Ein Dieb in der Nacht

„Na, habt ihr gut geschlafen?“, erkundigte sich Mutti.

„So fest wie ein Stein“, sagte Mirjam.

„Mit ein paar Ameisen unterm Kopfkissen“, stichelte Andreas. Er spielte darauf an, dass eine Ameisenstraße durch ihr Dachzimmer führte. Die flinken schwarzen Dingerchen waren in der Nacht glücklicherweise auf dem Fußboden geblieben. Mutti schmunzelte. Sie stellte Tee auf den Tisch, setzte sich zu den Kindern und griff sich ein Knäckebrot. Dazu gab es Nutella, Käse und Marmelade, genauso, als ob sie zu Hause essen würden.

Aber das war weit weg. Stattdessen machten sie Urlaub in Schweden, in einem Blockhaus an einem einsamen See. Rundum erstreckte sich eine bunte Blumenwiese, und dahinter kam bloß noch Wald. Viel Wald! Mit Elchen, leckeren Pilzen und ulkigen braunen Bartflechten, die von den Bäumen hingen, manche davon so lang, dass sie eigentlich einen Friseurtermin gebraucht hätten.

Vati kam vom Fluss zurĂĽck. Er hatte fĂĽr den Abwasch frisches Wasser geholt.

„Sagt mal, wie viele Bäume stehen an der Trinkwasserentnahmestelle?“, fragte er.

„Sechs, glaub ich“, meinte Andreas.

„Das dachte ich eigentlich auch“, bestätigte Vati. „Aber eben hab ich nur fünf gezählt.“

„Ob hier nachts jemand Holz stiehlt?“, fragte Mutti besorgt. „Wir müssen dem Vermieter alles so übergeben, wie wir es vorgefunden haben.“

„Bis auf das Kaminholz“, widersprach Andreas. „Erinnert ihr euch an seinen Spruch? You can burn all wood you find.”

„Damit hat er nicht gemeint, dass wir ganze Bäume absägen sollen!“, rief Mutti.

„Haben wir ja auch nicht“, stellte Vati fest. „Vielleicht habe ich mich bloß verzählt.“

Oder doch nicht? Andreas fotografierte sicherheitshalber die Wasserentnahmestelle. FĂĽnf junge Birken standen am Ufer.

Am nächsten Morgen waren es nur noch vier! Die Baumstümpfe der gestohlenen Bäume sahen irgendwie angespitzt aus. Sägespäne lagen herum. Die Familie stand vor einem Rätsel. Nirgendwo gab es die Fußabdrücke eines Holzdiebes. Und den Krach einer Motorsäge oder die Schläge einer Axt hätte man doch nachts bestimmt gehört!

Zur Dämmerstunde versteckten sich alle hinter dem Holzschuppen. Von dort hatten sie die restlichen Bäume gut im Blick. Zunächst passierte nicht viel. Ein Elch trabte ans Ufer, trank und überquerte den Fluss. Dann kam eine braune pelzige Kreatur aus dem Wasser, mit prächtigen Schnurrhaaren und breitem Ruderschwanz: Ein Biber! Ohne sich um die staunenden Beobachter zu kümmern, nagte er so lange an einer Birke, bis er sie gefällt hatte. Sie fiel klatschend ins Wasser. Der Biber packte sie mit seinen Zähnen und zog sie mit erstaunlicher Kraft flussabwärts. Der Baumstumpf blieb am Ufer zurück, angespitzt wie der Bleistift eines Riesen.

„Jetzt wissen wir es. Der Dieb ist ein Biber!“, rief Andreas. „Du musst dir keine Sorgen mehr machen, Mutti. Egal, was der Vermieter sagt - a beaver can collect all wood he finds!“

Marianne Thiele

Ăśbersetzungshilfe:

You can burn all wood you find. - Ihr könnt alles Holz verbrennen, das ihr findet.

A beaver can collect all wood he finds. – Ein Biber kann alles Holz sammeln, das er findet.

 

Last Updated (Sunday, 05 May 2019 15:39)