Der Schatz des Piratenkönigs

(2011: Der Schatz des Piratenkönigs. In: Nordkurier, Nr. 194 vom 20 / 21. 08. 2011, Kurierschnecke)

Die See war ruhig, Wellen plätscherten gegen die Schiffplanken, als ob sie sich ein wenig mit dem nassen Holz unterhalten wollten. Am höchsten Mast der Dreimastbark „White Shark“ wehte die Fahne mit dem Totenkopf, als der Piratenkönig seine drei Kinder zu sich rief.

„Ich bin schon alt geworden“, sagte er zu ihnen. „Einen Haifisch erkenne ich nur noch mit Brille und den Tiefseekraken hab ich gestern mit Tante Tilly angeredet.“ Tim, Tom und Bella kicherten, als das hörten. „Du machst mal wieder Spaß, Papa“, sagte Tom. „Nein, im Ernst“, sagte der Piratenkönig. „Ich will in den Ruhestand gehen und das bedeutet, dass ich einen Nachfolger suchen muss. Wer von euch König werden will, der muss mir ein außergewöhnliches Geschenk bringen, das ich am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen will. Nach genau drei Monaten erwarte ich euch mit eurer Beute wieder an Bord!“

Die Bark feuerte ihre Kanonen ab. Der Wettbewerb begann! Ohne zu zögern, ließen Tom und Tim ihre Schnellboote ins Wasser. Der eine Bruder fuhr nach Norden, der andere nach Süden, und Bella bettelte so lange, bis der Vater ihr die Suche ebenfalls erlaubte. „Viel wirst du ja nicht finden“, seufzte er. „Aber du magst es immerhin versuchen.“

Die Wartezeit wurde dem alten Piratenkönig schrecklich lang. Ungeduldig hielt er täglich mit dem Fernglas Ausschau, ob sich nicht endlich drei Boote der „White Shark“ näherten. Doch erst am allerletzten Tag kehrten Tim, Tom und Bella zurück.

Sie begrĂĽĂźten einander herzlich.

„Ich bin in die Höhle des Tiefseekraken getaucht“, berichtete Tom. „Das hier ist die schönste Perle aus seinem Schatz. Seht nur, sie ist schwarz wie die Nacht, und dennoch glimmt ein Feuer in ihr, als ob darin ein Stern verglüht.“

„Ich bin zur Insel der Wassernymphen gefahren“, erzählte Tim. „Sie spielen den ganzen Tag Harfe. Eine davon habe ich mitgebracht. Wer ihrem Klang zuhört, fühlt sich glücklich.“ Er spielte einige Töne, und das Lächeln blieb auf dem Gesicht des Vaters, bis der letzte Harfenton verklungen war.

„Es fällt mir schwer, das schönere Geschenk zu bestimmen“, gestand der Piratenkönig. „Beide sind außergewöhnlich ...“

„Und was ist mit mir?“, fragte Bella. Sie stellte eine Truhe vor ihren Vater und öffnete den Deckel. „Ich bringe dir Bücher, Papa. Abenteuer zur See und zu Lande, von Indianern, Cowboys und Wölfen, von Schatzinseln und Haifischen ...“

Der Piratenkönig hatte bereits das erste Buch in der Hand und las darin von feuerspeienden Seeschlangen, mutigen Seeleuten und schönen Nixen. Bis jetzt hat er die Bücher noch nicht wieder aus der Hand gelegt, und so wissen wir nicht, wen er als neuen König einsetzen wird. Aber, ganz im Vertrauen: Es könnte auch eine Königin werden!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Thursday, 07 March 2019 17:36)