Ein Karpfen für den Weihnachtsmann

„Guten Abend, mein Lieber! Ich habe eine Überraschung für dich“, krächzte die Winterhexe. Sie stellte ihren struppigen Besen hinter die Stubentür, schüttelte sich den Schnee aus dem Reiseumhang und grinste den Weihnachtsmann fröhlich an.

„Eine Über –äh -raschung?“, wiederholte der gute Alte ungläubig.

„Genau! Knorkelbein und Hühnerei, jetzt kaufen wir Karpfen für uns zwei!“

„Bitte nicht, ich mag doch keinen Fisch!“, jammerte der gute Alte, doch das nützte ihm nichts. Das zugefrorene Stubenfenster öffnete sich knirschend, und hui, flogen die beiden zum Wochenmarkt nach Rovaniemi. Platsch! Sie landeten mitten in einer dicken Schneewehe, direkt vor dem Verkaufsstand des Fischhändlers.

„Na, was darf’s denn Schönes sein, ihr Lieben?“, brummte Halvor, der Fischer.

„Wir möchten einen Karpfen kaufen“, krächzte die Winterhexe.

„Bitte sehr“, sagte Halvor.

Er wies auf ein kleines Aquarium, in dem drei große Karpfen ihr Schicksal erwarteten.

„Oh, wie lecker. Such dir einen aus“, schlug das Hexlein vor.

Aber der Weihnachtsmann zuckte nur ratlos mit den Schultern.

Da griff Halvor nach dem dicksten der drei Kandidaten und wickelte ihn in ein Stück Papier ein.

„Wie gemein. So bekommt er ja gar nicht genug Luft!“, empörte sich der Weihnachtsmann.

Einen Zauberspruch und wenige Atemzüge später erholte sich das Weihnachtsmenü der Winterhexe in einer randvoll gefüllten Badewanne von den Aufregungen.

„Jetzt geht es dir besser, nicht wahr?“, murmelte der Weihnachtsmann. Das Winterhexlein klapperte in der Küche verheißungsvoll mit Töpfen und Pfannen. „Säubern, säuern, salzen“, trällerte es. „Wie magst du ihn am liebsten? Blau oder in Aspik?“

„Ich – ich weiß nicht ...“ stammelte der Weihnachtsmann. „Ich finde, so wie er jetzt aussieht, hat er genau die richtige Farbe!“

Den Abend des 23. Dezember verbrachte der gute Alte im Badezimmer. Er las dem Karpfen die Wunschzettel der Kinder vor. In der Nacht schlich er mehrmals zur Wanne, aber zu seiner Erleichterung ging es ihrem Bewohner jedesmal gut.

„Karlchen wird langsam Hunger haben“, bemerkte der Weihnachtsmann, als er am Weihnachtsmorgen am Frühstückstisch saß.

„Hihi. Jetzt hat unser Mittagessen sogar schon einen Namen“, kicherte das Hexlein. „Hier, nimm das Messer und ...“

Der Weihnachtsmann wehrte erschrocken ab.

„Dann tue ich es eben selbst“, zürnte das Hexlein. Es verschwand im Bad. Als es nach einer Stunde noch nicht wieder herausgekommen war, ging der gute Alte nachschauen.

Da saß das Hexlein vor der Wanne, sah Karlchen zu, wie er munter hin- und herschwamm, und klagte: „Ich – ich kann es auch nicht!“

Wenig später standen sie zu dritt am Ufer des Inarisees. Behutsam setzten sie den Karpfen in ein Eisloch und freuten sich, als er flossenschlagend im Wasser verschwand.

„Frohe Weihnachten, Karlchen“, rief der Weihnachtsmann. „Jetzt essen wir statt Fisch Pfefferkuchen. Und dann packen wir die Geschenke auf den Rentierschlitten. Ich glaube, liebes Hexlein, das ist das schönste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe!“

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 01 December 2018 16:21)