Der Anfang

Kommt mit in den Hohen Norden, liebe Kinder. Dort sieht es aus wie im Reich der Schneek√∂nigin. Das Polarmeer und die Tundra sind eine einzige riesige Ebene aus Eis und Schnee, eine kalte W√ľste ohne Ende und ohne Anfang. Polarlichter tanzen im Winter wie bunte Geister √ľber den n√§chtlichen Himmel, und die Menschen kleiden sich in Robben- und Eisb√§renfelle, denn nur das h√§lt sie bei minus drei√üig Grad warm.

Aber das wissen wir doch alles, denken jetzt einige von euch. Da oben im Norden liegt Grönland, und da leben Moschusochsen und Schneehasen, Wale, Raubmöwen und Schnee-Eulen, Eisbären und Robben, Eishaie und andere Fische.

Oder etwa nicht?

Der Rabe, der gerade √ľber der eisigen Hochebene kreiste, h√§tte sich auch gew√ľnscht, all diese Tiere sehen zu k√∂nnen. Doch die Tundra war leer, und das Meer war es auch, seit drei√üig Tagen schon. Es gab nichts zu jagen und nichts zu fressen, rein gar nichts, f√ľr niemanden.

Doch, da lebte noch etwas. Die scharfen Rabenaugen erblickten vier Hundeschlitten, die sich aus verschiedenen Richtungen auf einander zu bewegten. Ein Schlitten kam von der westlichen Eismeerk√ľste, der zweite vom Sichelgletscher aus dem Norden, der dritte von der Packeisebene des Ostens und der vierte aus den s√ľdlichen Mooren. Das Ziel aller Schlittenf√ľhrer war die Eskimosiedlung Igaliku, und sie w√ľrden dort in einer Stunde ankommen.

Der Rabe hatte genug gesehen. Er gab seinen luftigen Beobachtungsposten auf und flog selbst zur Siedlung. Kurz vorher setzte er pl√∂tzlich zur Landung hinter dem Schneehasenh√ľgel an, wo er spurlos verschwand.

Wenig sp√§ter kehrte eine alte Frau mit bed√§chtigen Schritten aus der Tundra zur√ľck. Sie hatte wohl am Schneehasenh√ľgel auf die Schlitten gewartet. Ihr gro√ües, mit Fellen bedecktes Wohnzelt stand etwas abseits von den anderen. Es geh√∂rte dem Schamanen.

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Der Plan

Die Schlittenf√ľhrer k√ľmmerten sich nach ihrer Ankunft zuerst um die m√ľden Schlittenhunde. Danach trafen sich alle Menschen der Siedlung ‚Äď die J√§ger, Gro√üeltern, Frauen und Kinder - im Schamanenzelt von Gro√ümutter Norna. Darin roch es nach Robben- und Eisb√§renfell, nach Leder, Kr√§utern, Rauch und Essen. Die Stammes√§lteste erwartete ihre G√§ste zusammen mit J√∂lund, ihrem 12j√§hrigen Enkel. Auf dem Herdfeuer dampfte eine leckere Schneehasensuppe, und es gab f√ľr alle hei√üen Tee.

Woher Gro√ümutter Norna in der Zeit der Not noch Essen f√ľr alle herzaubern konnte, das blieb freilich ihr Geheimnis.

Jölunds Onkel, der Jäger Kro, betrat als einer der letzten das Zelt. Er war eine imposante Gestalt, stark und groß, aber seine Augen blickten kalt und berechnend.

In seiner Begleitung war Jara, eine Waise. Sie hatte lustige blaue Augen und zwinkerte J√∂lund zur Begr√ľ√üung sofort aufmunternd zu. Die beiden waren nicht nur gleich alt, sondern auch beste Freunde. Seit Onkel Kro Jara die Eltern ersetzte, weil diese bei einem Jagdunfall vor einem Jahr ums Leben gekommen waren, besuchten die Kinder einander jeden Tag.

Onkel Kro und Jara holten sich Schneehasensuppe und Tee. Sie setzten sich zu J√∂lund. Nun sahen alle neunzehn Stammesmitglieder Gro√ümutter Norna erwartungsvoll an. Sie war nicht nur die √Ąlteste, sondern sie versah auch seit drei√üig Tagen stellvertretend f√ľr J√∂lunds Vater alle Aufgaben als Schamanin. Daher begr√ľ√üte sie die vier Familien als Oberhaupt, dankte den J√§gern f√ľr ihre Suche und bat sie, davon zu berichten.

Leider hatte niemand gute Nachrichten. Es gab kein Wild in der Tundra und an den K√ľsten. Es gab nicht mal Fische im Meer. Und J√∂lunds Eltern hatte auch niemand entdeckt.

J√∂lund verbarg seinen Kopf in Gro√ümutters Armen. Tr√∂stend strich sie ihm √ľber sein kurzes, rabenschwarzes Haar. Beide wussten ohne Worte, was sie einander sagen wollten.

J√∂lunds Vater war der Schamane des Rabenclans. Seit drei√üig Tagen waren er und Mama nun schon fort, auf Jagd, und kaum jemand glaubte noch an ihre R√ľckkehr. Und als ob der Verlust ihres Schamanen noch nicht schlimm genug w√§re, hatte den Stamm seitdem auch das Jagdgl√ľck verlassen. So konnte es nicht weitergehen. Die Familien mussten dringend einen neuen Anf√ľhrer w√§hlen, und niemand zweifelte daran, dass es nur einen Bewerber gab: Kro, Nornas zweiten Sohn.

Sicher, er war ein ausgezeichneter J√§ger. Zaubern und mit den Geistern sprechen, das konnte er auch. Aber konnte Kro wirklich ein Schamane werden, ein w√ľrdiges Oberhaupt der Sippe? Fast alle im Rabenclan bezweifelten es. Freundlich und hilfsbereit war Kro eigentlich nur, wenn Norna in seiner N√§he war. Doch es gab nun mal keinen anderen Bewerber!

‚ÄěMama und Papa leben. Ich wei√ü es‚Äú, fl√ľsterte J√∂lund.

‚ÄěDer weise Rabe denkt das auch‚Äú, best√§tigte Gro√ümutter. Sie entlie√ü den Enkel aus ihrer Umarmung. Die anderen Familien horchten bei der Erw√§hnung des Raben auf. Man h√§tte das Herunterfallen einer Nadel geh√∂rt, so leise war es im Schamanenzelt geworden.

‚ÄěDer Rabe, Gro√ümutter?‚Äú, forschte J√∂lund. ‚ÄěHast du ihn gesehen? Was hat er dir gesagt?‚Äú

‚ÄěNun ja, wir haben uns da drau√üen vorhin unterhalten‚Äú, antwortete Norna ruhig. ‚ÄěEr versicherte mir, dass deine Eltern leben, aber ein Fluch hat sie getroffen, und deshalb k√∂nnen sie nicht nach Hause kommen.‚Äú

Jölund stockte bei dieser Nachricht vor Aufregung der Atem.

Mama und Papa lebten also. Das war schon mal gut. Er hatte es ja eigentlich immer gewusst. Mit dem Fluch, das war nat√ľrlich weniger sch√∂n.

Der Rabenclan √ľberlegte nun gemeinsam, welcher Fluch es sein k√∂nnte. Man konnte freilich nur spekulieren, aber das war immerhin noch besser als nichts. Man einigte sich darauf, dass Sedna, die Meeresg√∂ttin, vermutlich erz√ľrnt war.

‚ÄěKann man sie nicht wieder freundlich stimmen, Gro√ümutter?‚Äú, forschte J√∂lund.

‚ÄěDas ist nicht so einfach‚Äú, gab Norna zu bedenken. ‚ÄěIn Sednas langen, schwarzen Haaren sammelt sich wie Pech alle Bosheit, die es in der Welt gibt. Bei zu viel Bosheit bleiben an dem Pech irgendwann alle Tiere kleben, die wir eigentlich jagen wollen ‚Äď die Fische, Robben, Schneehasen und so weiter. Sie sind dann alle unten in Sednas Wasserreich gefangen. Nur ein mutiger Schamane k√∂nnte sie erl√∂sen. Er m√ľsste zu Sedna gehen, ihr das klebrige Pech aus den Haaren k√§mmen und mit dieser guten Tat die gefangenen Tiere befreien. Aber wer von uns k√∂nnte dieser Schamane sein? Ich bin f√ľr dieses Abenteuer schon zu alt. Du, J√∂lund, bist zu jung ‚Ķ‚Äú

Alle Augen richteten sich auf Kro.

‚ÄěAuf keinen Fall‚Äú, wehrte dieser emp√∂rt ab. ‚ÄěWir wissen doch gar nicht, ob die Sache mit dem Fluch wirklich stimmt! Aber ich mache euch einen anderen Vorschlag. Wenn sich in drei Tagen noch immer keine Fische in unseren Netzen fangen und wir weder Robben noch Rentiere sehen, brechen wir unser Lager ab und ziehen fort. Ich werde euch als euer neuer Schamane anf√ľhren. Das ist der Plan. Hat jemand etwas dagegen?‚Äú

‚ÄěJa. Ich!‚Äú, sagte J√∂lund.

√úberrascht sahen ihn alle an. Jara schlug vor Schreck beide H√§nde vor den Mund. Kros Augen glitzerten, als ob darin Eissplitter w√§ren. Und Gro√ümutter sch√ľttelte nachdenklich ihr wei√ühaariges Haupt.

‚ÄěIch m√∂chte meine Eltern suchen. Wenn sie noch leben, finde ich sie!‚Äú, beschwor J√∂lund seinen Clan.

Abwehrendes Gemurmel hob an. Kro gebot mit einer Handbewegung Schweigen. Er sah J√∂lund genau in die Augen, als er entschied: ‚ÄěDann geh. Brich noch in dieser Stunde auf. Du hast genau drei Tage Zeit. Aber wenn du nicht p√ľnktlich zur√ľckkommst ‚Ķ‚Äú

Den Rest ließ Kro offen.

Die gefährliche Gletscherspalte

Schnee stob unter den Kufen hervor. Der Schlitten flog so geschwind wie eine Raubm√∂we √ľber die verschneite Tundra. Dicke Schneewolken bedeckten den ganzen Himmel, erste Flocken wirbelten, und es war sp√ľrbar k√§lter geworden. Schlechtwetter k√ľndigte sich an. Die beiden Huskys Nanuk und Kuska gaben ihr Bestes, um ihr Herrchen so schnell wie m√∂glich an die Eismeerk√ľste zu bringen. Dorthin hatten Mama und Papa gewollt, und dort wollte J√∂lund mit seiner Suche beginnen.

Aufmerksam beobachtete er die Strecke, um sofort eingreifen zu k√∂nnen, falls ihm Gefahr durch gef√§hrliche Gletscherspalten oder t√ľckische Steine drohte. Trotzdem h√∂rte er, wie der Schlitten hinter ihm hustete.

Aber nein, das konnte nicht sein. Oder war da etwa …?

Da, schon wieder!

‚Äě√Ąh- haptschi!‚Äú

Nun reichte es. Jölund hielt erst die Hunde an, dann drehte er sich um und betrachtete stirnrunzelnd die Ladung, die er zusammen mit Großmutter im Schlittenheck verstaut hatte. Spaten, Jagdmesser, die Hasenfalle und das kleine Fischernetz. Okay. Getrocknetes Fleisch und Trockenbeeren. Speck, Streichhölzer, Holz, ein Kochtopf. Gut. Und Großvaters Jagdgewehr. Darauf war er besonders stolz. Ja, aber das Weiße, Pelzige daneben, das hatten Großmutter und er nicht aufgeladen. Moment, war das etwa …?

Das Wei√ü-Pelzige entrollte sich wie eine Schnecke, es bekam einen Kopf, Arme und Beine, und dann sagte es mit Jaras Stimme: ‚ÄěErwischt!‚Äú

Jölund fiel vor Schreck vom Schlitten.

Als er sich schimpfend wieder hochgerappelt hatte, stand Jara neben ihm und strahlte ihn an. ‚ÄěBeruhige dich‚Äú, sagte sie munter. ‚ÄěKro ist froh, dass er mich los ist, deine Gro√ümutter ist froh, dass du nicht alleine bist und ich bin froh, dass ich dir helfen kann. Los, nun sag schon, dass du dich auch freust!‚Äú

Den Gefallen tat J√∂lund ihr zwar nicht, aber die Fahrt ging trotzdem weiter ‚Äď und nun waren sie zu viert.

Es war Jara, die das Problem zuerst sah. J√∂lund z√ľgelte auf ihren Zuruf sofort die Huskys, und dann standen sie ratlos vor der eisigen Gletscherspalte. Sie war entsetzlich tief. Endlos breit war sie auch. Links und rechts war √ľberhaupt kein Ende abzusehen. Auf die andere Seite springen ging nicht, und hin√ľberklettern auch nicht. Erstens war das supergef√§hrlich. Und zweitens h√§tten die Hunde und der Schlitten zur√ľckbleiben m√ľssen.

Ratlos sahen die Kinder einander an. Aber keiner wollte aufgeben. Irgendwie musste eine Lösung her!

Pl√∂tzlich tat sich in den Wolken eine L√ľcke auf, und die Sonne beleuchtete genau die Schlucht. Jara kniff die Augen zusammen, denn in dem Licht hatte sie ein paar Meter weiter rechts etwas entdeckt, was ihr vorher nicht aufgefallen war. Und tats√§chlich ‚Äď es blieb an derselben Stelle, und es glitzerte eisig, genau da, wo der Sonnenfinger hinzeigte.

‚ÄěJ√∂lund, sieh doch nur! Eine Eisbr√ľcke! Und sie f√ľhrt genau √ľber die Spalte!‚Äú

Es war ein Gl√ľcksfall, und es war auch verr√ľckt. Wer konnte wissen, wie viel Last diese sogenannte ‚ÄěBr√ľcke‚Äú zu tragen vermochte? Sie war so hart und so d√ľnn wie J√∂lunds Messer, und sie war ein bisschen breiter als der Schlitten - und ihre einzige Chance, wenn ihre Suche hier nicht enden sollte.

Also wagten sie das Unmögliche.

J√∂lund schickte zuerst die Hunde hin√ľber, einen nach den anderen. Dann kroch Jara hinterher. Der Junge folgte ihr und er hoffte, dass seine Freundin nicht sah, wie sehr ihm die Knie zitterten. Zuletzt zogen sie den Schlitten ganz, ganz langsam an einem Seil zu sich her√ľber. Die Eisbr√ľcke knackte drohend, aber sie hielt. Erst als der Schlitten sicher vor ihnen stand, zerbrach sie an mehreren Stellen, und die Eisst√ľcke, die eben noch eine Br√ľcke gewesen waren, krachten dr√∂hnend in die Tiefe.

Genau in diesem Moment, als sie dachten, nun wäre das Schlimmste vorbei, verschluckten die Wolken das Sonnenlicht, es wurde schlagartig Nacht, und der Eissturm schlug los.

Der Eissturm in der Nacht

Es gelang den vier, sich in eine verlassene Wolfsh√∂hle zu retten, bevor der Eissturm ordentlich in Fahrt kam. Ihnen wurde schnell entsetzlich kalt. Ein w√§rmendes Feuer konnten sie nicht entfachen. Der Wind h√§tte ihnen die Z√ľndh√∂lzer aus den H√§nden gerissen, bevor sie auch nur ein Fl√§mmchen zustande gebracht h√§tten. Da holten die Kinder Nanuk und Kuska zu sich in den warmen Schlafsack aus Eisb√§renfell, und alle vier sch√ľtzten sich gemeinsam vor dem heulenden Wind, vor der bei√üenden K√§lte, vor dem umherstiebenden Schnee und vor dem klirrenden Eis.

Schlaflos verbrachten sie die Nacht.

Der Morgen zeigte ihnen eine Welt, die anders war als am Tag zuvor. Glitzernde Eiskristalle bedeckten den Boden der Tundra, glasklare Eiszapfen schm√ľckten die dick verschneiten Felsen, die gestern nur glatt, schwarz oder mit bunten Flechten verziert gewesen waren. Der Himmel war heute hoch und blau, wolkenlos und freundlich. Die warme Sonne lie√ü die vier Abenteurer bald die K√§lte der Nacht vergessen.

Sie fr√ľhst√ľckten Trockenfleisch und Beeren. Die Huskys spielten vor der Wolfsh√∂hle Versteck und Fangen. Jara f√ľllte Schnee in den Topf und lie√ü den Schneematsch √ľber einem Feuer schmelzen. Aus dem Wasser bereiteten sie sich hei√üen Brombeerbl√§ttertee zu.

‚ÄěZeit aufzubrechen‚Äú, mahnte J√∂lund, als sie alle warm und satt waren. ‚ÄěWir haben nur noch zwei Tage, um Mama und Papa nach Igaliku zur√ľckzubringen.‚Äú

Jara nickte und rief die Hunde zum Gespann.

Diesmal war es J√∂lund, dem etwas Seltsames zuerst auffiel. Beim Bepacken des Schlittens entdeckte er im Schnee neben ihrem Lagerplatz etwas Schwarzes. Als er sich b√ľckte und die Hand darauf legte, da f√ľhlte er Federn! Es war ein Rabe! Hatte der kluge Vogel genau wie sie eine Zuflucht gesucht, es aber nicht mehr bis in die H√∂hle geschafft?

Jara half ihrem Freund. Gemeinsam befreiten die Kinder den Raben von Eis und Schnee. Er lebte, sein Vogelherz schlug, aber nur schwach. Essen und trinken konnte er noch nichts. Das M√§dchen steckte den Raben mitleidig unter ihren Mantel. Ihre K√∂rperw√§rme w√ľrde ihm guttun und ihm wom√∂glich das Leben retten. J√∂lund feuerte Nanuk und Kuska an, und weiter ging die Fahrt zur Eismeerk√ľste. Nun waren sie schon zu f√ľnft.

Die Eismeerk√ľste

Die Freunde erreichten ihr wichtigstes Etappenziel noch am Vormittag des zweiten Tages. Sie parkten den Schlitten auf einem K√ľstenfelsen, den die Wellen und die St√ľrme so glatt wie einen Tisch poliert hatten. Hinter den Kindern blieb die Tundra zur√ľck. Vor ihnen lag das Meer. Es war nicht v√∂llig vom Eis bedeckt. Zwischen den Eisschollen gab es immer wieder genug Platz. Er h√§tte den Robben und Eisb√§ren gen√ľgt, um dort Luft zu holen, zum Ausruhen auf eine Eisscholle zu klettern oder von dort ins Wasser zu springen. Aber es gab hier keine Tiere, genau wie es die J√§ger gesagt hatten. Nicht mal ein M√∂wenschrei erklang. Nur die Wellen schlugen in ihrem ewigen Takt an die K√ľstenfelsen. Trotzdem war das Panorama der See unglaublich sch√∂n. Staunend und voller Ehrfurcht betrachteten die Freunde die unendliche Weite des Polarmeeres, bis der Rabe unter Jaras Jacke leise kr√§chzte.

‚ÄěEr will hinaus‚Äú, bemerkte J√∂lund.

Jara gab dem Vogel die Freiheit. Er flog eine Runde √ľber ihren K√∂pfen, kr√§chzte erneut und sah sich auffordernd nach den Kindern um.

‚ÄěKra! Kra!‚Äú

‚ÄěEr will, dass wir ihm folgen‚Äú, stellte J√∂lund fest.

Genau so war es. Der Junge befahl den Hunden, sich nicht von der Stelle zu r√ľhren und den Schlitten zu bewachen. Dann liefen die Kinder dem Raben hinterher. Er f√ľhrte sie etwa dreihundert Meter vom Schlitten fort. Auf dem Felsen, den er zuletzt wie einen Zielpunkt umkreiste, lag etwas. Oder jemand?

Jölund sah Jara ängstlich an. Sie las die bange Frage in seinen Augen und formte mit ihren Lippen lautlos ein: Ja.

Es stimmte. Auf der Klippe, die sanft von den eiskalten Wellen des Meeres geliebkost wurde, lag die Meeresg√∂ttin pers√∂nlich: Sedna. Die beiden Freunde fassten sich ein Herz und wagten es, vor die G√∂ttin zu treten. Was blieb ihnen auch sonst √ľbrig? Wenn jemand wusste, wo sie J√∂lunds Eltern finden konnten, so war es Sedna.

Die G√∂ttin wusste l√§ngst, wer sich ihr gen√§hert hatte, aber sie lie√ü den Kindern genug Zeit, sich zu sammeln. Erst dann schlug sie ihre Augen auf, die so blau waren wie der Himmel. Sie war eine wundersch√∂ne G√∂ttin, aber sie hatte keine H√§nde oder F√ľ√üe, sondern Schwimmh√§ute. Und deswegen konnte sie sich auch nicht das lange schwarze Haar k√§mmen, obwohl sie es gerne ordentlich gehabt h√§tte. Im Moment war es leider ganz verklebt. Es strebte in wirren Str√§hnen nach allen Seiten fort. Als sich die G√∂ttin nun aufrichtete, sahen Jara und J√∂lund, dass sie ein Kleid aus wei√üen Robbenfellen trug. Es sah ganz wunderbar aus, beinahe so, als ob Gro√ümutter Norna es pers√∂nlich f√ľr Sedna angefertigt hatte.

‚ÄěSprecht!‚Äú, befahl die G√∂ttin mit ruhiger Stimme.

Jara sah J√∂lund an, damit er beginnen sollte. Und das tat er, nachdem er noch mal tief Luft geholt hatte. Er lie√ü nichts aus, nicht, wie er seit einem Monat auf seine Eltern wartete, und auch nicht, wie sehr sein Clan die Tiere vermisste und dass alle glaubten, sie h√§tten die G√∂ttin irgendwie erz√ľrnt.

Jara √ľbernahm es, von ihrer Reise zu erz√§hlen, und als sie das geschafft hatte, kam der Rabe herab, setzte sich auf ihre Schulter und blickte Sedna mit klugen Augen an.

‚ÄěKraaah!‚Äú, kr√§chzte er. ‚Äě√Ąh! Aarr! Kr-ha! Kraar!‚Äú

‚ÄěErz√§hlt er Sedna etwa auch etwas?‚Äú, fl√ľsterte J√∂lund. Die Rede des Raben zu st√∂ren, traute er sich nicht.

‚ÄěOh ja, das hat er‚Äú, best√§tigte die G√∂ttin. ‚ÄěEr hat mir erz√§hlt, dass ihr bis morgen zur√ľck sein m√ľsst. Und diese unl√∂sbare Aufgabe hat euch Onkel Kro gestellt, der Mann, der so gerne der neue Schamane sein m√∂chte. ‚Äď Tja, wir werden sehen, was daraus wird. Zuerst einmal m√ľsst ihr mich k√§mmen. Dann k√∂nnen wir √ľber alles andere reden. Nun? Wer will anfangen?‚Äú

Da zog J√∂lund tapfer seinen eigenen Kamm aus der Tasche. Sch√ľchtern n√§herte er sich der G√∂ttin, fasste mit der linken Hand die erstbeste verklebte Haarstr√§hne an und fing an, sie zu entwirren und zu k√§mmen. Oh, wie war sie klebrig. Wenn dieser Klebschiet wirklich von der Bosheit der Menschen kam, dann war es aber allerh√∂chste Zeit f√ľr eine gute Tat. Und so k√§mmte er, bis ihm die Hand erlahmte, dann l√∂ste Jara ihn ab. Ihr tat die G√∂ttin ganz einfach nur leid. Was f√ľr ein √Ąrger, wenn man mit solchen Haaren herumlaufen musste!

Beide Kinder k√§mmten um die Wette, ohne auf die Zeit zu achten, und erst, als das Haar der G√∂ttin wieder seidenweich √ľber ihre Schultern fiel, entschied Jara, dass sie nun fertig w√§ren.

Aber war auch Sedna der Meinung, dass die Freunde ihre Arbeit gut gemacht hatten?

Doch, das war sie. Sie hob ihre Arme, machte geheimnisvolle Bewegungen wie eine Schamanin, und danach kamen die Tiere zur√ľck. Robben h√ľpften auf die Eisschollen, Eisb√§ren schwammen durchs Meer, Fische sprangen aus dem Wasser und M√∂wen kreischten, gl√ľcklich √ľber die neu gewonnene Freiheit.

Dann brodelte es pl√∂tzlich direkt vor dem Felsen, auf dem Sedna stand und zauberte, und die Tiere der Tundra stiegen in einer langen Reihe aus dem Meer: Die Moschusochsen und Rentiere, die Polarf√ľchse und W√∂lfe, die M√§use, Schneehasen und Schnee-Eulen und noch viele andere. Sie alle verneigten sich vor der G√∂ttin, bevor sie in die gro√üe Ebene zur√ľckkehrten, in die sie geh√∂rten.

‚ÄěWir haben es geschafft‚Äú, jubelte Jara √ľbergl√ľcklich.

‚ÄěNicht ganz‚Äú, widersprach die G√∂ttin sanft. ‚ÄěJ√∂lunds Eltern fehlen noch."

Der Fluch des Tupilak

‚ÄěWo sind Mama und Papa?‚Äú, fragte der Junge √§ngstlich. ‚ÄěLeben sie noch?‚Äú

Der Rabe setzte sich auf Jölunds rechte Schulter und knabberte liebevoll an seinen Haaren.

Ja, der Schamane und seine Frau w√ľrden noch leben, best√§tigte die G√∂ttin. Onkel Kro war an allem schuld. Er hatte den beiden einen b√∂sen Geist hinterhergeschickt, einen Tupilak, als sie zu ihrer letzten Jagd aufgebrochen waren. Und der miese fiese Tupilak hatte sie an der Eismeerk√ľste auch erwischt und sie in die Eiswand des Sichelgletschers gebannt. Dort sa√üen Mama und Papa nun fest, ohne zu leben oder zu sterben. Und Kro w√ľrde der neue Schamane werden.

‚ÄěWie grausam ist das denn? K√∂nnen Sie das nicht verhindern?‚Äú, rief Jara entsetzt.

J√∂lund bat: ‚ÄěBitte, Sedna. Kannst du meine Eltern nicht wieder lebendig machen?‚Äú

Die G√∂ttin √ľberlegte. Dann fragte sie: ‚ÄěUnd was w√ľrdet ihr mit Kro machen, jetzt, wo ihr wisst, wie b√∂se er ist? Muss er sterben?‚Äú

‚ÄěIch w√ľrde zu Gro√ümutter Norna ziehen‚Äú, sagte Jara sofort.

‚ÄěNein, sterben muss Onkel Kro nicht‚Äú, meinte J√∂lund. ‚ÄěWir sagen ihm, dass wir ihn durchschaut haben und dass wir alles wissen. Die Gemeinschaft wird √ľber ihn Recht sprechen, so wie es Brauch bei uns ist. Und er muss tun, was der Rabenclan beschlie√üt. Das w√§re gerecht.‚Äú

Der Rabe krächzte zufrieden, als ob er alles verstanden hatte.

‚ÄěDann soll es so sein‚Äú, entschied Sedna. Sie winkte den Kindern zum Abschied freundlich zu, bevor sie, einer Robbe nicht un√§hnlich, mit einem eleganten Sprung im Meerwasser verschwand.

Zur gleichen Zeit zogen so dichte Wolken vor dem Sichelgletscher auf, dass er gar nicht mehr zu erkennen war. Er grollte, als ob eine Lawine von ihm abging. Danach verzogen sich die Wolken wieder. Ein Boot stie√ü vom Gletschertor ab, und obwohl die Kinder es nicht genau wissen konnten, weil es ja ganz weit weg war, so waren sie doch davon √ľberzeugt, dass in ihm die zwei Menschen sa√üen, die sie von ganzem Herzen herbeigesehnt hatten.

Eine Woche später

Jara wohnte nun auch im Schamanenzelt. Dar√ľber war sie sehr froh. Das M√§dchen wich Gro√ümutter Norna nicht mehr von der Seite. Sie wollte so viel von der alten Frau lernen: Ihre leckeren Rezepte, wie sie es schaffte, ein schickes Paar Eskimostiefel an einem einzigen Tag fertig zu n√§hen, wozu alle anderen Frauen mindestens eine Woche brauchten, wieso sie mit dem Raben reden konnte, und vieles andere mehr. Gro√ümutter freute sich √ľber Jaras Wissbegier. Die zwei wurden unzertrennlich.

Der Rabenclan wusste inzwischen, warum ihr Schamane so lange nicht daheim gewesen war und wie tapfer Jölund und Jara auf ihrer Rettungsmission gewesen waren.

Die Abenteurer ‚Äď J√∂lund, Jara, Mama, Papa, Nanuk und Kuska - hatten es nat√ľrlich nicht am dritten Tag vom Eismeer zur√ľck bis in die Siedlung geschafft. Denkt nur mal an die Gletscherspalte! Die Eisbr√ľcke war ja weg, deshalb mussten sie nach einem neuen √úbergang suchen. Diese Suche kostete sie einen ganzen zus√§tzlichen Tag.

Kro verlangte vom Rabenclan inzwischen, dass sie wegziehen sollten. Ohne die Schamanenfamilie. Großmutter Norna konnte dazu niemand befragen. Sie war nämlich selber seit zwei Tagen verschwunden. Komisch, nicht wahr?

Doch am dritten Tag passierte in Igaliku etwas Magisches. Alle Eskimos sahen, wie ein Rabe heranflog, genau bis zum Schneehasenh√ľgel, und dort landete er. Dann war er irgendwie weg. Daf√ľr kam aber Gro√ümutter Norna hinter dem H√ľgel hervor. Sie wanderte zur√ľck in die Siedlung, hielt schnurstracks auf ihr Zelt zu ‚Äď und richtig, darin fand sie Kro. Er f√ľhlte sich schon ganz wie der neue Schamane.

Aber damit war nun Schluss. Großmutter Norna erzählte den staunenden Eskimos ganz genau, was in den letzten drei Tagen am Eismeer passiert war und was Kro Schlimmes getan hatte.

Während sie miteinander redeten, wanderte eine Herde Moschusochsen ganz dicht an der Siedlung vorbei.

Die Sippe hielt √ľber Kro Gericht, so wie es im Norden Brauch ist, und das einhellige Urteil lautete: Verbannung auf Lebenszeit.

Kro durfte mitnehmen, was er zum √úberleben in der Tundra brauchte ‚Äď seine Hunde, einen Schlitten, Kleidung, Waffen und etwas Nahrung ‚Äď aber er musste den Rabenclan sofort verlassen und durfte nie wieder zur√ľckkehren. Und wenn jemand den boshaften Onkel in der N√§he des Lagers erwischen w√ľrde, so w√ľrde er ihn erschie√üen.

Ja, so ist der Norden, liebe Kinder. Abenteuerlich, aber gerecht.

Marianne Thiele

 

 

 

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Last Updated (Sunday, 05 May 2019 14:10)