Abenteuer mit dem Roggenwolf

2009: Abenteuer mit dem Roggenwolf. In: Nordkurier, Nr.201 vom 29./30. 08. 2009, Kurier am Wochenende / Kurierschnecke, S. 07

Tobias und Jenny hatten den ganzen Nachmittag im Wald verbracht. „Mutti wird staunen, wenn sie sieht, dass wir zwei Eimer Blaubeeren gesammelt haben“, sagte Tobias.

„Gebt mir ein paar Beeren ab! Ich habe Hunger!“, bettelte jemand in ihrer Nähe.

Wer sprach da? Die Geschwister folgten der Stimme, bis sie vor einem hohlen Baumstumpf standen.

Jenny griff mutig hinein. Sie zog eine mit Moos bedeckte Holzkiste heraus, die nicht größer als ein Schulrucksack war.

Tobias öffnete das rostige Schloss mit seinem Taschenmesser.

Ein Freudengeheul war die Antwort. Der Kistendeckel flog krachend zur Seite, als ein graupelziges Tier heraussprang.

„Sechs Beine, scharfe Reißzähne und gelb glühende Augen“, sagte Jenny ungläubig. „Kneif mich mal, Toby, ob ich träume. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in Heimatkunde über so was schon mal gesprochen haben. Oder kommt das im Unterricht später dran?“

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich, glaub ich. Aber wir können es ja fragen, was es ist, es kann ja sprechen. – He, du da. Hast du einen Namen?“

„Oh ja. Ich bin der Roggenwolf“, knurrte das Monster. „Ich stehe als Feldwächter im Dienst der Mecklenburger Bauern und fresse alle Korndiebe. Vor 200 Jahren hat mich eine Bäuerin dummerweise in diese Kiste gesperrt, weil sie Angst um ihre zwei Kinder hatte. Die eigensinnigen Mädchen wollten nämlich im Roggenfeld Kornblumen pflücken gehen. Da ihr mich befreit habt, kriegt ihr zum Weglaufen drei Zählzeiten Vorsprung. Eins ...“

„Warte mal!“, protestierte Jenny. „Ich denke, du stehst auf Blaubeeren?“

„Quatsch. Das war natürlich gelogen“, sagte das Untier. Es grinste boshaft und zeigte spitze Zähne. „Sonst hättet ihr ja die Kiste nicht aufgemacht. Zwei ...“

„Was für Roggen?“, wunderte sich Tobias.

Der Roggenwolf stutzte. Ratlos sah er sich um. „Kiefern, Pilze und Blaubeeren gehen mich nichts an. Wo ist das nächste Feld?“

„Mindestens zwanzig Kilometer entfernt. Aber ich glaub nicht, dass dich der Bauer da drin sehen will“, meinte Jenny.

„Will er nicht?“, entsetzte sich der Wolf.

„Nein“, versicherte ihm Tobias. „Er passt auf seine Ernte selber auf. Und dich bringt er in den Zoo, wenn er dich erwischt.“

„Ich will aber kein Zootier sein“, murrte der Wolf. „Da gibt’s für mich doch nichts zu tun!“

Die Kinder überlegten.

„Ich hab’s!“, rief Tobias. „Du könntest doch ein Öko-Wolf sein. Du passt auf, dass keiner mehr Müll in den Wald wirft.“

„Wenn ich so einen Müllschmutzfink erwische, dann fresse ich ihn auf“, sagte der Wolf gierig und leckte sich die Lippen.

„Das lass mal lieber bleiben, sonst sperrt dich der nächste Blaubeersammler gleich wieder in eine Kiste“, sagte Jenny. „Aber du kannst ja die Ranger fragen, was du als Öko-Wolf sonst noch tun kannst. Wollen wir gleich ins Naturparkzentrum gehen? Da gibt es für dich bestimmt auch Futter.“

Damit waren alle einverstanden.

Ja, und wenn ihr demnächst beim Beerensammeln einem sechsbeinigen Wolf begegnet, dann seid nett zu ihm. Wenn ihr keinen Müll in den Wald geworfen habt, dann ist er nämlich auch nett zu euch!

 

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