Bild: G. Endlich

(2018: Liebesschloss. Belletristik-Sammelband. Hrsg. M. Thiele. - Sarturia® Buch-Nr. 30876. Sarturia Verlag e. K. Autoren Service. Finkenweg 9, 72669 Unterensingen. - ISBN 978-3-940830-87-6, 316 S.)

Das Unerwartete

Die Abendnachrichten waren vorbei, der Moderator hatte sich soeben mit gewohnter Souveränität von den Zuschauern verabschiedet: „Die Spätnachrichten präsentieren wir Ihnen um 22.00 Uhr. Wir wünschen Ihnen bis dahin einen angenehmen Abend!“

Der weißhaarige Mann auf der Couch schnippte kurz und ungeduldig mit der Fernbedienung in Richtung Fernseher, und ohne abzuwarten, ob der Bildschirm wirklich dunkel wurde, erhob er sich und verließ die Wohnstube. Drei kurze Schritte, länger war der Flurbereich nicht, dann stand er vor dem Garderobenständer. Er griff nach dem leichten grauen Sommermantel, prüfte, ob er den Haustürschlüssel in der rechten Manteltasche hatte, wechselte die Schuhe, dann eilte er aus der Wohnung.

Während er den Hof seines kleinen Grundstücks überquerte, checkte er so wie in den vergangenen 3 Tagen, ob die Rosen am Zaun endlich vernünftig blühten. Doch nichts von dem, was er im Abendsonnenlicht sah, gefiel ihm. Was, wenn sie diesmal wirklich aus dem Haus kam, zu ihm trat, ihn etwas fragte? Da konnte er doch keine unvollkommene Rose haben! Nein, weder eine fest geschlossene Rosenknospe noch eine zu stark aufgeblühte Blume kam in Frage. Er wusste genau, was er wollte: Rot sollte sie sein, knackig, in voller Pracht, süß duftend. Und frisch geklaut, so als ob er noch Student wäre, ohne Geld für teure Geschenke.

Heute konnte er sich vieles ohne nachzudenken leisten – den teuren Umzug, die neue Küche, das schicke Haus. Das Leben war leichter, sicherer. Aber glücklicher machte ihn der Wohlstand nicht. Es fehlte etwas…

Oh ja, die Blumen … eigentlich waren die unnütz gewesen, wenn man wenig Geld hatte. Und doch: Sie verströmten einen dezenten Hauch von Luxus, wenn man sie trotzdem verschenkte. Das kam bei den Mädchen gut an. Die wussten zwar, dass ihre Jungs die Blümchen zuweilen bargeldlos organisierten, aber wen störte das? Damals musste das eben gelegentlich so sein – und heute Abend offenbar auch!

Er verließ sein stilles Grundstück, überquerte die Straße und erreichte auf der gegenüber liegenden Seite den Stadtpark – eine offene, jedermann zugängliche Grünanlage mit alten Bäumen, Blumen und Sitzgelegenheiten. Vor den Rosenrabatten verlangsamte er seinen Schritt – ein schneller Rundumblick, ein kurzer Kniff, so wie früher. Etwas beschämt ob des dreisten Diebstahls einer öffentlichen Rose und zugleich glücklich über ihren Besitz kehrte er zu seinem Hof zurück. Aber er betrat ihn nicht, sondern zog drei Häuser weiter bis zu jener speziellen Laterne, die nicht leuchten würde – das wusste er von den vorangegangenen drei Nächten. Wallstraße Nummer drei. Kleiner Vorgarten mit niedrigem Zaun, ein Gartenzwerg, weiße Hauswand, zwei Stockwerke, ein rotes Dach. Blumen in den Fenstern. Alles ganz ähnlich wie bei dem Haus, in welchem er nun wohnte.

Sein Herz klopfte stärker, als er seinen Blick dem Fenster links vom Eingang zuwandte, hinter dem er sie wusste. Sie, für die die Rose war, sie, die er nur einen Tag nach seinem Einzug in das kleine, altersgerechte Haus so unerwartet an der Bushaltestelle kennengelernt hatte. Sie hatten nur kurz miteinander gesprochen – neu hier – ja – ach ja, ganz passable Wohngegend, nette Nachbarn - sehen wir uns mal im Klub?

Oh, wenn er früher gewusst hätte, was für Überraschungen das Leben noch bereithielt, er wäre viel eher aus seiner einsamen 5-Zimmerwohnung im Villenviertel aus- und hierhergezogen. Er hatte sie vom ersten Blick, vom ersten Wort an gemocht. Ihre braunen Augen, die hinter den Brillengläsern lustig funkeln konnten, die Lachfältchen, ihr helles Haar, natürlich ungefärbt, ihre freundliche Stimme, alles gefiel ihm. An jedes Wort ihrer kurzen Unterhaltung erinnerte er sich so genau, als ob es sich in sein Gedächtnis eingebrannt hätte.

Er stand unter der Laterne, vor dem Zaun von Nummer 3, führte seine Gedanken spazieren, lächelte dabei still vor sich hin und merkte nicht, wie die Zeit verstrich. Es dämmerte inzwischen, die Luft wurde kühler. Menschen waren nicht mehr unterwegs. Die ersten Fledermäuse begaben sich auf die Jagd nach den Nachtfaltern. Ein Igel wanderte schnaufend am Zaun entlang und verschwand im Vorgarten unter den Büschen. Der Mann spürte jetzt, wie die Kälte an ihm hochkroch. Er schlang den Mantel enger um sich, denn ein bisschen wollte er noch warten. Sein Herz schlug fröhlich, in einer gesunden Vorfreude, wie nur eine junge, aufkeimende Liebe sie beschert. Er sah zum Fenster, hinter dem nun Licht war – sie las vermutlich - dann zur Haustür Nummer 3. Um neun würde sie diese Tür öffnen und nach ihrem Kater Aslan rufen. Er hatte den schwarzen Flohpelz bereits entdeckt, links neben dem Hoftor. Sobald sein Frauchen zu hören war, würde er in einen gewaltigen Spurt verfallen, als ob er von wer weiß wie weit herbeigeeilt käme, nur um zu seinem Zweibeiner zu kommen. Und dabei saß der Schlingel keine zehn Schritte von der Tür entfernt!

Sie schaute zum Fenster hinaus – schon wieder stand der stille, weißbärtige Mann vor ihrem Haus, mit einer Rose in der Hand. Es war der neue Nachbar, gut angezogen und nett, sie erinnerte sich an ihn. Ja, die Bushaltestelle, wenige Tage war’s her, ein kleines Gespräch. Er war frisch zugezogen, kannte keinen. Und nun – das Warten unter der Laterne. Seit drei Abenden tat der Nachbar das. Er ging erst weg, nachdem Aslan im Haus war. Ohne dass er bis dahin jemanden getroffen hätte oder mit jemandem gesprochen hätte. Zu seltsam, aber irgendwie auch aufregend. Auf wen bitte wartete er? Sollte sie sich geschmeichelt fühlen? Ihrer weiblichen Intuition vertrauen? Sie verspürte eine gewisse Neugier, aber sie würde es ohnehin gleich erfahren. Sie musste nur schnell genug sein.

Kurz vor 9 Uhr begann sie leise zu zählen: 10, 9, 8, …, denn die Laterne würde gleich angehen, sie hatte sich heute um die Reparatur gekümmert und der Elektriker war schon dagewesen. Bei „5“ pfiff sie Aslan ins Haus und bei „2, 1, zero“ stand sie vor dem Nachbarn, so wie sie es geplant hatte – und brachte plötzlich kein Wort heraus. Nichts von dem, was sie ihn hatte fragen wollen, kam ihr über die Lippen. Ihr Herz schlug schneller, in einem guten, frohen Rhythmus, und eine sanfte Röte überzog ihre Wangen, wie immer, wenn sie verlegen war.

Er sagte nichts. Aber er schmunzelte, als unerwartet die Laterne ihr warmes gelbes Licht verströmte, und er hielt ihr die rote Rose hin, wunderbar passend zum Rot ihrer Wangen. Und als sie sein duftendes Geschenk mit einem freundlichen Lächeln annahm, da wussten sie beide, dass nicht nur für die brave alte Straßenlaterne eine neue Ära begonnen hatte.

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 01 December 2018 16:18)