Wie der Rabe die Sonne rettete

(2012: Wie der Rabe die Sonne rettete. In: Nordkurier, Nr. 157 vom 7./8.7. 2012, Kurierschnecke)

Vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch jung war und die Tiere mit den Menschen in Frieden lebten, da ging eines Morgens die Sonne nicht mehr auf.

Sie wohnte damals auf dem Nebelberg, der ja bekanntlich so unglaublich hoch ist, dass immer ein paar Wolken um seinen Gipfel kreisen. Dort oben hatte sie ihre JagdhĂŒtte, und sie war auch zu Hause, denn hinter den zugezogenen Gardinen schimmerte Licht. Leider war das schon alles, was man an jenem Morgen von ihr sah. Sie kam einfach nicht heraus!

Ihr Bruder, der Mond, hatte seine Himmelsrunde inzwischen beendet. Aus reiner GutmĂŒtigkeit machte er ein paar Überstunden und leuchtete ein bisschen lĂ€nger. Aber er war mĂŒde, er wollte ins Bett, und so wĂŒrde auch ihm bald das Licht ausgehen.

Die Tiere machten sich Sorgen. Wie sollten sie leben, so ganz ohne Licht und WĂ€rme? Da meldete sich das Stachelschwein. „Ich werde hingehen und die Sonne wecken“, sprach es. „Wartet auf mich, meine Freunde, ich bin bald wieder zurĂŒck!“ Es lief los, und gar nicht mal langsam, doch unterwegs traf es Verwandte, und wenn sie keiner gestört hat, dann schwatzen sie heute noch.

Weil es nicht wiederkam und der Mond immer schwĂ€cher wurde, erklĂ€rte sich nun der Rabe bereit, die Welt zu retten. Er flog los, kam auch schnell auf dem Gipfel des Nebelberges an und lugte erst mal durch den TĂŒrspalt.

Die Sonne saß an ihrem Tisch und schlief. Neben ihr standen zwei BĂ€renbrĂŒder, ein großer und ein kleinerer. „Hier bleiben wir!“, riefen sie lachend. „Hier ist es warm und behaglich. Die dumme Sonne wird uns noch lange WĂ€rme spenden, sie darf nur nicht aufwachen!“ Voller Empörung beobachtete der gefiederte Spion, wie der grĂ¶ĂŸere BĂ€r der Sonne etwas in den Tee tat – ein Schlafmittel!

Gegen zwei starke BĂ€renbrĂŒder konnte der kleine Rabe nicht kĂ€mpfen, da half nur eine List. Er huschte in die Stube, entzĂŒndete am sanft glimmenden Sonnenfeuer einen Stock und floh mit dieser Minifackel zur TĂŒr hinaus.

Die BĂ€ren entdeckten den frechen Dieb. Laut schimpfend nahmen sie die Verfolgung auf. Da sie nicht fliegen konnten, mussten sie die schmalen Bergpfade wohl oder ĂŒbel zu Fuß hinunterlaufen. Deshalb verloren sie wĂ€hrend ihrer Jagd kostbare Zeit.

Inzwischen erwachte die Sonne aus ihrem kĂŒnstlichen Schlaf. Sie merkte, dass ihr Tee nach Schlafmohn roch und begriff, was geschehen war. Voller Empörung begab sie sich auf die Suche nach ihren betrĂŒgerischen GĂ€sten.

Als die Sonne wieder ihre Bahn zog, jubelten alle Tiere, nur die zwei BĂ€ren nicht. Sie wurden zur Strafe in den Himmel verbannt, und wenn ihr nachts zu den Sternen schaut, liebe Kinder, dann werdet ihr sie dort gewiss entdecken – in den Sternbildern des Großen und des Kleinen BĂ€ren!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Tuesday, 22 January 2019 14:48)