!“

„Ach nee. Ein Plüschgespenst. Wie niedlich“, kichert Marie. „Damit steht fest, dass unsere Oma die Gruseltante war. Sie war gestern einkaufen und konnte deshalb als Einzige Buh mitbringen. Oder vielleicht hat Papa ...?“

„Alles falsch“, sagt Malte. „Opa war es.“

Marie denkt kurz nach. Dann gibt sie ihrem Bruder Recht.

Wisst ihr, warum?

Marianne Thiele

Lösung: Opas Werkzeug ist mittags verschwunden. Aber Gespenster schlafen am Tage. Und nur Opa weiß, dass die Kinder gern den Namen des Gespenstes gewusst hätten. Also muss Opa die Streiche selbst verübt haben.

 

Last Updated (Sunday, 05 May 2019 15:47)