Glooscap und die Tiere des Landes und der See

Zu Anbeginn der Zeit sahen manche Tiere anders aus als heute. Es gab beispielsweise Eichhörnchen, die waren so groß wie BĂ€ren, lebten im Wald und knabberten an den Wipfeln der höchsten BĂ€ume. Der Biber war ein mĂ€chtiges Ungeheuer, was sogar solche FlĂŒsse wie den Mississipi dĂ€mmen konnte, und der Elch, der König der WĂ€lder, konnte mit Leichtigkeit die dicksten BĂ€ume umstoßen. Die Indianer fĂŒrchteten sich vor diesen felltragenden RĂŒpeln, denn sie brachen rĂŒcksichtslos in die Behausungen der RothĂ€ute ein, stahlen ihnen das Essen und sogar ihre Kinder.

Als Gloosccap mit seinem steinernen Canoe das Land der Indianer erreichte, hießen sie ihn freundlich willkommen. Er besuchte sie in ihren Zelten, lauschte aufmerksam ihren ErzĂ€hlungen, erfuhr, wie sie lebten und arbeiteten, und er hörte auch davon, wie sich die großen Tiere verhielten.

DarĂŒber wurde Glooscap sehr böse, denn er war zwar ein Freund der Tiere, aber auch der BeschĂŒtzer der Indianer. „FĂŒrchtet euch nicht lĂ€nger“, sagte er. „Ich werde euch helfen!“

Er ging in den Wald und rief dort alle Tiere zusammen. Sie eilten herbei, um ihren Meister zu begrĂŒĂŸen.

Glooscap stellte ihnen eine ganz einfache Frage: „Was tut ihr, wenn ihr seht, dass ein Indianer den Wald betritt?“

Das Eichhörnchen lachte laut, als es das hörte. Seine Augen funkelten bösartig. „Ich wĂŒrde einen Baum ausreißen, so dass er auf den Menschen niederfĂ€llt!“

König Elch prĂ€sentierte stolz sein Geweih: „Pah, du Angeber! Ich wĂŒrde einen noch grĂ¶ĂŸeren Baum umstoßen!“

Der mĂ€chtige EisbĂ€r grunzte: „Warum die MĂŒhe, liebe Kollegen? Ich wĂŒrde die Rothaut fressen, und damit basta.“

Keines dieser Tiere fĂŒhlte Mitleid mit den SchwĂ€cheren.

Glooscap hatte genug gehört, und er sah auch, wie die kleineren Tiere unzufrieden murrten. Keines von ihnen wagte einen lauten Widerspruch. Deshalb berĂŒhrte Glooscap die drei grĂ¶ĂŸten Störenfriede sacht mit der Hand, gerade so, als ob er sie streicheln wollte. Sofort begannen sie zu schrumpfen. Erst bloß ein bisschen, dann immer mehr.

Die anderen Tiere sahen sich das ungewöhnliche Schauspiel fasziniert an.

Der Biber und der Ochsenfrosch jedoch murrten. Sie waren die erklÀrten Feinde Glooscaps, und als sie die Macht des Meisters sahen, flohen sie.

Als Glooscap seine Arbeit beendet hatte, waren alle Tiere genauso groß, wie wir sie heute kennen. Jedem von ihnen verlieh er die Kraft und die FĂ€higkeit, in der freien Natur zu ĂŒberleben.

Zuletzt wiederholte er freundlich seine Frage: „Was wĂŒrdest du tun, wenn du einen Indianer im Wald siehst?“

Das Eichhörnchen antwortete Ă€ngstlich: „Ich wĂŒrde auf den höchsten Gipfel des Baumes klettern.“

Glooscap erlaubte ihm, von nun an auf den BĂ€umen zu leben.

König Elch sagte: „Ich wĂŒrde in den tiefsten Wald fliehen.“ Und genau da lebt er noch heute.

Der EisbĂ€r jedoch, der immer noch schlecht auf den Menschen zu sprechen war, wurde in die weiße arktische KĂ€lte verbannt, ganz hoch in den Norden, und dort jagt er bis zum heutigen Tag die Robben – aber eben keine Indianer mehr.

Neu erzÀhlt von M. Thiele

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Quelle: Eine Legende aus Nova Scotia, Ostkanada

 

 

Last Updated (Tuesday, 22 January 2019 14:49)