Gespenster auf der Borgwall-Insel

In einer lauen Mittsommernacht versammelten sich auf der Borgwall-Insel merkwürdige Gestalten. Einige schwebten durch die Luft heran, weitere stiegen lautlos aus dem Wasser empor, und wieder andere schritten über den Krakower See, als ob sie auf der Uferpromenade unterwegs wären. Du hast richtig geraten - das waren die Krakower Gespenster.

Ein menschlicher Beobachter hätte entweder schreiend die Flucht ergriffen oder fix die sensationslüsterne Presse alarmiert, denn jene Wesen, die sich am Borgwall-Ufer in einem Halbkreis niederließen, sahen echt krass aus.

„Sind wir jetzt alle da?“, hauchte der untote Fürst von Werle mit hohler Stimme, als die Krakower Kirchturmuhr – dingdong - die Mitternacht verkündete. Er trug eine schwarze Lederkappe auf seinen weißen Haaren, was farblich gut mit dem weißen Hemd, dem schwarzen Wams und den braunen, hirschledernen Hosen harmonierte, die in kniehohen staubigen Reitstiefeln steckten. An seinem Gürtel hing ein kurzes Schwert, das seiner Meinung nach zu seiner hohen Stellung gehörte wie das Ei zum Huhn. Würdevoll thronte der Fürst auf seinem handzahmen, klapperdürren Rappen und versuchte vergeblich, die Anwesenden erfolgreich zu zählen.

„Wenn du in der Schule früher besser aufgepasst hättest, dann könntest du das“, nörgelte eine krächzige Stimme. Gleichzeitig vernahmen alle das Klimpern von Geldstückchen. „Dummer Kerl. Will hier die Versammlung leiten, aber ist zu doof zum Zählen!“

„Aha, die hartherzige Kauffrau aus dem Hallaliter Forst ist also hier“, murmelte der Fürst, indem er sie in Gedanken als anwesend abhakte. „Bitte, meine Gnädigste, würden Sie nicht so laut mit Ihren Talern klimpern? Man hört Sie ja bis ins Fischerbruch!“

Die Kauffrau grinste spöttisch. Sie raffte mit einer anmutigen Handbewegung ihren langen, schwarzen Mantel bis zum Knöchel hoch, was zum erneuten Talerklimpern führte, gestattete den Anwesenden einen kurzen Blick auf eine hübsche gelbe Bluse und einen blauen Leinenrock und nahm gelassen auf einem trockenen Baumstumpf Platz. Ihre weißen Haare verbarg sie unter einer roten Haube, die mit Gold- und Silberfäden bestickt war.

„Woher haben Gnädigste denn schon wieder die neuen Kleidungsstücke?“, knurrte der Fürst mit finsterer Miene. „Oder anders ausgedrückt: Von welcher Wäscheleine fehlt da schon wieder was?“

„Zankt euch nicht. Wir haben nur bis ein Uhr Zeit!“, warnten die Zwerge von Linstow mit ihren hellen Stimmchen. Sie traten einhellig in grüner Jägerkluft auf und wimmelten so munter durcheinander, dass der Fürst sie lieber nicht einzeln durchzählte, sondern nur zur Kenntnis nahm, dass sie heute Abend nicht fehlten.

„Genau. Sonst müssen wir womöglich wieder 100 Jahre lang warten, bis sich ein geeigneter Kandidat für uns findet“, brummte der Riese Jörn mit tiefer Stimme. Seine Kleidung erinnerte an die der freien Bauern – kariertes, reinliches Hemd, helle Leinenhose, derbe Arbeitsschuhe. Da er fast drei Meter lang war, aber kein Angeber, hockte er sich auf die Erde, um sich ein bisschen kleiner zu machen. Trotzdem überragte er die Anwesenden wie ein Turm. Seine feuerroten Haare leuchteten im Mondlicht wie eine magische Fackel.

Zustimmendes Gemurmel gab ihm recht. Der Fürst von Werle erkannte die Stimmen und schloss in Gedanken die Anwesenheitsliste ab: Den grünhaarigen, ewig schmuddeligen Poltergeist von der Wassermühle, den unschuldig gehängten Schäfer vom Gerichtsberg, der stets komplett weiß auftrat, den spukenden Grenzgänger von Linstow, der seinen Grenzstein heute wie einen Hocker benutzte, und die zwei Raubritter derer von Hahn in ihrer schwarzen Lederkluft. Natürlich waren auch die unschuldig gemordeten Verwandten des Werler Fürsten gekommen. Sein Bruder Johann vom Buchengrund (vom Ol Slott gegenüber von Möllen) und dessen zwei ermordete Söhne Heinrich und Kunibert gaben mal wieder maßlos an, indem sie ihre abgeschlagenen Köpfe unterm Arm hielten. Ihre Schimmel trugen die Hufeisen verkehrt herum.

„Einverstanden, meine Freunde“, sprach der Fürst. „Lasst uns Frieden halten. Kein Streit mehr in dieser Geisterstunde. So, und hier kommt nun meine wichtigste Frage: Wer von euch hat in den letzten 100 Jahren eine würdige Person entdeckt, die wir als neuen Geist in unserer Runde aufnehmen könnten?“

Der Poltergeist aus der Wassermühle Kuchelmiß meldete sich eifrig zu Wort, indem er mit einem mehlbestäubten Finger in der Luft herumstocherte. Er hatte sich wie ein Müller gekleidet und trug sogar eine langzipflige Mütze, die früher gewiss mal weiß gewesen war. „Ich – ich hab einen guten Vorschlag, Chef! Warum nehmen wir nicht die uralte Schäferbuche von Dob…?“

„Blödsinn! Dass du aber auch immer nicht aufpasst! Ein Baum kann kein Geist werden!“

„Aber es gibt doch auch Baumgeister?“, wagte der Gescholtene einen leisen Protest.

Der Fürst winkte ungeduldig ab. „Vergiss es. Weitere Vorschläge?“

„An der Buche hat sich mal einer erhängt“, wusste der Schäfer. „Wenn wir den …?“

„Der wird aber mit nichts Denkwürdigem in Verbindung gebracht! Nicht mal mit seinem letzten Mittagessen! Liebwerte Kauffrau, was habt Ihr da hinter Eurem Rücken versteckt? Zeigt her!“

Die Kauffrau zog einen Flunsch, gehorchte aber. „Ich hab sie vorhin am Stadtausgang von Krakow gefunden. Es ist eine braune Schultertasche aus Leder, wie sie die Frauen heute tragen. Bestimmt ist eine Geldbörse drin! Und da dachte ich – nun ja, ich dachte, bei meinem ehrenwerten Beruf …“

„Ihr seid wirklich unverbesserlich“, schimpfte der Fürst. „Gieriges Weibsbild. Kein Wunder, dass man Euch in einen herzlosen Kredstein verwandelt hat. Gebt schon her. Wer weiß, vielleicht ist der Besitzer dieser Tasche ja unser neuer Kandidat? Wir wollen sie reihum gehen lassen und mit unserer Geisterkraft ertasten, was für einem Menschen sie gehört.“

Er wühlte in der Tasche, schloss aber dabei die Augen. „Fantastisch“, flüsterte er. „Ich rieche eine Zeit voller Abenteuer. 37 aufregende Jahre! Hier, wenn ich diesen Kalender befühle, kann ich auch alle seine Vorgänger spüren!“

„Sprich, was kannst du erkennen?“

Die Geister rĂĽckten voller Spannung dichter an ihren FĂĽrsten heran.

„Ich gehe etwa 40 Jahre zurück und sehe ein Gebäude, einen langweiligen grauen Klotz. Max Zimmering, heißt er. Komischer Name für ein Haus. Am Krakower Stadtausgang … Oh, aber er verwandelt sich! Unser Kandidat muss zaubern können! Er gewinnt Macht über das Gebäude und es wird bunt wie die Blumen, die meine Frau zur Kindstaufe trug!“

Er reichte die Tasche ehrfĂĽrchtig weiter.

„Ich spüre weitere Veränderungen in der Zeitschiene. Das Haus wurde neu bemalt. Neuer Putz und bunte Türen“, knurrte Jörn, der als nächster die Stöbererlaubnis bekam. „Der Eigentümer der Tasche stand nicht auf bunte Türen, ich rieche es deutlich. Aber schließlich gefielen sie ihm doch ganz gut. Oh, an jenem Haus muss es auch eine Art Turnierplatz gegeben haben. Erst war er nicht besonders schön, aber die bewusste Person sorgte für eine Erneuerung. Hä? Da haben Kinder Turnierwettkämpfe gemacht? Ballsport, laufen, springen? Spinnen die?! Und einen Kraftraum für die Gören? Gibt’s denn keine Ritter mehr? Komische Zeiten, heutzutage!“

„Cooles Training, rumpel, pumpel. Ich hätte mich dort bestimmt wohl gefühlt“, behauptete der Poltergeist. „Auf dem Hof hat unsere Person übrigens nicht nur für Bäume und Bänke, sondern auch für tolle Spielgeräte gesorgt. Tischtennis, Klettergerüste, schmuseweiche Bälle ... Hm, die sind leider viel zu weich, davon geht doch keine Fensterscheibe zu Bruch. Aber trotzdem! Ich liebe es zu spielen!“

„Bestimmt lässt es sich in dem Haus auch gut spuken“, wisperte der spukende Grenzgänger von Linstow. Er befummelte mit spinnenbeinlangen, blassen Fingern ein dickes Schlüsselbund, um die Eingebung zu erhalten. „Ich erspüre nämlich neue Vorhänge und Rollos, die unser Kandidat vor die Fenster gehängt hat. Tagsüber Dunkelheit machen? Für einen zukünftigen Geist ist das kein schlechter Einfall, findet ihr nicht?“

Die zwei schwarzen Raubritterbrüder setzten sich ihre Köpfe wieder auf, entrissen dem Grenzgänger grob die Tasche und schnüffelten in einem Seitenfach herum. „Hier, rote Stifte! Lecker! Ob die mit Blut schreiben?“

„Nö, das ist Tinte“, sagte die Kauffrau. Sie kicherte albern. „Sagt mal, merkt ihr dummen Kerle denn nix? Eure Person ist eine Frau! Sie hat den Kindern in ihrem Haus so was gegeben wie - Kompu-kantinette–Kabifette? - Ach, ich kann die neumodischen Wörter nicht!“

„Viele denkwürdige Dinge hat die Frau in ihrem Leben gemacht, ja. Sie hat aber auch vieles getan, was geisterunwürdig ist“, klagte Jörn. „Ich spüre es in ihrem Terminkalender und in denen, die vor ihm waren. Sie hat dauernd frische Bücher für die Kinder beschafft – ich bitte euch, liebe Geisterkollegen, wozu müssen die Gören so viel wissen?! – und sie hat den alten düsteren Innenhof des Hauses in ein Atrium verwandeln lassen, so dass dort Licht hinein kam und alle Spinnen ausziehen mussten. Dafür kamen die Kinder auf die Idee, darin zu tanzen und zu singen. Manchmal reisten die Gören auch bis nach Polen, und einmal kam sogar ein Zirkus zu Besuch. Nein, liebe Freunde. Das reicht nicht, damit dieser Kandidat ein Gespenst werden kann."

„Denkt trotzdem alle noch mal nach", befahl der Fürst. „Hat diese Frau denn nicht mal was richtig fieses Böses gemacht? Etwas, wofür sie von uns zum geistermäßigen Herumspuken verdammt werden kann?“

Jörn schüttelte den Kopf. Betrübt klappte er die Schultertasche zu.

„Oder gab’s zumindest mal was schrecklich Schlimmes, was man ihr anhängen könnte, so wie bei mir?“, grübelte der unschuldig gehängte Schäfer von Hinzenhagen.

„Leider gar nix. Was hat denn die Frau überhaupt für einen Beruf?“, fragten die Zwerge.

Alle Geister stĂĽrzten sich erneut auf die Tasche und durchwĂĽhlten sie so lange, bis sie die Adresse des Hauses auf einem Briefumschlag fanden: Von der Schule.

Betretenes Schweigen …

„Äh, also – ich glaub, ich bin dann doch dafür, dass wir den Baumgeist der sterbenden Schäferbuche von Dobbin als Neuen in unserer Runde aufnehmen“, seufzte der Fürst von Werle. „Der hat dann zwar null Unterhaltungswert für uns, weil er als Baum sein Leben lang nix getan hat und bei allem immer nur brav abseits gestanden hat. Das ganze Gegenteil von dieser seltsamen Schulfrau also. Trotzdem – die passt nicht zu uns! Überhaupt nicht! Ich frage euch also: Wer stimmt für den Baum?“

Alle Geister knurrten zustimmend.

Der Fürst von Werle nickte zufrieden, denn er hatte nichts anderes erwartet. Er stieg von seinem dürren Rappen herab, der ihn die ganze Zeit über geduldig getragen hatte, und zog eine braune Pergamentrolle aus der ledernen Satteltasche. Sie raschelte leise in seinen Händen und roch nach guter, schwerer Erde. Feierlich erbrach er unter den aufmerksamen Blicken der Zuschauer das gelbe Wachssiegel.

Und dann warteten die Geister – aber nicht auf den ersten Glockenschlag der Krakower Kirchturmuhr, oh nein. Bis dahin war noch eine gute Viertelstunde Zeit, das spürten sie alle tief im Innersten ihrer Knochen. Nein, erst würde noch etwas anderes passieren. Etwas Wichtiges. Etwas, was nur einmal in einhundert Jahren geschah. Sie lauschten angespannt und strengten ihre untoten Augen ungeheuer an, denn jeder wollte der Erste sein, der es entdeckte. Besonders genau beobachteten sie den Krakower See. Noch war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Der Vollmond spiegelte sich kreisrund und gelb auf der ruhigen, kaum gekräuselten Wasserfläche. Die mannshohen, dicht aneinander gedrängten Schilfhalme am Ufersaum erinnerten an ein reifes Ährenfeld. Das trockene Röhricht wiegte sich raschelnd im leichten Nachtwind. Ein Waldkauz flog schweigend vorüber. Ein Jagdhund bellte weiter weg am Wadehäng, danach rettete sich ein Tier platschend ins Wasser der Schilfzone. Doch dann - die Kauffrau hörte es zuerst - erwachte eine Ente mit einem empörten Gaak aus ihrem Schlaf. Ein kurzer, goldener Lichtblitz vor ihren Augen hatte sie aufgeweckt. Vor Schreck entschied sich die Ente für die beste Verteidigungsstrategie, die sie kannte: Sie stellte sich tot. Denn das, was sie soeben gesehen hatte, konnte es eigentlich gar nicht geben. An ihrem Schlafplatz flog nämlich ein goldener Füller vorbei. Da er jedoch offenbar nichts von ihr wollte, sondern hinüber zum Ufer schwebte, beruhigte sich die Ente wieder.

Die Geister beobachteten neugierig, wie sich der seltsame Füller lautlos näherte. Elegant und ohne sie zu berühren, umkurvte er die Schilfhalme, gewann die freie Uferzone und hielt unbeirrt auf die Ansammlung der Untoten zu.

„Wer darf es wohl diesmal aufschreiben?“, flüsterte der Schäfer.

„Und damit den Baumgeist in unsere Runde aufnehmen?“, quarrte der Poltergeist.

„Und für die nächsten 100 Jahre unser Anführer sein?“, brummte der Riese Jörn.

„Ich natürlich“, zischte der Fürst von Werle.

Er hatte inzwischen die Pergamentrolle geöffnet, auf der die Namen aller Krakower Geister aufgelistet waren. Damit das störrische Papier glatt auf dem Boden liegen blieb und sich nicht wieder in seine gewohnte Form zurückrollte, an die es seit 100 Jahren gewöhnt war, hatte der Fürst es an den Seitenrändern mit Steinen beschwert. Jedes Gespenst konnte sehen, in welcher Zeile sein eigener Name verzeichnet war. Gestalterische Unterschiede gab es durchaus - Jörns Name fiel mit besonders großen Buchstaben sofort ins Auge, die Namen der Zwerge waren kleiner, dafür aber kunstvoller. Alle Anfangsbuchstaben hatte der Fürst mit schönen Schnörkeln gemalt und die Seitenränder der Rolle zierten Ornamente. Sie stellten verschiedene Tiere und Blumen dar, zum Beispiel Adler und Dachse, Rosen und Gänseblümchen. Der Fürst streckte erwartungsvoll die knochige Hand nach dem Füller aus, um mit ihm den Baumgeist aufzuschreiben.

„Pfoten weg! Du bist schon viel zu lange unser Anführer!“, murrte die Kauffrau. Sie war von ihrem Baumstumpf aufgestanden und hatte sich direkt neben den Fürsten gestellt. Bei jeder Bewegung klimperten die Geldstücke verheißungsvoll in ihren Manteltaschen. Mit gierigen Blicken betrachtete sie abwechselnd die Pergamentrolle zu ihren Füßen und den gemächlich herannahenden Füller.

„Zeit für was Neues, möchte ich meinen!“, krächzte sie.

„Aber nicht für ein dummes Weibsbild!“, widersprach der Fürst ruhig. „Ich lass mir doch von einer Frau nichts sagen.“

Die Kauffrau ließ ihm das letzte Wort. Sie passte genau auf, welche Flugbahn das Objekt ihrer Begierde nahm, und als der Füller sanft schaukelnd an ihr vorbeiflog, mit dem Ziel, sich in die Hand des Fürsten zu schmiegen, grabschte sie zu und fischte das Schreibgerät aus der Luft.

„Hab ihn!“, schrie sie triumphierend. „Haha! Alles hört auf mein Kommando!“

Ein empörtes Raunen lief durch die Runde der Krakower Geisterschar. Wie gelähmt starrten alle auf den Füller in der Hand der Kauffrau.
Der Fürst von Werle jedoch handelte. Mit einer fließenden Bewegung, die man seinen alten Knochen gar nicht zugetraut hätte, zog er sein Schwert und führte einen gezielten Schlag gegen die dreiste Diebin.

„Autsch!“, schrie sie, als ihre Hand unter der Wucht der Klinge zerbrach. Freilich war das nicht weiter schlimm, denn ihre Geisterknochen merkten sofort, was passiert war. Sie orientierten sich, fügten sich brav zusammen und – schwupps, war die Hand wieder ganz.

Etwas anderes war viel schlimmer – der magische Füller hatte dem Schwertschlag ebenfalls nicht standgehalten. Seine Einzelteile lagen goldblitzend den erschrockenen Geistern zu Füßen – die Füllerkappe, die vordere Hälfte des Füllerschaftes mit der eleganten Schreibfeder, die goldfarbene Tintenpatrone und die hintere, nunmehr leere Hälfte des Schaftes. Die gesamte Oberfläche des Füllers bedeckten eingravierte Runenzeichen. Sie leuchteten feurig, seit das Unglück geschehen war. Das sah schön und schrecklich zugleich aus.

„Auweia. Was nun?“, hauchten die Zwerge.

„Das ist ja wohl klar! Ich bleibe für immer euer Anführer!“, knurrte der Fürst von Werle. Scheinbar gelassen steckte er sein Schwert weg. Seinen eigenen Schrecken verbarg er. „Und neue Geister nehmen wir nicht mehr auf. Basta!“

„Du glaubst also, du kannst den magischen Füller zerstören, aber alles bleibt trotzdem so, wie es ist? Träum weiter!“, zischte die Kauffrau. Ehe es jemand verhindern konnte, griff sie sich die Füllerkappe. Im selben Moment ertönte der metallische Gong der Krakower Kirchturmuhr: „Dingdong!“ Der weithin hallende Glockenschlag verkündete das Ende der Geisterstunde.

„Oh nein!“, stöhnte der Fürst von Werle. Erschrocken bemerkte er, wie sich seine Füße auflösten, dann kamen die Beine dran, gefolgt vom Unterleib. Es ging alles rasend schnell, aber es tat trotzdem weh, ungefähr so, als ob einen die Schwerthiebe des Feindes trafen. Dagegen konnte er sich nicht wehren. Bloß denken konnte er noch, jedenfalls solange, wie er seinen Kopf noch hatte. Selber schuld! Er hatte zu Lebzeiten Böses getan, und dafür musste er nun büßen. Es war das übliche Gespensterschicksal. Rumspuken und Leute erschrecken. In alten Türmen, Torbögen oder Herrenhäusern hausen, überall dort, wo ein Geist Unterschlupf fand. Monat um Monat, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert. Irgendwie wurde das mit der Zeit langweilig. Bloß gut, dass er alle hundert Jahre die anderen Geister treffen konnte!

Aber nun hatte er den magischen Füller zerbrochen. Mist, verflixter. Was war er doch für ein Unglücksrabe! Natürlich würde es Veränderungen geben, da hatte die alte Hexe von Kauffrau schon recht. Aber was würde passieren? Musste er nun ständig allein bleiben? War es vorbei mit den Treffen in der Mittsommernacht? Oder hatte etwa die verfluchte Hexe längst die Herrschaft übernommen?

Er fand es nicht mehr heraus, denn nun löste sich sein Kopf auf.

Den anderen Geistern erging es ähnlich. Sie beobachten besorgt, wie sie zerflossen und hofften inständig, dass sie diesmal wenig Schmerzen haben würden. Keiner achtete mehr auf den Nachbarn. Jeder war nur noch mit sich selbst beschäftigt. Niemand hätte beschwören können, wer denn nun die Pergamentrolle und den magischen Füller an sich genommen hatte. War es der Fürst? Oder doch die hinterlistige Kauffrau? Oder womöglich der pfiffige Poltergeist? Und was für Unfug konnte derjenige mit diesen Dingen treiben?

Keiner wusste es genau. Es war zuletzt alles so schnell gegangen.

Auf der Borgwall-Insel lag jedenfalls nur noch eine herrenlose braune Schultertasche. Natürlich ohne Geldbörse.

Marianne Thiele

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Last Updated (Sunday, 05 May 2019 14:53)