Ein krasser Wunschzettel

(2018: Der Wunschzettel. Kurzgeschichte. In: Schweriner Volkszeitung Nr. 276/73. vom 27.November 2018, Sonderveröffentlichung zum Advent, S. 18)

Das Einkaufszentrum war hammervoll. Totales Weihnachtschaos, dachte Tobias. In allen Geschäften tummelten sich gut gelaunte, kauffreudige Leute. Im Elektronikgeschäft kam der Junge nur mit Mühe bis zum Musikregal. Nachdem er die Jazz - CD für Vati ergattert hatte und einen sehnsüchtigen Blick auf das neue StarWars - Spiel geworfen hatte, drängte sich Tobias bis zum Buchladen durch. Mutti hatte sich einen historischen Roman gewünscht. Soll sie haben, dachte der Junge. Oh, dieses Titelbild mit einem edlen Ritter darauf sieht toll aus. Wenn sich das Buch jetzt auch noch gut liest, hab ich alle Weihnachtsgeschenke beisammen.

Er schlug die erste Seite auf. Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter, und eine tiefe Stimme brummte ihm ins Ohr: „Tschuldigung, Kleiner. Kannst du mir helfen?“ Tobias blickte auf, und als er begriff, wer ihm die Frage gestellt hatte, ließ er vor Schreck Muttis Buch fallen. Platschend schlug es auf dem Boden auf. „Ja, bist du denn … sind Sie etwa der …?“ Der Unbekannte errötete hinter seinem silberweißen Bart. „Psst. Ich gehe immer während des dicksten Einkaufstrubels los, denn dann beachtet mich keiner. Alle haben genug mit sich selbst zu tun, nicht wahr? Aber heute – hier, mein Junge, ich verstehe einfach nicht, was diese Kinder sich wünschen.“

Der weißbärtige Alte zeigte Tobias seine Einkaufsliste. Darauf stand auf Position 8742: ein Apfel-Notizbuch mit zehn Fenstern, gefolgt von Nummer 8743 - einem Schneebrett. Und Toms sprechende Feuertablette toppte alles. Was für ein Quatsch!

„Na ja, die Kinder haben mir natürlich andere Wörter aufgeschrieben“, gab der gute Alte mit verschmitztem Lächeln zu. „Aber mit denen konnte ich nichts anfangen. Also hab ich alles ins Weihnachtsmännische übersetzt. Verstehen tu ich’s trotzdem nicht. Muss ich jetzt tatsächlich ein Notizbuch aus Apfelschalen basteln? Und wozu braucht die 11jährige Tamira 10 Fenster? Etwa welche vom Baumarkt? Lucys Schneebrett kann ich ohne Kühlschrank gar nicht ausliefern, sonst taut es ja. Und dann Toms feurige Tabletten ...“ Der Weißbart verstummte. Er sah so unglücklich aus, dass Tobias gar nicht anders konnte. Er ließ Muttis Buch da, wo es im Moment war, nahm den guten Alten an die Hand und zog ihn in das Elektronikgeschäft. Dort drückte er ihm ein Apple Notebook mit Windows 10 und ein Fire - Tablet mit Sprachfunktion in die Hand. „Das Schneebrett ist ein Snowboard. Das bekommst du nebenan im Sportgeschäft“, versprach er. „Ist jetzt alles gut?“

Da erhellte ein Lächeln das liebe, pausbackige Gesicht des guten Weißbarts. Pffft, löste er sich in Luft auf. Aber Tobias fühlte ganz deutlich, dass er plötzlich etwas Festes, Viereckiges in seiner Tasche hatte. Und als er es hervorzog, da hatte er nicht nur Muttis Buch, sondern auch das neue StarWars - Spiel in den Händen, mit echten Kassenzetteln und einer Widmung vom … aber nein, liebe Kinder, das wird hier nicht verraten. Frohe Weihnachten!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Wednesday, 28 November 2018 14:56)